Kölner Hauptbahnhof: Syrischer Flüchtling lernt bei der Deutschen Bahn

Mehr als 91.000 Schulabgänger haben bereits Lehrstellen.

Niemals wird er dieses Bild aus seinem Handy löschen. Es zeigt die Bombe, die wenige Meter vor dem Haus seiner Familie in Aleppo einschlug. Fünf Jahre ist das jetzt her. Es war nicht der erste Angriff auf die durch den Bürgerkrieg in Syrien völlig zerstörte Stadt. Und nicht das erste Mal, dass er mit seinen Eltern und zwei Geschwistern Todesangst ausstehen musste. „Wir hatten mit dem Leben abgeschlossen“, sagt Mohammed Sultan (22) leise.

Mohammed sitzt im blauen Anzug mit roter DB-Krawatte am Info-Point des Kölner Hauptbahnhofs und beantwortet geduldig jede Frage der Reisenden in der Schlange. Es sind Menschen aus aller Welt. Sie alle kennen seine Geschichte nicht, die Geschichte einer jahrelangen abenteuerlichen Flucht über die Türkei und Bulgarien, mit Rückschlägen und Hindernissen, die vor knapp zwei Jahren in Siegburg ihr vorläufiges Ende gefunden hat.

Sie werden sich höchstens wundern, wie viele Sprachen ihr Gegenüber zumindest rudimentär beherrscht: Syrisch, Kurdisch, Türkisch, Englisch und Deutsch. Vier Monate Praktikum und ein Jahr Vorbereitungskurs hat Mohammed jetzt hinter sich, die „Chance plus für Flüchtlinge“-Qualifizierung der Bahn in Köln durchlaufen und wird am 1. September seine Ausbildung als Kaufmann für Verkehrsservice beginnen.

Sprachkurs direkt nach Ankunft begonnen

3400 Schulabgänger bundesweit wird die Bahn 2017 einstellen, rund 500 davon in NRW. Den Startschuss für NRW wird Personal-Vorstand Ulrich Weber am kommenden Freitag in Köln geben. Die Bahn zählt damit zu den größten Anbietern von Lehrstellen im Land.

Seit Oktober haben sich landesweit mehr als 127.500 Schüler um eine Lehrstelle beworben, rund 91.000 hatten Ende Juli einen Vertrag in der Tasche, mehr als 12.000 haben eine Alternative gefunden, werden beispielsweise ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren. Theoretisch kommen auf 80 Ausbildungsstellen rund 100 Bewerber. „Das ist regional allerdings sehr verschieden“, sagt eine Sprecherin der NRW-Arbeitsagentur. „Im Münsterland und Südwestfalen kommen auf 100 Bewerber zwischen 104 und 106 Angebote, im Ruhrgebiet sind es nur 67. Aber es sind auch noch viele Stellen unbesetzt.“

Dass Mohammed zur Bahn kam, war purer Zufall. Oder das Ergebnis eines kleinen Netzwerks, das er sich innerhalb weniger Monate aufgebaut hat. „Ich habe sofort einen Sprachkurs besucht, als wir in St. Augustin angekommen sind. Das war in einer Realschule. Ich hatte mir schon in Bulgarien die Grundzüge der Grammatik angeeignet. Nach zwei Monaten haben wir die Aufenthaltserlaubnis bekommen, dass wir in Deutschland bleiben dürfen.“

Schnelle Spracherfolge machen auf ihn aufmerksam

Nach dem Sprachkurs belegt der 22-Jährige einen Aufbaukurs in der Volkshochschule. Wegen seiner schnellen Fortschritte wird man auf ihn aufmerksam. Bei der Integrationsstelle im Rathaus von St. Augustin habe er dann immer wieder bei Übersetzungen geholfen. „Die waren ganz froh.“

Mit der Aufenthaltserlaubnis ist auch eine Arbeitsgenehmigung verbunden. Mohammed, der in Syrien nach 13 Jahren Schule einen Abschluss erworben, der mit dem deutschen Abitur aber nicht vergleichbar ist, kommt über einen Landsmann, dem er mehrfach bei Übersetzungen hilft, an einen leitenden DB-Mitarbeiter am Bahnhof Siegburg. „Er hat mich gefragt, was ich von einer Ausbildung bei der Bahn halte. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was ich werden soll und habe mir zwei Wochen Bedenkzeit ausgebeten.“

Die Lage auf dem Lehrstellenmarkt im IHK-Bezirk Köln lässt das nicht für jeden Bewerber zu. 6518 Ausbildungsplätze standen zum letzten Stichtag am 31. Juli zur Verfügung, 160 weniger als im Vorjahr. Ein Minus von 2,4 Prozent sei nicht so dramatisch, sagt ein IHK-Sprecher. Im langfristigen Trend werde es im wirtschaftlich prosperierenden Rheinland aber weiterhin deutlich mehr Plätze als Bewerber geben.

„Die Akademisierung schreitet immer weiter voran.“ Die Bahn hat schon vor Jahren darauf reagiert, macht die Vergabe von Ausbildungsplätzen nicht mehr allein von Schulnoten abhängig. Jeder Schulabgänger muss zunächst einen Online-Test bestehen, bei dem es um Durchhaltevermögen, Gewissenhaftigkeit und Motivation geht. Je nach Berufswunsch dauert er zwischen 50 und 125 Minuten.

Durch Übernahmegarantie Asyl vorerst gesichert

Für den jungen Flüchtling aus Syrien scheint die Bahn eine gute Wahl. Zweieinhalb Jahre wird seine Ausbildung dauern. „Wenn ich gut bin, kann ich auf zwei Jahre verkürzen.“ Überhaupt hat Mohammed ehrgeizige Ziele. Er will das Abitur auf einer Abendschule nachholen, später vielleicht studieren. Programmierer wäre sein Traumjob.

Weil die Bahn ihren Azubis nach bestandener Prüfung die Übernahme garantiert, wird der Syrer zumindest die kommenden fünf Jahre in Deutschland bleiben können. „Für meine Eltern ist die Lage schon schwieriger“, sagt er. „Sie beherrschen die Sprache noch nicht und dürfen nicht arbeiten. Das ist ziemlich hart.“ Eine Rückkehr in sein Heimatland ist für ihn derzeit undenkbar. „Zehn Jahre werde ich wohl hier bleiben. Das ganze Land liegt am Boden. Wir sind mehr als 100 Jahre zurück. Ich weiß nicht, wie es dort überhaupt weitergehen soll. Ich vermisse mein Land schon. Vor allem meine Freunde.“

In Deutschland wird er als angehender Kaufmann für Verkehrsservice alles durchlaufen: Kundenbetreuung, Fahrgastinformation, Fundbüro, Bahnsteig-Ansagen, Sicherheitszentrale. „Wir müssen am Bahnhof alles machen – außer Tickets verkaufen.“ An Deutschland schätze er die Verlässlichkeit.

Alles sei geordnet, organisiert. Man verliere seine Rechte nicht. Und die Deutschen seien immer pünktlich. Da wird Mohammed noch dazulernen müssen.

Freie Lehrstellen

Im Rheinland sind in 365 Unternehmen noch 601 Ausbildungsplätze frei. Darunter sind 246 in Köln, 122 im Rhein-Sieg-Kreis, 79 im Rhein-Erft-Kreis, 49 in Bonn, 40 im Rheinisch-Bergischen Kreis, 37 im Oberbergischen Kreis und 26 in Leverkusen. Dem stehen derzeit 575 Bewerber gegenüber. Gute Aussichten bestehen im kaufmännischen Bereich sowie in Hotellerie und Gastronomie.

Bis zum 31. August können sich Bewerber unter der Rufnummer 0221/1640-6664 registrieren lassen. Unternehmen können freie Plätze unter 0221/1640-6665 melden. Die Hotline ist von 9 bis 18 Uhr besetzt. Meldungen sind per Mail unter hotline@ihk.koeln.de oder per WhatsApp unter 0173/354 87 517 möglich....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta