Köln im Fall Modeste: Erfrischend, aber gewagt

Der 1. FC Köln hat die Verhandlungen im Fall Anthony Modeste abgebrochen und wird dafür gefeiert. Aber ist der Bundesligist wirklich der Gewinner?

Es ist gerade einmal fünf Wochen her, da trugen die Fans des 1. FC Köln ihren Starstürmer noch auf Händen durchs Innere des Stadions in Müngersdorf. Getroffen hatten beim 2:0-Sieg gegen den FSV Mainz 05 am letzten Spieltag der abgelaufenen Bundesliga-Saison andere, Anthony Modeste war es aber, der mit 25 Toren den augenscheinlich größten Anteil daran hatte, dass sich die Geißböcke erstmals seit einem Vierteljahrhundert wieder fürs europäische Geschäft qualifizierten. Modeste wurde besungen und beklatscht, getätschelt und geherzt.

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In der Domstadt herrschte nach der Partie Ausnahmezustand, literweise Kölsch floss in jener feuchtfröhlichen Partynacht durch die Kehlen der Feierbiester. Und die Fans, sie schmetterten ihr Lied durch die Kölner Kneipen. Wer schießt Köln nach Budapest? Anthony Modeste! Wer heilt Cholera und die Pest? Anthony Modeste! Wer ist schöner als der Rest? Anthony Modeste! Wer bekommt nie Hausarrest? Anthony Modeste!

Und nun, nur gut einen Monat später, ist es plötzlich vorbei mit der grenzenlosen Liebe. Die gestern noch unverwüstlich scheinende Zuneigung ist heute in Spott und Ablehnung umgeschwungen. In diesen Tagen heißt es: Wer sitzt ohne Deal in China fest? Anthony Modeste! Wer gibt jeder Verhandlung den letzten Rest? Anthony Modeste! Wer hat jetzt erstmal Köln-Arrest? Anthony Modeste!

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Binnen kürzester Zeit hat Modeste seinen Kredit verspielt, ist vom Publikumsliebling zum Staatsfeind mutiert. Die Schuld daran trägt er ganz allein. Erst vergangenen Sommer verlängerte der Franzose seinen Vertrag langfristig bis 2021, ließ sich mit Sätzen zitieren, mit denen sich Spieler bei der Unterzeichnung eines neuen Arbeitspapiers eben so zitieren lassen. Ein Jahr später hat er seine Meinung geändert, will weg. So sehr, dass er sogar schon eigenständig nach China gereist war und den Medizincheck absolviert hat. Sicher ist sicher.

Schmadtke erfrischend standhaft

Die Verhandlungen zwischen den Kölnern und Tianjin Quanjian waren schon weit fortgeschritten, der Effzeh sollte eine vereinsinterne Rekordablöse von rund 35 Millionen Euro kassieren. Doch dann, am Mittwoch, erklärte der Bundesligist in einem offiziellen Statement, die Verhandlungen abgebrochen zu haben. Dem Vernehmen nach sollen die Modeste-Berater Etienne und Patrick Mendy dreiste Prämien in Höhe von sechs Millionen Euro gefordert haben. Hinzu kam, dass die Chinesen die Ablösesumme offenbar in Raten abstottern wollten. Zu viel für Sportdirektor Jörg Schmadtke und Finanzchef Alexander Wehrle. Es sei keine Einigkeit zwischen allen Parteien erzielt worden, ließ man wissen, und deshalb müsse man irgendwann halt auch mal einen Schlussstrich ziehen.

Als Zeichen der Stärke deklarierte Schmadtke die Entscheidung zuletzt. "Wir signalisieren damit eindeutig, dass wir handlungsfähig sind und unsere neue Situation annehmen. Und wir haben noch Geld zur Verfügung. Wir sind auf das Geld nicht angewiesen. Es ist keine Zockerei. Wir haben uns 14 Tage intensiv mit dem möglichen Modeste-Wechsel befasst und ernsthafte Gespräche geführt. Jetzt reicht es", ließ der 52-Jährige gegenüber der Bild wissen. Von Fans und Medien wurde Schmadtke für seine Konsequenz gefeiert. Dafür, dass er hart geblieben und sich nicht auf der Nase hat rumtanzen lassen. Und tatsächlich ist eine solche Standhaftigkeit erfrischend in Zeiten, in denen Verträge kaum noch etwas wert zu sein scheinen

Und trotzdem muss zumindest die Frage erlaubt sein, ob der Gewinner hier tatsächlich der 1. FC Köln ist. Ebenfalls am Mittwoch gab der Klub die Verpflichtung des designierten Modeste-Nachfolgers Jhon Cordoba bekannt. Der Mittelstürmer ist ein ähnlicher Spielertyp wie Modeste, robust, bullig, temporeich, er kommt aus Mainz und soll rund 15 Millionen Euro kosten - das wäre ebenfalls Vereinsrekord. Durch die fehlenden Modeste-Millionen und den kostspieligen Cordoba-Coup ist die Handlungsfähigkeit der Kölner auf dem Transfermarkt nun vorerst eingeschränkt.

Es bleibt ein Risiko

Wie es mit Modeste weitergeht, ist derweil noch unklar. Angst vor Unruhe haben die Bosse nach eigener Aussage zwar nicht, wirklich überzeugend sind ihre Aussagen aber nicht. "Tony ist Profi, das klappt schon", meinte etwa Finanzchef Wehrle lapidar. Schmadtke indes sieht sich "nicht in der Position, dass ich am Zug bin und auf Tony zugehen muss". Harmonisch klingt das nicht.

Sollte kein adäquates Angebot für den nach Pierre-Emerick Aubameyang und Robert Lewandowski besten Torjäger der abgelaufenen Spielzeit mehr hereinflattern und Köln auf einem aufgrund des verpassten Sorglos-Deals lustlosen Modeste sitzen bleiben, würde das niemandem weiterhelfen. Im Worst Case könnte der Angreifer gar rapide im Wert fallen - insbesondere weil er mit 29 Jahren nicht mehr jüngste ist. Es bleibt also ein Risiko. Sollte Modeste die neue Situation mit einem echten Konkurrenten bei einem möglichen Verbleib aber annehmen, können sich die Fans im Best Case auf noch mehr Offensivpower freuen. 

Erneute Verhandlungen mit Tianjin scheinen aktuell in jedem Fall ausgeschlossen. "Niemand weiß, was morgen passiert", sagte Schmadtke zwar, "aber ich möchte ausdrücklich kein Hintertürchen öffnen. Es gibt keine Verhandlungen, Schluss, aus." Inwieweit sich seine erfrischende Standhaftigkeit auszahlt, bleibt abzuwarten.