Kölner Luxus-Diebe: Polizei fasst Taschendieb-Bande – Geschichte einer Ermittlung

Die mutmaßlichen Diebe lebten im Luxus – bald beginnt ihr Prozess.

Die Täter sind extrem gerissen, die Opfer oft unvorsichtig, die Polizei überlastet – drei Gründe, warum in Deutschland nur gerade mal jeder 20. Taschendiebstahl aufgeklärt wird. In einem seltenen Fall ist es der Kölner Polizei jetzt gelungen, in mühsamer, monatelanger Kleinarbeit eine mutmaßliche Bande von Taschendieben zu überführen. Bald beginnt der Prozess vor dem Landgericht.

Der Fall ist auch deshalb so ungeheuerlich, weil die mutmaßlichen Diebe offenbar nicht stahlen, um zu überleben, sondern – nach allem, was die Polizei weiß – seit mindestens Anfang 2016 im Luxus schwelgten, ihre Beute in Bordellen und Spielhallen durchbrachten. Einer soll nach seiner Festnahme im August 2016 über diese Zeit gesagt haben: „Es war so schön, als hätte ich Gott gesehen.“

Die ersten Taten

Mit Beginn des Jahres 2016 häufen sich bei der Polizei Strafanzeigen vornehmlich älterer Menschen und Touristen, die in der Kölner Innenstadt bestohlen worden sind. Wo und wann genau, wissen die Opfer oft selber nicht. Auffällig aber ist, dass viele Taten im Bereich von KVB-Haltestellen um den Hauptbahnhof sowie entlang der Straßenbahnlinie 13 geschahen.

„Fragten wir genauer nach, erfuhren wir, dass manche der Geschädigten unterwegs eine defekte Rolltreppe hochgelaufen waren, auf der irgendjemand den Nothalt gezogen hatte“, berichtet Hauptkommissar Roland Dingfeld. Der Rolltreppen-Trick, eine so alte wie beliebte Masche von Taschendieben (siehe „Einer zieht, einer blockiert, einer beschattet“).

Mehreren Opfern, die den Diebstahl bemerkt hatten, war ein Mann im Anzug aufgefallen. Kein besonders hochwertiger Anzug, nicht gerade passgenau geschnitten. „Eher so, als wenn die Mama einem einen Anzug schenkt, der eine Nummer zu groß ist“, sagt Dingfeld. Sein Vorgesetzter, Günter Korn, ergänzt: „Wir wussten sofort, wer das ist.“

Die Ermittlungen

Die Fahnder des Kommissariats 43 sind ausschließlich zuständig für die Bekämpfung von Taschendiebstahl – ein Massendelikt in einer Großstadt wie Köln. Täglich werden hier fast 30 Menschen bestohlen. Und die Fahnder kennen ihre Pappenheimer. Manche Täter sind seit 20 Jahren und länger im Geschäft. Einige erwachsene Profidiebe von heute machten in den 90er Jahren in der Boulevardpresse Schlagzeilen als „Klaukids“.

Auch den Mann im Anzug kennen die Ermittler aus dieser Zeit. „Es gibt ein Bild von ihm von 1999“, erzählt Dingfeld. „Ein kleiner, dünner Knirps in einem viel zu großen Anzug. Damals war er 18, jetzt ist er fast 40.“ Der Anzug dient dem Mann als Tarnung, damit Opfer oder Zeugen ihn nicht gleich als Taschendieb vermuten. Den Polizisten erleichtert die Verkleidung die Identifizierung. „Die große Frage war jetzt nur: Wie können wir ihm und seinen Komplizen die Taten nachweisen?“

Eine Ermittlungsgruppe wird gebildet, die „EG Nothalt“. Roland Dingfeld koordiniert, zwei Kollegen werten die Strafanzeigen aus, der vierte sichtet Videos von Überwachungskameras – als „Super Recogniser“, der schon in der EG Silvester half, Sexualstraftäter von der Domplatte zu überführen, hat dieser Beamte einen besonders geschulten Blick.

Insgesamt 140 Videos fordern die Ermittler an – von der Kölner KVB, aber auch aus Brühl, Bonn, Siegburg, Düsseldorf und Berlin, wo die Combo ebenfalls zugeschlagen haben soll. Das wissen die Ermittler aus der Ortung ihrer Handydaten. Täglich gleichen die Fahnder diese mit den Tatorten neu angezeigter Taschendiebstähle ab. Eine Sisyphos-Arbeit. Stimmen die Daten überein, fordern die Beamten die Überwachungsvideos umliegender Haltestellen an. Dabei ist Eile geboten, denn aus Datenschutzgründen werden die Videos nach 48 Stunden gelöscht.

In Einzelfällen ist eine konkrete Tat auf Band zu erkennen, aber die meisten geschahen außerhalb der Kameras. „Auf vielen Videos war die Gruppe zwar im unmittelbaren Tatortumfeld zu sehen“, schildert Dingfeld, „aber eben nicht bei der direkten Tatbegehung“.

Die Täter

Nach Sichtung der Videos ist den Beamten schnell klar, dass sie es mit insgesamt sieben Tätern zu tun haben. „Der Mann im Anzug war der Lenker, der Profi, der Kopf“, beschreibt Dingfeld. Für gewöhnlich habe der sich von seiner Frau aushalten lassen, die in Frankreich auf Klautour gegangen sei. „Aber als die eingesperrt wurde, musste er selber losziehen.“

Viele der Verdächtigen haben Familie. „In einem Fall saß die Ehefrau mit dem gemeinsamen Kind in Köln, und der Mann war in Berlin stehlen. Sie fragte ihn, ob er Geld schicken könne, aber er antwortete, er habe selber nichts“, erzählt Dingfeld. „Dabei hatte er gerade viel Geld im Bordell verprasst.“ Nach Erkenntnissen der Polizei verzockten die Männer ihre Beute auch in Spielhallen, kauften sich Kokain und Alkohol. Als Unterkünfte wählten sie dagegen schlichte Hotels. In Luxusherbergen, so vermutet Dingfeld, wären sie womöglich aufgefallen. „Da passen die einfach nicht rein.“

Das Verhalten der Bande nennt der Hauptkommissar „maßlos“. Es gehe hier nicht um Menschen, die sich Brot und Wasser zusammenstehlen, um zu überleben, betont Kommissariatsleiter Günther Korn. „Wir reden von gewerbsmäßigem, sehr gut gemachtem Diebstahl. Das ist die einzige Einnahmequelle dieser Täter. Und die leben sehr gut davon.“ In diesen Kreisen werde auch nicht gespart oder vorgesorgt. „Das Geld wird heute auf den Kopf gehauen, und morgen wird weiter geklaut.“

Die Festnahmen

Nach mehr als hundert Stunden Videostudium, nach Observationen, Zeugenvernehmungen und Datenauswertungen sind die Fahnder sicher, den sieben Männern 39 Fälle gerichtsfest nachweisen zu können – auch wenn fast immer nur die Verdächtigen am Tatort und fast nie eine Tat auf einem Video zu erkennen ist. „Die Indizienkette ist geschlossen“, sagt Dingfeld. „Es kann gar nicht anders sein, als dass es sich hierbei um die Täter handelt.“ Das sieht auch die Staatsanwaltschaft so. Sie hat die Gruppe angeklagt.

Drei der sieben – darunter der Anzugträger – sitzen seit dem Vorjahr in Untersuchungshaft. Zwei waren in Berlin auf frischer Tat von Zeugen ertappt und festgehalten worden – kurz bevor die „EG Nothalt“ die Männer mit Haftbefehlen zur Fahndung ausgeschrieben hätte. Ihr Fehler: Sie waren irgendwann alleine losgezogen, ohne ihre Komplizen, die sie deckten. „Wenn ich 20 Taten am Tag hinlege, werde ich halt irgendwann auch mal erwischt. Die sind ja auch nicht perfekt“, sagt Dingfeld.

Der Schaden aus den 39 ermittelten Fällen ist gering, fast lächerlich gering, sagt auch Korn. Er beträgt gerade einmal 5000 Euro. Weil aber längst nicht jede Tat bewiesen werden konnte, ja nicht einmal zur Anzeige gebracht worden sein dürfte – und weil die Täter offenkundig in Saus und Braus lebten, geht die Polizei tatsächlich von mehreren hunderttausend Euro aus. „Denen ging es nur um eines“, sagt Korn, „soviel Geld zu haben, dass sie nicht darauf achten müssen, wie viel sie ausgeben.“

Einer zieht, einer blockiert, einer beschattet

Beim „Rolltreppentrick“ gehen die Taschendiebe in strenger Arbeitsteilung vor: Späher beobachten das Umfeld. Nähert sich ein geeignetes Opfer – zumeist ältere oder gehbehinderte Menschen – zieht einer den Nothalt, die Stufen stoppen. Nun müssen die Passanten zu Fuß die Rolltreppe hoch.

Während der „Schatten“ Ausschau nach möglichen Zivilpolizisten hält und seine Komplizen im Zweifel mit einem Pfiff oder per Zuruf warnt, schirmt der „Blockierer“ das Opfer unauffällig ab, so dass der „Zieher“ ihm in einem günstigen Moment das Portemonnaie aus der Tasche ziehen kann.

Am Montag startet die Polizei in NRW die Aktionswoche „Augen auf und Tasche zu“. Im Mittelpunkt stehen Tipps, wie man sein Smartphone vor Dieben schützen kann: „Kurz gesagt, indem man sich die Ziffern  seiner SIM-Karte sowie  die Imei-Nummer notiert, sein Telefon mit einem Passwort oder Fingerabdruck gegen fremden Zugriff schützt und eine Spysoftware installiert“, erklärt Thomas Held von der Kölner Polizei. Laut Auskunft aus dem NRW-Innenministerium haben Taschendiebe im Vorjahr landesweit einen Schaden von mindestens 15 Millionen Euro angerichtet.

Lesen Sie am Montag: Günther Korn und Roland Dingfeld im Interview über den alltäglichen Kampf der Polizei gegen Taschendiebe...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta