Ein Jungsozialist will die GroKo verhindern

Der 28-jährige Juso-Chef Kevin Kühnert will beim Parteitag der SPD am Sonntag die Neuauflage der Großen Koalition verhindern. Kühnert ist sehr links und sehr schlau.

Kevin Kühnert legt sich heute gerne mit dem großen Geld an – aber wie man an kleines Geld kommt, das hat er in der Vergangenheit schon ziemlich gut bewiesen. Ende 2009 steckte Kühnerts Sport-Verein Tennis Borussia Berlin in finanziellen Nöten, der Hauptsponsor war abgesprungen. Kühnert gründete daraufhin eine Hilfsinitiative, ließ T-Shirts mit der Aufschrift „Saving TeBe“ drucken und verkaufte sie an Unterstützter und Fans – für 20 Euro das Stück.

Gut sieben Jahre später will er wieder etwas retten, diesmal aber ist das Objekt in Not um eine Nummer größer, denn diesmal ist es die SPD. Ginge es nach Kühnert, dem im November gewählten Chef der "Jungsozialisten", der Jugendorganisation der Partei, dann wäre die Rettung der einst stolzen Sozialdemokratie gerade nicht der Gang in einer erneute große Koalition, sondern das Gegenteil: ein Nein zu Merkel, ein Nein zum Weiter-so, raus aus dem - wie er es nennt - „Teufelskreis der großen Koalition“. Am Sonntag müssen rund 600 Delegierte der SPD auf einem Sonderparteitag über den Kurs abstimmen. Und Kühnert tut ziemlich viel dafür, dass die Genossen es in seinem Sinne tun.

Martin Schulz gegen Kevin Kühnert, Regierungspragmatismus gegen reine linke Lehre. Das ist jetzt die Lage.

An diesem Donnerstag steht der Mann, der den SPD-Chef tatsächlich stürzen könnte, im Berliner Willy-Brandt-Haus. Blaue Jeans, schwarzes Hemd, Turnschuhe, die Hände in die Hüften gestemmt, dazu volle, leicht gerötete Wangen: Kühnert sieht jünger aus als die 28 Jahre, die er ist, geradezu harmlos. Dass er das nicht ist, merkt man schnell, sobald er spricht.


Schon auf dem SPD-Parteitag im Dezember war er mit einer sehr guten Rede aufgefallen, sachlich, aber klar in der Sache, sehr kritisch gegenüber der Parteispitze, dabei ohne deplatzierte Polemik. Eine bemerkenswerte Mischung aus zwingender Argumentation und dosierter Leidenschaft. „Wir haben ein Interesse daran, dass hier noch etwas übrig bleibt von diesem Laden, verdammt nochmal“, rief er damals in den Saal und der klatschte laut zurück.

Nun also der Auftritt in der Parteizentrale, drei Tage vor dem nächsten Parteitag, dem nächsten Showdown. Und wieder zeigt der Juso-Chef, was er kann: angreifen, ohne zu verletzen. Von Koalitionsverhandlungen, sagt er, solle niemand „Wunder erwarten“, der Rahmen sei gesetzt. Und was nicht schon drin sei im Rahmen, das käme auch nicht mehr rein. Die klare Botschaft: Sollte sich jemand Hoffnungen auf ein Comeback der Bürgerversicherung oder eines höheren Spitzensteuersatzes gemacht haben – träumt weiter. Es gäbe, sagt er dann noch, keine „Bestandsgarantie“ für die SPD, „Parteien können auch verschwinden“. Wer deshalb aus „Hasenfüßigkeit“ und Angst vor der Alternative Neuwahl wieder in eine Groko flüchten wolle, betreibe nur die weitere „Verzwergung“ der Partei. Der Mann weiß, wie man Punkte macht.




Kühnert ist gebürtiger Berliner, der Vater arbeitet im Finanzamt, die Mutter im Jobcenter. Er studierte erst an der Freien Universität Publizistik und Kommunikationswissenschaft, mittlerweile an der Fern-Uni Hagen Politik und Soziologie. Sein Förderer in der Hauptstadt-SPD war der linke Landesvorsitzende Jan Stöß. 2013 boykottierten die Berliner Jusos unter ihm das Deutschlandfest der SPD zum 150-jährigen Bestehen der Sozialdemokratie. Weil es Deutschlandfest hieß. Und auch sonst macht Kühnert keinen Hehl darauf, dass die Mitte für ihn nicht der richtige Ort der Sozialdemokratie ist. Und Harmonie keine Sozipflicht.



Ein kleines politisches Kunststück

Er trat 2005 in die Partei ein, nach dem Wahldesaster in Nordrhein-Westfalen, das zu vorgezogenen Neuwahlen im Bund führte. Kühnert geißelt bis heute das SPD-Programm von damals, die Agenda 2010, die Ich-AGs und Steuersenkungen, überhaupt den „Geist von Deregulierung und Verwertungslogik“. Der „Agenda-Ballast“ müsse „über Bord“ geworfen, das „Sparmantra“ der schwarzen Null verworfen werden. Er redet überhaupt sehr häufig und sehr gerne von Umverteilung. Selbst die große Koalition von 2013 bis 2017 sei geprägt gewesen von „billigen und oft ziemlich schlechten Kompromissen“, meint Kühnert. Das ist aus Sicht anderer Genossen, die in diesen vier Jahren Mindestlohn, Frauenquote, Rente mit 63 und eine Mietpreisbremse unter Dach und Fach brachte, schon eine bemerkenswerte Aussage.

Kühnerts Rhetorik ist also, einerseits, der klassische Juso-Slang. Andererseits: Der kommt diesmal an. Was daran liegt, dass Kühnert eben so gar nicht als Hassfigur taugt. Er polarisiert, aber ohne sich polarisieren zu lassen. Das ist schon ein kleines politisches Kunststück.


Bei seinem Auftritt im Willy-Brandt-Haus wird Kühnert schließlich gefragt, ob Martin Schulz denn Geschichte sei, wenn er mit den Jusos am Sonntag die Oberhand behalten sollte, wenn der Slogan „NoGroko“ also eine Mehrheit fände. „Nichts“, antwortet er sachlich, selbstbewusst und kühl zugleich, „wird besser, wenn wild zurückgetreten wird.“ Schulz könne natürlich Vorsitzender bleiben.

So weit ist es schon gekommen, dass der Parteichef solche Gönnerhaftigkeiten ertragen muss. Für einen Steckbrief hat Kühnert einmal ein Zitat ausgewählt, das sein politisches Engagement beschreiben sollte. Er wählte nicht Willy Brandt oder Friedrich Ebert oder gar Otto Wels, keinen der üblichen sozialdemokratischen Heroen also – er wählte einen Satz der Kommunistenikone Karl Liebknecht, des einstigen Sozialdemokraten. Der Satz lautete: „Das Unmögliche zu wollen, ist die Voraussetzung dafür, das Mögliche zu schaffen.“