Können Grüne wirklich Wirtschaft? Ex-Unternehmensberaterin Katharina Beck will das im Bundestag beweisen

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Katharina Beck, 39 Jahre alt, ist Spitzenkandidatin der Hamburger Grünen in der Bundestagswahl 2021.
Katharina Beck, 39 Jahre alt, ist Spitzenkandidatin der Hamburger Grünen in der Bundestagswahl 2021.

Am 13. November 2016 gewinnt Katharina Beck gegen den Vorstand ihrer eigenen Partei. Es geht um den Kohleausstieg und das Wahlprogramm der Grünen. Dem Bundesvorstand reicht ein Ausstieg 2035, Katharina Beck aber nicht. Auf dem Bundesparteitag hält sie eine Rede: "Ich arbeite im Bereich Wirtschaft und Umwelt. Und ich weiß, dass wir bis 2025 oder früher aussteigen müssen, um überhaupt noch unter zwei Grad (Erderwärmung) zu kommen", ruft sie in den Saal. "Lasst uns als Klimaschutzpartei einfach mal die Scheißkohle abschaffen". Die Menge klatscht. Beck gewinnt die Abstimmung. Später fädelt Annalena Baerbock einen Kompromiss mit dem Vorstand ein. Das Ergebnis: Die Grünen fordern den Kohleausstieg 2030 und sind damit Vorreiter.

Für Beck ist es damals ein großer Erfolg: Nur selten gewinnt jemand gegen den Bundesvorstand. „Ich habe nur ganz klar die riesige strategische Relevanz gesehen", sagt die 39-Jährige heute zu Business Insider. Ihr strategischer Blick und ihr eigener Kopf werden es später auch sein, die Beck schließlich in der Partei voranbringen: Seit Mai ist sie nicht mehr länger nur im Hintergrund der Grünen aktiv, sondern auch Spitzenkandidatin in Hamburg. Im September will sie in den Bundestag einziehen.

Als Ex-Unternehmensberaterin will Beck das Wirtschaftsprofil der Grünen schärfen. „Ich bin sehr klar mit meiner Wirtschaftsexpertise als Nummer 1 für die Hamburger Grünen angetreten, weil ich wirklich weiß, wie Unternehmen ticken. Ich kenne diesen Maschinenraum von innen", sagt Beck, die lange Zeit DAX-30-Vorstände dabei beriet, wie sie ihr Unternehmen nachhaltiger steuern. Tatsächlich sticht sie mit diesem Insiderwissen heraus. Bis auf Ex-Unternehmensberater Danyal Bayaz (Grüne), inzwischen Baden-Württemberger Finanzminister, gibt es kaum Grüne die vor ihrer politischen Laufbahn auf Unternehmensseite arbeiteten. Beck hingegen kennt beide Welten: die Partei- und die Unternehmenswelt. Doch kann sie es schaffen, beide zusammenzubringen?

Die Grünen versuchen sich der Wirtschaft anzunähern, aber manchen Unternehmen fehlt das Vertrauen

In der letzten Legislaturperiode arbeiteten die Grünen schon viel vor, um sich näher an die Wirtschaft heranzutasten: Die Partei begann einen eigenen Wirtschaftskongress zu veranstalten. Und auf der Bundesebene richtete die Bundestagsfraktion 2018 sogar einen Wirtschaftsbeirat ein. Unter den Mitgliedern prominente Wirtschaftsvertreter wie BASF-Vorstand Martin Brudermüller oder Andreas Rade, Geschäftsführer des Maschinenbauverbands und grüne Wirtschaftspolitiker wie Annalena Baerbock, Danyal Bayaz oder auch Katharina Beck.

Doch trotz des Austausches und der Bemühungen der Grünen scheinen sich nicht alle Wirtschaftsbosse mit der grünen Politik anfreunden zu können, bei der es im Kern um hohe staatliche Investitionen für Unternehmen, aber eben auch um politische Regulierungen geht. „Manche fragen sich noch immer, ob man den Grünen wirklich trauen kann", erzählte etwa Dieter Janecek, industriepolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, im Spiegel.

“Für viele Unternehmen ist es unfassbar schwierig, das an Nachhaltigkeit umzusetzen, was sie eigentlich wollen"

Katharina Beck aber will im Bundestag nun jenes fehlende Vertrauen aufbauen, weil sie die Herausforderungen der Unternehmen aus ihrer Arbeit als Beraterin kennt: “Für viele Unternehmen ist es unfassbar schwierig, das an Nachhaltigkeit umzusetzen, was sie eigentlich wollen", so Beck, die selbst aus einer Bäcker-Handwerks-Großfamilie stammt. Und das liege viel weniger an vermeintlich “bösen“ Leuten in der Wirtschaft, so Beck, sondern an den Anreizstrukturen für börsennotierte Aktiengesellschaften, die alle drei Monate niedrigere Kosten und höhere Umsätze bräuchten, um profitabler zu werden. Für Beck steckt deshalb der Fehler im System: Die rein finanziellen Kennzahlen erschwerten den Wandel zu einer nachhaltigen Wirtschaft. „Das zu ändern ist der Grund, warum ich in die Politik gehen will“, so Beck.

Im Bundestag will die grüne Bundestagskandidatin daher vor allem ein großes Projekt umsetzen. Künftig sollen Unternehmen verpflichtet sein, auch ökologische und soziale Kennzahlen in ihre Bilanz mit aufzunehmen. Für Vorstände und Unternehmer spielten dann bei der Unternehmenssteuerung nicht mehr länger nur die Zahlen zum Umsatz oder zum Gewinn eine Rolle, sondern eben auch die, die den CO2-Ausstoß festhielten, erklärt Beck. Vorstände müssten Klimaneutralitätsstrategien verbindlicher umsetzen.

Zeitgleich baut Beck das Vertrauen noch an ganz anderer Stelle zu Unternehmern aus: Auf Instagram hat sie eine eigene Talk-Reihe entwickelt, in der sie Selbstständigen eine Stimme geben will. In „Solo, selbst & ständig" spricht sie jeden Mittwoch mit wechselnden Gästen. Ihr Ziel sei es, der “Wirtschaft“ ein Gesicht zu geben, das aus weit mehr als Konzernen und Unternehmen bestünde, aber vor allem ihren politischen Forderungen Platz zu geben.

Wirtschaftspolitik ist den Grünen „nicht in die Wiege gelegt" worden

Allein die Ideen und das Fachwissen von einzelnen Politikerinnen wie Beck reichen jedoch nicht aus, um die Herausforderungen der Unternehmer auf der einen Seite, und die Forderungen der Grünen auf der anderen Seite, zusammenzubringen. Auch innerhalb der Partei müssen dafür die Voraussetzungen geschaffen werden: “Annalena Baerbock hat mal zur Sicherheitspolitik gesagt, die Sicherheits- und Innenpolitik ist uns bei unserer Gründung vor gut 40 Jahren nicht in die Wiege gelegt worden", sagt Beck. Sie glaube, so könne man das für die Wirtschaftspolitik auch sagen. Was Beck meint: In Wirtschafts- und Finanzfragen fehlt den Grünen flächendeckende Expertise unter vielen Mitgliedern.

Das erklärte Ziel „einer neuen Wirtschaftspartei" im Bund, wie es erst Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und später sein Finanzminister Danyal Bayaz formulierte, rückt damit noch in einige Ferne.

Neben ihrer politischen Arbeit will Beck deshalb auch im Bundestag anbieten, sich regelmäßig mit interessierten Grünen-Abgeordneten zu Wirtschaftspositionen auszutauschen. Denn innerhalb der eigenen Partei zählt sie schon seit Längerem zu den einflussreichsten Wirtschaftsköpfen. Unternehmenskennzahlen und betriebswirtschaftliche Formeln kann sie alle aus dem Kopf. Als Bundessprecherin vertritt sie außerdem nicht nur die 25 parteieigenen Thinktanks, sogenannte Bundesarbeitsgemeinschaften (kurz BAG), sondern leitet auch eine eigene: die BAG zu Wirtschaft und Finanzen. Dort erarbeiten Fachleute der Partei Themen für die Bundespolitik. Von ihr können sich fachfremde Mitglieder deshalb noch viel abgucken.

Trotz der Erfahrungen in der Partei- und in der Unternehmenswelt, will sich Beck im Bundestag jedoch ihren eigenen Kopf bewahren: „Mich kann man in keine Schublade stecken". Sie sei weder eine reine Unternehmensberaterin, noch eine dogmatische Klimaschützerin. Ein schöner Aspekt am Job der Bundestagsabgeordneten sei deshalb, dass sie frei nach ihrem Gewissen abstimmen könnte, was für die Gesellschaft am besten sei. Ein bisschen Platz für Revolution bleibt Beck damit nicht nur auf Parteitagen vorbehalten, sondern wohl bald auch im Bundestag.

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