Künstliche Intelligenz: Der totale Code - Wie unser Leben digitalisiert wird

Datenkonzerne entscheiden Wahlen, überwachen Menschen und zersetzen die Demokratie.

Früher verdrängte Bewegung nur Luft, heute erzeugt jeder Schritt Nullen und Einsen in einer unsichtbaren Matrix. Unsere Welt überträgt sich in die binären Codes der Maschinen, verdoppelt sich Bit für Bit auf den Serverfarmen von Google, Facebook oder der NSA. Sensoren verwandeln Städte in Smart Cities und erzeugen interaktive Umgebungen. Huawei rechnet mit 100 Milliarden Messpunkten bis 2020. Bäume bekommen IP-Adressen - alles wird vernetzt und analysierbar.

Wie unter einem Radar erzeugt jegliches Verhalten Muster und ermöglicht Rückschlüsse. Bis in unser Innerstes dringt die technokratische Neugierde vor: Eine türkische Universität entwickelt Sensoren, die Hirnströme auslesen, um die Temperatur oder Beleuchtung zu Hause automatisch nach dem Befinden zu steuern.

Facebook arbeitet daran, Gedanken zu digitalisieren. Mark Zuckerberg, dem manche Ambitionen für das Präsidentschaftsamt nachsagen, spricht von „Gedankenübertragung“. Keine Spinnerei, sondern Big Data-Analyse. Maschinen verwandeln Gehirnwellen in Postings, aus Facebook wird ein Bewusstseinskonzern, ein globales Netzwerk aus neuronalen Verschaltungen von Menschen und Maschinen.

Die Entstehung digitaler Plattformen ermöglicht eine Verarbeitung und Koordination von Menschen in Echtzeit mit Hilfe von Algorithmen, ähnliche Funktionen, die in der analogen Welt der Staat übernahm. So wie Uber global das Taxigewerbe und bald das gesamte Transportwesen zerstört, und Amazon die Logistik, den Versand und Einzelhandel verschlingt, könnte die weitreichendste Folge der Digitalisierung die Disruption der Demokratie sein. Dabei spielen Datenkonzerne die ausschlaggebende Rolle.

Sie wandeln sich zunehmend in KI-Konglomerate. „KI“: Künstliche Intelligenz. Selbstlernende Software. Erschaffen aus exponentiell wachsenden Datenmassen und Rechenleistungen. Erst die Evolution künstlich intelligenter Systeme eröffnet ein Verständnis für die entstehenden Datenuniversen.

Diese Technik ist anders. Sie macht alle zuvor geschaffenen Werkzeuge überflüssig, weil sie deren Funktion automatisiert. Auch das wichtigste Werkzeug des Menschen: die Kognition, also Informationsverarbeitung. Juristen, Versicherungsangestellte, Journalisten verloren bereits ihre Jobs. Denn KI ermöglicht die umfassendste Automatisierung von Arbeit in der Geschichte der Menschheit. Das verdeutlicht den revolutionären Wandel und die sozialen Verwerfungen, die ihn begleiten könnten.

KI arbeitet flexibel, nicht starr. Die gleiche Software, mit der der Militärkonzern Lockheed Martin Raketen steuert, nutzt er zu Identifikation von Blutvergiftung: Selbstlernende Algorithmen erkennen Muster und Bilder besser als Menschen. Mustererkennung ist eine Grundlage von Kognition. Künstlich intelligente Systeme lernen sehen und hören. Sie errechnen Sprache als Vektoren, vermessen Winkel zwischen Worthäufigkeiten und Wortwahl in einem semantischen Raum. Sie lernen sprechen. Und dies zunehmend ohne eine vorherige Programmierung. Rund um die Uhr, ohne Pause. Der Input sind Daten, die wir permanent erzeugen. „Heute müssen wir Computer nicht mehr programmieren, sie programmieren sich selbst“, schreibt der Informatiker Pedro Domingos von der University of Washington.

Systeme können bereits Millionen Stunden Videos „sehen“ und zusammenfassen, ebenso ganze Bibliotheken. Sie diagnostizieren medizinische Befunde besser als Fachärzte. Konzerne bestellten solche Maschinen bereits als Aufsichtsräte.

Wir befinden uns mitten in einem technologischen Tsunami, den viele, betört von den Möglichkeiten einer vielfältigen Technologie, nicht wahrnehmen. Die wichtigste Aufgabe wird sein, diese Entwicklung zu überwachen und zu steuern.

Barack Obama, der mit Hilfe solcher Technologien auch seine Wiederwahl absicherte, berief zuletzt noch einen Workshop, um die Gefahren von KI zu erörtern. Diese sind wie auch die Chancen vielfältig und schwer absehbar. Schon jetzt bilden sich um Daten und Rechenleistung Oligopole, die zugleich die Herrschaft über KI markieren.

Während 2007 nur Microsoft zu den zehn wertvollsten Unternehmen zählte, führen heute Apple, Alphabet (Google), Microsoft, Amazon und Facebook die Liste an. Jene Firmen, die das kommerzielle Feld von KI dominieren. Google kündigte an, alle seine Programmierer auf diese Technologie ausrichten zu wollen. Facebook behauptet, ein System zu besitzen, das selbst lernende Algorithmen generiert. Es wird der „automated machine learning engineer“ genannt und soll 300 000 Machine-Learning-Algorithmen pro Monat testen können.

Allein im Jahr 2016 wurden laut McKinsey zwischen 26 und 39 Milliarden Dollar in KI-Firmen investiert. PriceWaterhouse Coopers rechnet damit, dass Künstliche Intelligenz bis 2030 einen Anteil von rund 14 Prozent an der globalen Wirtschaft ausmachen könnte, die irrwitzige Summe von 15,7 Trillionen Dollar. Ein Forscher wie Andrew Ng, Vater des KI-Projekts Google Brain, rät allen Unternehmen, sich jetzt mit Künstlicher Intelligenz zu beschäftigen, um nicht überrollt zu werden.

Das Verschwinden der Privatsphäre

Nach der Demokratie könnte eine transnationale und neofeudale Klassengesellschaft entstehen, deren technologisch hochgerüstete Spitzenkaste sich abschottet. Ihre Datenanalysen bleiben als Geschäftsgeheimnis intransparent und werden nahezu unverständlich. Denn diese Technologie automatisiert sich selbst. Algorithmen erzeugen Algorithmen, die bereits heute kein Programmierer mehr nachvollziehen kann, wie Forscher Domingos feststellt.

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