„Ihr könnt doch nicht einfach aufhören“


Es herrscht reges Kommen und Gehen in dem unscheinbaren Bürogebäude im Essener Süden. Türen knallen, Aufzüge fahren in die oberen Etagen, Angestellte gehen in die Pause. Fast alle von ihnen tragen die Jacken mit den weißen Kordeln und dem Lederemblem auf dem Ärmel. Kein Wunder, denn Naketano hat hier seinen Hauptsitz. Die Jacken und Hoodies des Essener Modelabels scheinen bei den Mitarbeitern zur Arbeitsuniform zu gehören. Doch angesprochen auf die bevorstehende Betriebsschließung wollen die Mitarbeiter keinen Kommentar abgeben.

Auch der Empfang der Firmenzentrale wiegelt ab: Eine Mitarbeiterin schlägt die gläserne Tür mit dem Naketano-Aufdruck schnell wieder zu: „Dazu sagen wir nichts. Wir geben keinerlei Auskünfte“, sagt sie. Das überraschende Aus für Naketano, das die Gründer am Mittwoch in einer dürren Mitteilung an die eigenen Kunden im Handel bekanntgaben, bleibt rätselhaft.

Überrascht zeigt sich auch das Management von Galeria Kaufhof in Köln. Wolfgang Link, Europachef der Kaufhof-Mutter HBC, hatte noch im Oktober vergangenen Jahres im Interview mit dem Handelsblatt die Marke Naketano erwähnt, mit der er dem Kaufhausriesen unter anderem neue Impulse geben wollte. „Die Marke ist sehr produktiv“, sagte am Donnerstag ein Kaufhof-Sprecher dem Handelsblatt. „Da wird es eine große Herausforderung, eine andere ähnlich starke Marke zu finden.“


Gleichzeitig sagte der Sprecher, dass sich das Management bereits „Gedanken mache, Ersatz zu finden“, der auf einer Fläche mit anderen Marken angeboten wird. Aber man schaue sich auch genau an, was denn nun mit Naketano weiter passiere.

Angelika Schindler-Obenhaus vom mittelständischen Einkaufsverbund Katag in Bielefeld hält die Entscheidung der Naketano-Inhaber für „kurios und nicht nachvollziehbar“, wie sie dem Branchenblatt „Textilwirtschaft“ sagte. Für die Einzelhändler sei es nun schwierig, den Ausfall zu kompensieren. „Das sollte aber machbar sein“, sagte sie. „Labels kommen und gehen, das ist der Lauf der Dinge.“

In der Branche wird unterdessen über das überraschende Aus von Naketano wild spekuliert. So ist zu hören, dass das verschwiegene Management aus Essen vielleicht dabei sei, Gespräche mit möglichen Investoren zu führen. Die frühe Ankündigung, die Marke Ende dieses Jahres auslaufen zu lassen, könnte so ein Testballon sein, die Position der Marke im Markt auszuloten. Dem erteilten die Gründer Sascha Peljhan und Jozo Lonac jedoch eine Absage: „Firma und Marke werden nicht verkauft – Anfragen dieser Art bleiben unbeantwortet“, heißt es in ihrer Erklärung vom Mittwoch.

Ihre Enttäuschung über das Aus für die Marke taten auch zahlreiche Kunden und Fans in den sozialen Netzwerken kund: „Die Leute lieben eure kuschligen Pullis, da könnt ihr doch nicht einfach aufhören“, schrieb eine Nutzerin bei Facebook. „Kann ich nicht nachvollziehen, die sind gerade auf einem richtigen Höhenflug und sind qualitativ eines der besten Modelabels Deutschlands“, schrieb ein anderer.


Tatsächlich war das Unternehmen zuletzt hochprofitabel: 2015 blieben von rund 23 Millionen Euro Rohergebnis etwa zehn Millionen Euro als Jahresüberschuss hängen. Auch den Umsatz konnte das Unternehmen der Veröffentlichung im „Bundesanzeiger“ zufolge kräftig steigern. „Wenn doch der Umsatz ansteigt, schließt doch kein normaler Mensch seinen Laden?!“, wundert sich ein Nutzer bei Facebook.

Doch nicht bei allen kamen die provokativen Produktnamen wie „Sportive Muschi“, „Genitalalarm“ und „Monsterbumser“ an. „Der Markt ist gesättigt. Jeder hat eine sexistische Jacke von Naketano. Wer braucht schon ne zweite?“, kommentierte ein weiterer Nutzer die Einstellung des Geschäftsbetriebs.

Andere Kunden hoffen, dass ihre Pullis demnächst Seltenheitswert haben – und im Preis steigen: „Heißt das, ich kann diesen dämlichen Kinderpulli bald für 600€ verkaufen?“, hofft eine Nutzerin. Davon ist bislang jedoch nichts zu sehen: Der Webshop des Essener Modelabels ist noch bis zum 31. Dezember 2018 online – und auch auf Plattformen wie Amazon und Ebay kosten neue Pullis der Marke noch zwischen 50 und 80 Euro.