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"Können wir nach der Energiewende weiterleben wie gehabt?" - "Nein, können wir nicht."

Bei "Markus Lanz" zeigte Klimaforscher Mojib Latif den besorgniserregenden Stand bei der Bekämpfung des Klimawandels auf. (Bild: ZDF / Cornelia Lehmann)
Bei "Markus Lanz" zeigte Klimaforscher Mojib Latif den besorgniserregenden Stand bei der Bekämpfung des Klimawandels auf. (Bild: ZDF / Cornelia Lehmann)

"Ich schwanke zwischen Hoffnung und Apokalypse", bekannte der Klimaforscher Mojib Latif im ZDF-Talk "Markus Lanz". Auch wegen CO2-Sündern wie China zeige der aktuelle Kurs klar Richtung Verderben. Dabei weiß der Experte nach eigenem Bekunden "genau, was wir machen sollten".

Die Klimakrise bekämpft man nicht zum Nulltarif. Was hinter der Binse steckt, erahnen in diesen Tagen Millionen Hausbesitzerinnen und -besitzer in Deutschland. Sind uns die schnelle Abkehr von fossilen Heizsystemen Privatinvestitionen von mehreren Zehntausend Euro wert? Und wenn ja: Liegen die zufällig griffbereit auf dem Festgeldkonto?

Markus Lanz gab am Donnerstagabend im ZDF zu: "Die große Angst meiner Mutter war immer, dass die Öl-Heizung hoffentlich nicht kaputtgeht. Denn dann haben wir ein Problem." Doch weniger die im Wirtschaftsministerium kursierenden Gesetzespläne über ein Einbauverbot neuer Öl- und Gasheizungen ab 2024 waren Thema im ZDF-Talk, sondern mehr das große Ganze.

Eingeladen waren keine Gäste aus der Politik, sondern eine Journalistin, zwei um Nachhaltigkeit ringende Unternehmer und der Klimaforscher Mojib Latif. Letzterer zeigte einmal mehr in aller brutalen Deutlichkeit auf, in welche Richtung die Reise aktuell geht.

Die Energiewende war Thema bei "Markus Lanz" am Donnerstagabend. (Bild: ZDF / Cornelia Lehmann)
Die Energiewende war Thema bei "Markus Lanz" am Donnerstagabend. (Bild: ZDF / Cornelia Lehmann)

Klimaforscher Mojib Latif schwankt "zwischen Hoffnung und Apokalypse"

"Ich schwanke zwischen Hoffnung und Apokalypse", bekannte der Seniorprofessor der Uni Kiel gleich eingangs der Sendung. Von einer Trendwende ist für ihn noch nichts zu sehen. "Ich muss leider feststellen, dass wir immer noch in die falsche Richtung gehen", konzedierte Latif. "Der weltweite CO2-Ausstoß steigt weiterhin an. Wenn der weiter steigt, sind wir alle betroffen. Das ist die Apokalypse."

Ein Kernproblem: Die Bemühungen einiger Industrieländer, Treibhausgase einzusparen, werde "überkompensiert von dem, was andernorts passiert". Als Beispiel nannte er die Volksrepublik China, die aktuell für rund 30 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich sei. "Die sind nicht bereit im Moment, das sagen sie auch, wirklich ihren Höhepunkt von CO2-Emissionen jetzt schnell zu erreichen", stellte Latif fest.

Das entlasse Deutschland als einen der weltweiten Haupttreiber des Klimawandels aber nicht aus der Verantwortung. Die G20-Staaten verantworteten zusammen 80 Prozent des globalen CO2-Ausstoßes. Deshalb müsse man "eigentlich gar nicht über 190 Länder auf den Klimakonferenzen" reden, argumentierte Latif, "eigentlich würden 20 Länder reichen".

Klimaforscher Mojib Latif (Mitte) schlug bei Markus Lanz vor: "Ich würde die Subventionen für die fossilen Energien erst mal wegnehmen." Die Journalistin Julia Löhr mahnte: "Die Politik muss die Leute aber mitnehmen - auch finanziell." (Bild: ZDF / Cornelia Lehmann)
Klimaforscher Mojib Latif (Mitte) schlug bei Markus Lanz vor: "Ich würde die Subventionen für die fossilen Energien erst mal wegnehmen." Die Journalistin Julia Löhr mahnte: "Die Politik muss die Leute aber mitnehmen - auch finanziell." (Bild: ZDF / Cornelia Lehmann)

Öko-Unternehmer verlangt "turbokapitalistische Strukturen"

Der Unternehmer Philipp Schröder, Gründer eines Start-ups zur klimagerechten Gebäudesanierung, stimmte der Einschätzung bei "Markus Lanz" zu und verlangte "turbokapitalistische Strukturen", wolle man das 1,5-Grad-Ziel noch erreichen. Mojib Latif erwiderte wenig überzeugt: "Es gibt ja Lösungen und Ideen. Wir schaffen es aber nicht, die Lösungen so schnell zu implementieren, dass wir auf die Ebene kommen, auf der der weltweite Ausstoß verringert werden könnte."

Dabei ist der Klimaforscher nicht ratlos, wie es gehen könnte: "Wenn Sie mich zum König der Welt machen, dann wüsste ich genau, was wir machen sollten. Ich würde die Subventionen für die fossilen Energien erst mal wegnehmen." Für den Fall, dass man konsequent auf erneuerbare Energien setze, prognostizierte Latif "unheimliche Lerneffekte". Er ist überzeugt: "Dann passieren die Dinge so schnell, womit wir vielleicht gar nicht gerechnet hätten."

Markus Lanz hakte ein: "Können wir unser Leben nach dem Energiewandel dann so weiterleben wie gehabt?" Latif antwortete prompt und geradeaus: "Nein, das können wir nicht!" Er ergänzte: "Wir haben überhaupt kein Energieproblem auf der Erde. Wir verbrauchen aber unheimlich viele Ressourcen. Das geht so nicht weiter. Wir können nicht immer mehr von dem Planeten nehmen, als er regenerieren kann." Der Unternehmer Torsten Becker, Geschäftsführer einer Firma, die CO2 zum Beispiel in Beton speichert, stimmte zu: "Als Erwachsener muss man sich für das schämen, was wir aus dem Planeten gemacht haben."

"Die Politik muss die Leute aber mitnehmen - auch finanziell"

Um Optimismus bemühte sich Unternehmer Philipp Schröder: "Wir unterschätzen, dass dieser Kipppunkt kommen kann, der für einen Wandel sorgt. Ich bin da auf der Hoffnungsseite, weil wir gerade erst den Anfang dieser Entwicklung erreicht haben." "FAZ"-Wirtschaftskorrespondentin Julia Löhr gab die Spielverderberin. Der Ausbau der Erneuerbaren müsse sich "verdreifachen, damit wir unsere selbstgesteckten Klimaziele erreichen". Wohl auch mit Blick auf den dräuenden "Heizungs-Hammer" ab kommendem Jahr mahnte die Journalistin: "Wir wollen jetzt übermorgen diesen Wechsel zu erneuerbaren Energien schaffen. Die Politik muss die Leute aber mitnehmen - auch finanziell."

Zum Nulltarif wäre indes die von der FDP blockierte durchgehende Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen zu haben. "Ein paar Millionen Tonnen CO2 würde man mit dem Tempolimit einsparen", rechnete Klimaexperte Latif dazu vor. "Wir müssen aber viele Möglichkeiten nutzen, um wirklich einen Effekt zu erzielen. Wir müssen im Klimaschutz zu drastischen Maßnahmen greifen."