Wie können wir mit den Folgen des Klimawandels leben? "Ziel muss sein, ohne Todesopfer herauszukommen", sagt der Chef des Zentrums für Klima-Anpassung

Ein Feuerwehrmann löscht einen in Altena in Nordrhein-Westfalen ausgebrochenen Waldbrand.
Ein Feuerwehrmann löscht einen in Altena in Nordrhein-Westfalen ausgebrochenen Waldbrand.

Ob in der Kleinstadt Altena in Nordrhein-Westfalen, in der nordhessischen Gemeinde Cölbe, im Nationalpark der Sächsischen Schweiz oder an der A44 im Kreis Kassel: Deutschland kämpft bereits seit Tagen mit Waldbränden. Eine Folge der Hitzewelle, die ganz Europa überrollt.

Doch während die Brände in Deutschland noch überschaubar sind, haben sie in Südeuropa wie Spanien, Frankreich und Portugal schon eine ganz andere Dimension angenommen: Tausende Menschen mussten bereits evakuiert werden. Das portugiesische Gesundheitsministerium schätzt allein die Zahl der Hitzetoten der vergangenen Woche auf über 600. Was diese Länder aktuell durchleben, könnte schon bald auf Deutschland zukommen. Denn auch hierzulande müssen sich Menschen in Zukunft auf die zunehmenden und unaufhaltsamen Folgen des Klimawandels einstellen: heftigere Hitzewellen, Dürre, in manchen Regionen auch auf Fluten und Stürme.

Das Umweltministerium will Ländern und Kommunen deshalb schon jetzt helfen, sich auf die neuen Herausforderungen vorzubereiten. Mit dem knapp vor einem Jahr eröffneten "Zentrum KlimaAnpassung" (ZKA) sollen die zuständigen Kommunalpolitiker und Behörden von bis zu acht Experten über eine Hotline, per Mail und in Online-Konferenzen beraten werden. "Das Ziel muss sein, ohne Todesopfer und große Schäden aus Hitzeperioden, Fluten und Stürmen herauszukommen", sagt der ZKA-Leiter Jens Hasse Business Insider. Flutkatastrophen wie im Ahrtal oder in der Eifel mit vielen Toten dürfe es nicht mehr geben.

Doch in den meisten Kommunen in Deutschland hat der Prozess der Klimaanpassung gerade erst begonnen. Vielerorts mangelt es an Personal, Geld – und an Bürgermeistern, die das Thema Klimaanpassung angehen wollen.

Einige Kommunen in Deutschland haben noch gar keine Beratung angefragt

Wie langsam der Prozess ins Rollen kommt, zeigt sich dabei auch auf einer Übersichtskarte aller bundesweiten Beratungsanfragen der ZKA bis Ende Juni: Noch gibt es viele weiße Flecken. "Eine Reihe von Kommunen, in den östlichen, aber auch in anderen Bundesländern, haben noch gar keine Beratungen bei uns angefragt, obwohl die Gefahren des Klimawandels dort nicht geringer sind", erklärt ZKA-Leiter Hasse. Gerade diese Kommunen würden sie gezielt ansprechen, um sie zu mobilisieren, sich aktiver als bisher, mit der Klimaanpassung zu beschäftigen.

Auffällig: In Bayern ist die Dichte an weißen Flecken besonders hoch. Und das, obwohl die Wahrscheinlichkeit von Starkregen im Freistaat Experten zufolge zunehmen wird. Bislang haben sich erst rund 100 von 2.056 Gemeinden, um ein angemessenes Risikomanagement gekümmert, warnt Umweltexperte Frank Wolfgang Günthert vom Institut für Wasserwesen der Universität der Bundeswehr in München im Bayerischen Rundfunk.

Auch die Länder Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Niedersachsen sind von weißen Flecken auf der Übersichtskarte des Zentrums für KlimaAnpassung durchsetzt. Dabei gehören etwa Teile Sachsen-Anhalts und Sachsen laut Deutschem Wetterdienst zu den Regionen, in denen es die meisten Tage mit hoher oder sehr hoher Waldbrandgefahr gibt.

Neben der Waldbrandgefahr scheinen Städte und Kommunen auch die tödlichen Gefahren von Hitze zu unterschätzen. Denn eine Umfrage der "Zeit" aus dem Jahr 2022 zeigt, dass 80 Prozent der bundesweit befragten Kommunen bisher über keinen Hitzeschutzplan verfügen. Hinzukommt: Noch gibt es keine bundesweite Verpflichtung für Länder und Kommunen, die ihnen vorschreibt, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen.

Keine Beratungsanfrage beim Zentrum für KlimaAnpassung heißt aber nicht immer, dass die Kommunen nicht aktiv sind und sich selbständig helfen. Hasse hält jedoch drei Punkte für entscheidend, wenn es darum geht, ob Kommunen auf die Folgen des Klimawandels vorbereiten.

Erstens: "Ob die Klimaanpassung eine Priorität für den Bürgermeister, die Bürgermeisterin oder die Ratsmehrheit hat", so Hasse. Einigen setzen ihre Prioritäten aktuell noch lieber auf den Wohnungsbau oder halten die wirtschaftliche Entwicklung für wichtiger. Zweitens: Mehr Geld vom Bund, das vor allem kleineren und finanzschwachen Kommunen ermöglicht, mehr zu investieren. Immerhin müssten sie Personal einstellen, Planungsbüros zahlen und Klima-angepasste Städte mit Grünanlagen jahrzehntelang pflegen und modernisieren.

Drittens, mehr Personal. Es sei schwierig, einer Person in einer kleinen Kommune mit Verantwortung für Bauen und Klima das Gleiche abzufordern wie mehreren Dutzenden Verwaltungsmitarbeitern in Städten. Zumal es in vielen Kommunen an geschultem Personal wie Klima-Anpassungsmanagern fehlt.

"Viele Kommunen werden wissen wollen, wie sie Waldbrände verhindern können"

Im Umweltministerium kennt man diese Probleme der Kommunen. Umweltministerin Steffi Lemke erklärte bereits vergangene Woche im "Spiegel", Geld- und Personalmangel wolle man künftig mit mehr Unterstützung aus dem Bund auffangen. Erst im März stellte die Umweltministerin ein "Sofortprogramm Klimaanpassung" vor, das zusätzliche Gelder vorsieht. Und bis Mitte des kommenden Jahres soll nun ein "Klimaanpassungsgesetz" folgen.

So oder so ist sich ZKA-Leiter Hasse sicher, dass eine "Welle an Beratungsanfragen" im Nachgang an die aktuellen Waldbrände kommen wird. Die mediale Berichterstattung zu den Folgen des Klimawandels übe Druck aus. "Viele Kommunen werden wissen wollen, wie sie Waldbrände verhindern können", glaubt er. Es reiche nicht, ein Schild aufzustellen, um offenes Feuer zu verbieten. Stattdessen brauche es beispielsweise eine Art Rangerdienst in Wäldern und Naherholungsgebieten von Kommunen, die Besucher zum richtigen Verhalten in der Natur und Schutzmaßnahmen gegen Waldbrände aufklärten. Außerdem sollten auch nach Wäldern oder Heidegebieten Löschvorräte angelegt und die Waldeigentümer unterstützt werden, etwa indem Nadelwälder in weniger leicht brennbare Laubmischwälder umgewandelt würden. "Kommunen sollten auch hier eine klare Strategie haben, bevor es zu Hitze und Waldbrandgefahr kommt", sagt Hasse.

In den Beratungen – über 600 per Telefon und Mail bis Juni 2022 – des "Zentrums für KlimaAnpassung" versucht man die Kommunen bei der klaren Strategie auch zu unterstützen, in dem man ihnen die Befürchtung nimmt, dass Klima-Anpassung immer Extra-Geld kostet: "Sie müssen ohnehin in Flut- oder Hitzevorsorge investieren oder energiesparend bauen, damit die Kosten für ein verändertes Klima nicht irgendwann explodieren", erklärt Hasse. Klimaanpassung sollte deshalb seiner Ansicht nach in allen Kommunen zumindest vorbereitet werden. Es gäbe keinen Grund abzuwarten, bis Menschen nicht mehr in überhitzten Produktionsbetrieben oder draußen auf Feldern arbeiten oder in ihren Wohnungen ohne gesundheitliche Belastungen leben könnten.

Für Kommunen, die abwarten, hat Hasse dabei eine ganz klare Botschaft: "Wenn wir nicht weiter knallhart Klimaschutz betreiben, werden die klimatischen Veränderungen in Zukunft so stark, dass wir sie vermutlich nicht mehr beherrschen können."

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