Kämpfen um Reza: Kölnerin will die drohende Abschiebung ihres Pflegesohns verhindern

Das Bamf hat den Asylantrag des 18-jährigen Afghanen abgelehnt.

Es gibt Mango-Sorbet. „100 Prozent Fruchtanteil, selbstgemacht“, sagt Lisa Gerlach (52), lächelt und nimmt einen Löffel. Es ist einer der bislang heißesten Tage des Kölner Sommers, Mango-Sorbet und Windbeutel gerade dann eine willkommene Erfrischung. Um den Glastisch lässt es sich gut sitzen. Er fügt sich nahtlos in das Interieur des großzügigen Hauses aus den 1930er Jahren, das die Familie vor gut einem Jahr im Südwesten der Stadt bezogen hat. Hier ist es angenehm, hier hat jeder Platz, hier kommt die Familie zusammen. Sechs Menschen, vier Religionen, drei Sprachen.

Auch an diesem Nachmittag ist Leben am Tisch. Lisa Gerlach, Diplom-Kauffrau und Wirtschaftsberaterin, eine offene, umtriebige Frau mit langem blondem Haar, ihr Partner Babak Tubis, ein Bochumer Informatiker mit iranischen Wurzeln, Pflegekind Elias (15) (Name geändert) und Gerlachs leiblicher Sohn Wolfram sitzen am Tisch. Die Pflegekinder Rashid (17) und Reza (18), auch sie heißen eigentlich anders, wollen nicht dabei sein. Es geht um ein Thema, das die beiden jungen Männer, die sich ein Zimmer teilen, nicht mehr hören wollen: Rezas Abschiebung. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat seinen Asylantrag abgelehnt. Er ist somit „ausreisepflichtig“, wie es im Amtsdeutsch heißt.

Immer mehr Afghanen werden abgeschoben

Mitte Juni schon sollte Reza zurück nach Afghanistan. Nicht mal mehr jeder zweite afghanische Flüchtling bekommt in Deutschland heute Asyl, 2015 waren es noch fast 80 Prozent. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte das Land Ende vergangenen Jahres für „in Teilen sicher“ erklärt und ein „Rückkehrer-Programm“ initiiert. Seitdem gab es vermehrt Sammelabschiebungen und Vergütung für diejenigen, die eigenständig ausreisen. Aus NRW gab es im vergangenen Jahr laut Innenministerium 14 Abschiebungen, 459 Rückkehrer verließen das Land „freiwillig“. Auch Reza ist nur noch hier, weil Gerlach und Tubis vor dem Verwaltungsgericht Köln Klage gegen die Entscheidung des BAMF eingereicht haben. Nun warten sie täglich auf Nachricht.

Rashid, Reza und Elias leben seit vergangenem Jahr als Pflegesöhne bei Lisa Gerlach und Babak Tubis. Sie kümmern sich um sie, wie leibliche Eltern. Lediglich mit einem gesetzlichen Vormund der Stadt stimmen sie sich ab. 676 Euro bekommen sie für jeden der Drei im Monat, darin sind ein Taschengeld von mindestens 70 Euro enthalten, aber auch Budget für Kleidung und die Mitgliedschaft im Sportverein.

Eltern sind begeistert von ihren Pflegesöhnen

Wenn beide über ihre Pflegesöhne sprechen, schwärmen sie von den Talenten der jungen Männer. Reza ist handwerklich begabt, Rashid ein leidenschaftlicher Koch, Elias interessiert sich für Architektur, referiert gerne und macht Taekwondo. Rashid und Reza besuchen das Berufskolleg, Elias die Förderklasse einer Realschule.

Alle Jungen streben den Realschulabschluss an, Elias danach sogar das Abitur. Er möchte Architekt werden, hat in diese Richtung auch ein Praktikum gemacht. Gerlach traut ihm das zu, weil er wie Rashid und Reza wissbegierig und fleißig ist, und ihm genug Zeit bleibt, um sich an das deutsche Schulsystem zu gewöhnen. Zeit, die Rashid und vor allem Reza fehlt.

Läuft es schlecht, wird Reza in Deutschland wohl nicht einmal mehr seinen Realschulabschluss machen dürfen. Erst vor kurzem hat er bei einem europäischen Wettbewerb mit einem Video, das er gemeinsam mit einigen Freunden eingereicht hat, den NRW-Landespreis gewonnen. Wenige Tage nach dieser Nachricht bekam er seinen Abschiebebrief – zurück nach Afghanistan.

Reza wurde von der Taliban bedroht

Von dort war er 2015 geflüchtet, weil er bei einem Schulfest ein Lied vortrug, das die Taliban-Miliz als Beleidigung ansah. Sie machte dem Vater Druck, seinen Sohn auszuliefern. Der schickte ihn mit einem gefälschten Pass und etwas Geld auf die Reise ins Ungewisse. In seiner Fußballmannschaft war Reza Kapitän, auch in der Schule fleißig. Nun brachten ihn Schleuser übers Mittelmeer und von dort über die Balkanroute nach Deutschland. Erst im Januar musste er sich wieder ganz genau an seine Flucht nach Deutschland erinnern. Im Rahmen seines Asylantrags sprach er in Düsseldorf über drei Stunden mit einer Anhörerin und einem Übersetzer des BAMF. Gerlach und Tubis – der Farsi, eine von zwei Amtssprachen in Afghanistan spricht – waren als Beistand und Vertrauensdolmetscher dabei.

Der schlechte Eindruck, den beide während des Gesprächs von der Behörde gewannen, bestätigte sich in dem knapp vier Seiten langen Protokoll, in dem Reza die Abschiebung mitgeteilt wurde. Anhörerin und Entscheider des Asylverfahrens waren unterschiedliche Personen. Reza, so steht es in dem Schreiben, habe nur vage und oberflächlich auf die Fragen geantwortet. Der Entscheider hielt ihn für unglaubwürdig. Wie man sich eine solch persönliche Meinung über einen Menschen bilden könne, ohne ihn je mit eigenen Augen gesehen zu haben, bleibt Gerlach ein Rätsel.

Flüchtlingsrat NRW beklagt schlechte Ausbildung der BAMF-Mitarbeiter

Julia Scheurer, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Flüchtlingsrat NRW, kennt diese Probleme. Dabei, betont sie, sei es „unbedingt notwendig, auf die individuellen Fluchtgründe der Person abzustellen“, oftmals geschehe dies aber nur in „drei Sätzen“, sagt Scheurer. Auch die mangelhafte Ausbildung im BAMF bestätigt sie und zieht eine interne „Bewertung der Qualifizierungsmaßnahmen“ des Bundesamtes aus dem Mai dieses Jahres heran. Darin wird deutlich: Von den tausenden Mitarbeitern, die die Behörde seit August 2015 eingestellt hat, und die darüber entscheiden sollen, ob ein Flüchtling als Asylbewerber anerkannt wird, haben durchschnittlich nur 21,6 Prozent die vorgesehene Ausbildung. „Oftmals dauern die Schulungen für Anhörer und Entscheider nur wenige Wochen“, sagt Scheurer.

Auch in Rezas Protokoll finden sich Textstellen, die Gerlach „realitätsfern“ nennt. Dort wird die Sicherheitslage im Land als „relativ zufriedenstellend“ und die Hauptstadt Kabul, im Hinblick auf die derzeitige Gefährdung, als geeignete Fluchtalternative beschrieben, die alleinstehenden, jungen, arbeitsfähigen Männer die Chance eröffne, „sich eine neue Existenz aufzubauen“. Nach den Unruhen der jüngsten Zeit ist für sie jede dieser Zeilen ein Schlag ins Gesicht.

Die Einschätzung des Flüchtlingsrats bestätigt sie darin. Momentan sei die „Sicherheitslage in Afghanistan so kritisch wie lange nicht mehr“, heißt es dort. Die Bundesregierung reagierte im Juni und kündigte an, Afghanen nur noch in Ausnahmefällen abzuschieben. Ausgenommen sind Straftäter und Gefährder.

Für eine Ausbildung msste Reza die Schule vorzeitig abbrechen

Für Reza erhöht das die Chancen, in Deutschland bleiben zu dürfen. Er wird wohl in Kürze eine Ausbildung zum Altenpfleger beginnen. Sein großer Wunsch, etwas im sportlich-technischen Bereich zu erlernen, scheint derzeit aussichtslos. Mit Inkrafttreten des Integrationsgesetzes im August letzten Jahres wäre Reza jedoch zumindest während seiner Ausbildung geduldet. Er müsste hierfür die Schule vor seinem Realschulabschluss im kommenden Jahr abbrechen. Gerlach sieht Reza und andere Geflüchtete in ihren Chancen beraubt.

Für Gerlach, Tubis und ihre Familie bleibt nur: kämpfen. Beide sind für die Piratenpartei als Kommunalpolitiker aktiv, Gerlach sitzt im Kölner Stadtrat. 22 unbegleitete, minderjährige afghanische Flüchtlinge leben zurzeit in Kölner Gastfamilien. Die Zahl derer, die sich engagieren wollen, ist rückläufig.

Eine Zeit, in der Symbole helfen. Ein Familienfoto. Elias setzt sich zu Lisa Gerlach, Babak Tubis und Gerlachs Sohn Wolfram, auch Katze Molly ist dabei. Rashid und Reza fehlen. „Unsere Familie zerreißt diese Situation“, sagt Gerlach. Müde, gegen all die Windmühlen zu kämpfen, ist sie nicht. Auch auf Rezas Abschiebung ist ihr Kampf ausgerichtet. „Ja“, sagt sie zum Abschluss, „wenn es die Situation erfordert, fliege ich auch mit Reza nach Afghanistan“....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta