Künftiger Landesvater oder Bundesminister? Cem Özdemir arbeitet an seinem Comeback

Christiane Rebhan
·Lesedauer: 5 Min.
Cem Özdemir spricht bei der Landesdelegiertenkonferenz der Grünen in Heilbronn.
Cem Özdemir spricht bei der Landesdelegiertenkonferenz der Grünen in Heilbronn.

Er war einst einer der beliebtesten Politiker Deutschlands, heute reicht es nicht mal mehr für die Top-Ten: Cem Özdemir (Grüne). Der Mann aus Bad Urach auf der Schwäbischen Alb, jahrelang Parteivorsitzender der Grünen, hatte sich nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen 2017 aus der ersten Reihe zurückgezogen. Zu tief war die Fallhöhe – wurde er doch bereits als künftiger Außenminister gehandelt. Özdemirs politische Karriere kam abrupt ins Stocken.

Bei der Vergabe der Ausschüsse im Bundestag bekam der grüne Spitzenpolitiker erneut nicht das, was er wollte. Seit 2018 steht er dem Verkehrsausschuss vor – lieber gewesen wären ihm aber Wirtschaft oder Auswärtiges. Weggefährten urteilen, nur Abgeordneter und Ausschussvorsitzender zu sein, reiche dem Mann, der nach eigenen Angaben immer gegen Widerstände kämpfen musste – nicht aus: "Er strebt nach Höherem und kann auch mehr."

Regieren die Grünen, will Özdemir nicht leer ausgehen

Inzwischen steigt das Wahl-Barometer für die Grünen. Sie liegen stabil über 20 Prozent in den Sonntagsfragen, könnten ab Herbst 2021 der Regierung angehören und möglicherweise sogar die Kanzlerin stellen. Und obwohl aus jedem grünen Mund stets der Satz zu hören ist: "Wir reden noch nicht über Posten", geht es im Hintergrund durchaus auch darum. Kämen die Grünen an die Regierung, müsste neben der möglichen Kanzlerin Annalena Baerbock auch an ihren Vize-Parteichef Robert Habeck gedacht werden, ebenso andie beiden Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter. Und immer wieder fällt dabei auch der Name Cem Özdemir.

Doch was ist drin für den 55-jährigen Schwaben, der als das ewige Talent gilt? Da gehen die Meinungen stark auseinander. Fragt man in Berlin, im Umfeld der Bundestagsfraktion, dann gilt Özdemir als "kluger Politiker", fähig und wichtig für die Grünen. Er ist überaus wohl gelitten, man hört kein schlechtes Wort über ihn. Diejenigen mit weiter zurückreichendem "grünen" Gedächtnis rechnen es ihm hoch an, dass er die Partei in schwierigen Zeiten geführt hat. Wahr ist allerdings auch: Eine direkte Verwendungsmöglichkeit für Özdemir nach der Bundestagswahl nennt niemand. Nicht einmal im Hintergrund.

Fakt ist: Özdemir arbeitet an seinem Comeback. Er hat für sich selbst den Anspruch, nicht nur wie 2017 Stimmenkönig der Fraktion zu werden und das Direktmandat im Wahlkreis Stuttgart I erringen. Außerdem will er sich und seine Zugkraft für die Grünen erneut als Spitzenkandidat der Landesgruppe Baden-Württemberg unter Beweis stellen. Mit ihnen will er ein besonders starkes Ergebnis einfahren. Auf dem Nominierungsparteitag im April sagte Özdemir, dafür wolle er Verantwortung übernehmen. Gelingt das und hat er seiner Partei mit seinem Gesicht zum Erfolg verholfen, wird erneut die Frage im Raum stehen, was für ihn dabei rausspringt. Angedichtet wird ihm vieles.

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Özdemir treibt die Türkei-Politik um, er möchte Präsident Erdogan die Stirn bieten – doch im Außenministerium könnte ihm, wenn es mit dem Kanzleramt nicht klappt, Baerbock vor die Nase gesetzt werden. Für das grüne Schlüsselministerium Verkehr, aus dem die klimafreundliche Wende eingeleitet werden soll, gilt Hofreiter als gesetzt. So mancher aus der Fraktion sieht Cem Özdemirs Stärken sowieso ganz woanders: Der Schwabe sei wegen seines Engagements gegen Rechts, seiner starken Widerworte gegen die AfD und dem Mut, die großen Auseinandersetzungen im Land anzugehen, "wichtig für die gesellschaftspolitische Komponente der Grünen". Also eher ein Ministerium, das ins Land hinein wirkt?

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Die Vergabe der Ministerien und weiteren Posten erfolgt – das weiß auch Özdemir – in dem Spannungsfeld zwischen einer parteiinternen Binnenlogik und der Außenlogik, also den Wünschen möglicher Koalitionspartner. Innerhalb der Partei gilt es, den Realo- und Linken-Flügel auszutarieren, ebenso wie die Geographie. Posten werden meist mit Politikern aus verschiedenen Landesverbänden besetzt, möglichst viele sollen zum Zug kommen. Zudem sollten die Grünen ihrem Anspruch einer vielfältigen Partei gerecht werden und sowohl auf ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis achten, als auch darauf, dass Menschen mit Migrationshintergrund repräsentiert werden. Bei all dieser Arithmetik kann der Schwabe möglicherweise hinten runter fallen.

Seine Perspektiven in der Heimat

Dann ist da noch eine zweite Möglichkeit für Cem Özdemir: Als in Baden-Württemberg unklar war, ob der 72-jährige Winfried Kretschmann als Ministerpräsident weiter macht, fiel Özdemirs Name zuerst. Er gilt als "feste Größe" in der grünen Landespolitik, feiert mindestens so leidenschaftlich "Fasnet" wie der amtierende Landesvater, und ist nach wie vor das bekannteste Gesicht hinter Kretschmann.

Seine enge Verbindung zum Ministerpräsidenten ist bekannt. Im Hintergrund gibt man in der Staatskanzlei unumwunden zu, dass Özdemir in fünf Jahren als Nachfolger infrage kommt. Er gehöre sicher zur "engen Auswahl". Jemand wie er habe das Zeug dazu, die Grünen im Landtagswahlkampf anzuführen, heißt es. Spricht man den Bad Uracher direkt auf eine Rückkehr in die Heimat an, weicht er aus oder gibt so diplomatische Sätze von sich wie: "Ich habe nicht gesagt, dass der, mit dem Sie gerade sprechen, es nicht wird." In Stuttgart würde er jedenfalls mit offenen Armen empfangen.

Cem Özdemirs Dilemma ist: er gilt im Land viel, in Berlin aber weniger als er womöglich glaubt. "Er sitzt einer Selbsttäuschung auf", hört man aus Kreisen, die beide Perspektiven kennen. Seine Entscheidung, den Fokus auf Berlin zu legen, traf er einst überwiegend aus privaten Gründen. Seit 2007 wohnt Özdemir mit seiner Frau, einer Journalistin, und seinen Kindern in einem Haus in der Nähe des Kottbusser Tors in Berlin. Im Herbst nach der Bundestagswahl ist es für den 55-Jährigen wichtig, das Momentum nicht zu verpassen. Wenn nur der Verdacht aufkäme, die Rolle des Landesvaters des wirtschaftsstarken Südstaats sei für ihn nur der Trostpreis – es würde ihm die Ausgangsposition verhageln und der Opposition einen Angriffspunkt liefern.