Wie eine junge Studentin ein Gespräch mit Kanzlerin Merkel für einen Appell an ältere Menschen nutzt

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Angela Merkel beim digitalen Bürgerdialog am Mittwoch
Angela Merkel beim digitalen Bürgerdialog am Mittwoch

Angela Merkel bewegt sich an diesem Mittwoch zwischen zwei Welten. Am Nachmittag fliegt die Kanzlerin nach Washington, um US-Präsident Joe Biden zu treffen. Es geht um nichts weniger als den Neustart der Beziehungen zwischen den USA und Deutschland. Es ist die ganz große politische Bühne.

Doch bevor Merkel abhob, nimmt sie sich 90 Minuten Zeit, um mit Bürgern per Videokonferenz über die Auswirkung der Pandemie zu sprechen. Dieses Format gab es in der Pandemie bereits einige Male, diesmal geht es um ein Thema, das ihr besonders wichtig sei, sagt Merkel: das „Miteinander der Generationen“. „Die Pandemie hat uns in eine Lage gebracht, in der junge Menschen einen großen Anteil ihres Lebens herunterfahren mussten“, sagt Merkel. Denn man habe die Älteren schützen müssen. Nun sagten einige Junge, es müsse auf ihre Bedürfnisse Rücksicht genommen werden.

Die Teilnehmer zwischen 18 und 90 Jahren wurden von verschiedenen gemeinnützigen Organisationen empfohlen. Der Ton ist stets freundlich, doch hier bekommt Merkel einen direkten Eindruck, was die Pandemie und die Maßnahmen für viele Menschen in Deutschland bedeutet haben.

Alt und Jung erzählen ihr von den harten Seiten der Pandemie. Eine 85-jährige Frau im Altenheim berichtet, dass sie ihren Ehemann während der Pandemie drei Monate lang nicht sehen konnte. Ein Student, der sich ehrenamtlich engagiert, sagt, es sei in der Pandemie kaum möglich gewesen, Freiwillige zu finden, um wiederum anderen zu helfen.

Besonders eindrücklich sind die Schilderungen der 19-jährigen Lisa Gaffron. Im vergangenen Jahr organisierte sie einen Einkaufsservice für Senioren. „Ich habe gemerkt, dass ich für viele Menschen der einzige Kontakt war“, erzählt sie. Die Arbeit sei auf der einen Seite erfüllend, aber die Schicksale seien ihr auch nahegegangen. „Die große anonyme Masse hat auf einmal ein Gesicht bekommen“, sagt sie.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie bekommt die Studentin auch persönlich zu spüren. Seit zwei Semestern studiere sie nun in Hannover, doch in der Universität selbst war sie noch nie. „Am Samstag treffe ich zum ersten Mal einen Mitstudenten in der Bibliothek.“ Sie habe ihre Freunde vermisst, konnte ihre Freizeit kaum genießen. „Haben Sie auch mal einen Hänger gehabt?“, fragt Merkel. Ja, sagt die junge Frau, besonders im Winter während der Prüfungszeit im Winter habe ihr die Dunkelheit auf das Gemüt geschlagen. Sie habe lange Zeit nicht das Haus verlassen, nur vor dem Computer gesessen und gelernt.

Dann richtet die junge Frau einen Appell an die älteren Menschen. „Ich erwarte von allen Menschen, dass sie auch Rücksicht nehmen auf die jüngere Generation.“ Nicht nur in der Pandemie, sondern auch bei der Klimapolitik. Sie sagte: „Ich zeige nicht mit dem Finger auf jemanden…“ – und tat es in gewisser Weise doch. Schließlich sprach sie zu Angela Merkel, die in den vergangenen 16 Jahren ihrer Regierungszeit auch die Klimapolitik verantwortete.

"Selbst im Krieg konnten wir uns umarmen"

Es berichteten weitere junge Menschen. Weltreisen mussten abgesagt werden, manche, die in neue Städte umgezogen sind, konnten keinen Kontakt zu Gleichaltrigen knüpfen. Mitunter ähneln sich die Geschichten der jungen und alten Menschen in der Pandemie. Auch sie habe nur per Telefonkonferenz den Kontakt zu ihren Freundinnen gehalten, erzählt Gudrun Born, 90 Jahre, aus Frankfurt. Nicht nur für die Generation Z war das Handy also ein wichtiges Mittel gegen die Einsamkeit. Born sagt, dass die Pandemie auch in ihrem langen Leben eine einzigartige Erfahrung gewesen sei: „Ich habe ja noch den Krieg erlebt, aber selbst da hat man sich ja noch treffen und auch umarmen können.“

Am Ende des Bürgerdialogs dankt Merkel allen Teilnehmern. „Es war mir ein wichtiger Termin“, sagt sie. Und appelliert, weiter an die Mitmenschen in der Pandemie zu denken. Diejenigen, die Hilfe am meisten brauchen, sind oft ganz still, sagt sie. Dann verabschiedet sie sich, bald darauf muss sie zum Flughafen. Joe Biden wartet.

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