Köln-Sülz im Wandel: „Plötzlich in Klein-Prenzlauer-Berg“

Ein Bewohner des Veedels wettert gegen die „SUV-Fraktion“.

Christian Eisner, mein heutiger Gesprächspartner, hat keine Kinder – hat aber auch nichts gegen sie. Ich betone das vorab, weil Eisners Aussagen in der schriftlichen Form härter klingen könnten, als es im Gespräch herüberkam.

Als ich den 50-Jährigen mit der Frage konfrontiere, was ihn zurzeit besonders beschäftige, kommt er ohne Umschweife auf den Punkt: „Wir leben gerade in einer ziemlich polarisierenden Zeit“, und sein Eindruck sei der, „dass die Leute zunehmend Schwierigkeiten miteinander haben“.

In welcher Hinsicht? Er merke das an Kleinigkeiten. Seine Frau und er seien vor acht Jahren nach Sülz gezogen, also in einen recht privilegierten Stadtteil. „Ich fand die Diversität der Leute schön, jung und alt, Kinder und Hunde, das hatte so einen leicht dörflichen Charakter, eigentlich ganz charmant.“

„Das Klima hat sich verändert“

Nun beobachte er, dass sich das immer stärker verändere. „Die Mieten sind gestiegen, die Gentrifizierung hat stattgefunden, und die Leute kommen nicht mehr miteinander klar.“

Ich frage Eisner, woran er das festmacht. „Inzwischen haben sich hier junge Familien etabliert, die das Klima verändert haben. Es fühlt sich so an, als ob man jetzt gegeneinander wäre.“

Die älteren Leute im Veedel, fährt Eisner fort, hätten früher einen ganz natürlichen, netten Umgang miteinander gepflegt. Jetzt zögen sie sich zunehmend zurück. Denn diese junge Mütter-und-Väter-Generation, die ihren teuren Wohnraum im Wesentlichen dem elterlichen Vermögen verdanke, verhalte sich nun ihrerseits so wie die Generation vor ihnen, die ein ganzes Leben lang hart gearbeitet habe. „Die denken, dass ihnen mit Mitte 30 alles zusteht“.

„Die SUV-Fraktion okkupiert das Veedel“

Er fühle sich langsam wie in Klein-Prenzlauer-Berg, sagt der gebürtige Stuttgarter. Ständig werde man mit dieser SUV-Fraktion konfrontiert, die alles okkupiere.

Er verstehe, sagt Eisner, dass die Jungen einem extremen Druck im Job ausgesetzt seien. Die müssten immer hart am Ball bleiben, ständig verfügbar sein; gleichzeitig jedoch wollten sie die Welt ihrer Großeltern aufrechterhalten – mit Brotbackmaschinen und der Milch vom Bauern.

Alles solle „hygge“ sein, umschreibt es Eisner mit dem dänischen Begriff für Gemütlichkeit, wozu der großräumige SUV natürlich vorzüglich passe.

In der Nähe der Universitätsklinik seien drei normalgroße Garagen, vor denen abends drei Geländewagen stünden, also diese „Countrycars für den urbanen Cowboy“, die aufgrund ihrer ausladenden Breite nicht durchs Tor passten.

Luxusleben mit Öko-Anstrich

Die Garagen selbst seien mit Lastenfahrrädern, wie handgeschreinert wirkende Laufräder für Kleinkinder, Rollern und stapelweise Helmen vollgestellt. „Das ist diese Diskrepanz“, amüsiert sich der Kölner Unternehmer. „Einerseits will ich Sicherheit und Luxus, andererseits bin ich ja so mit der Natur verwachsen, dass ich mein Baby natürlich im Tuch am Leibe trage, dabei aber ständig aufs Mobiltelefon schaue.“

Ich nicke und sage: „Man drückt Kindern soweit ich weiß auch keinen ganzen Apfel mehr in die Hand, sondern hat ihn vorher gesechzehntelt.“

Wie auf Kommando ertönt an einem der Nachbartische Geschrei. Erst brüllt ein Kleinkind – aufgeschreckt durch einen vorbeistürmenden, aber angeleinten Hund – dann schreien sich Kindsvater und Hundehalter an – von null auf hundert in drei Sekunden.

Kaum Kommunikation mehr

„Sehen Sie“, sagt Eisner, „genau das meine ich. Es sind diese unterschiedlichen Lager, die sich nur noch ganz schwer annähern.“ Kommunikation finde kaum mehr statt.

„Mir geht es nicht um ein Bashing dieser Leute, sondern um die Überlegung, wie man es besser machen kann. Wie kommen wir wieder näher zusammen?“

Wie reagieren Menschen – was erzählen sie, wenn man sie auf der Straße anspricht und zu einem Kaffee einlädt? Das beschreibt unsere Autorin Susanne Hengesbach in der Serie „Zwei Kaffee, bitte!”, die immer dienstags in unserer gedruckten Ausgabe und im E-Paper erscheint....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta