„Niemand will mehr beim gleichen Arbeitgeber alt werden“

Wer wissen will, wie die schöne neue Arbeitswelt aussieht, sollte bei Adecco vorbeischauen: Die Zentrale des Personaldienstleisters liegt im malerischen Seefeld in Zürich. Im „Open Space“ teilen sich die Mitarbeiter ein Großraumbüro, ganz hinten sitzt Firmenchef Alain Dehaze. Zum Interview geht es dann aber doch in einen Besprechungsraum – da ist es ruhiger.

Herr Dehaze, als Chef der Adecco Gruppe kennen Sie sich doch mit Arbeit aus. Alle reden von der Digitalisierung. Wie lange wird es dauern, bis Computer unsere Jobs übernehmen?
Da mache ich mir keine Sorgen. Es stimmt zwar, dass künstliche Intelligenz und Robotik enorme Fortschritte machen. Aber es gibt Dinge, die Maschinen noch lange nicht beherrschen werden.

Welche denn?
Kreativität, Empathie und die Fähigkeit, auch komplexere Aufgaben wie dieses Gespräch zu lösen. Das unterscheidet uns von Maschinen. Trotzdem glaube ich, dass künstliche Intelligenz einen großen Einfluss auf die Arbeit der Zukunft haben wird.

Was heißt das für die Adecco Gruppe?
Wir entwickeln gerade einen Chatbot, der mit Kandidaten über eine offene Stelle spricht. Die Software prüft im Gespräch, ob der Kandidat die richtigen Qualifikationen mitbringt und kann sogar Termine ausmachen. Unseren Personalvermittlern bleibt damit mehr Zeit, sich im Gespräch um das Wesentliche zu kümmern.

Also braucht die Adecco Gruppe in Zukunft weniger Mitarbeiter?
Nein, wir wollen weiterwachsen. Aber durch die Digitalisierung ändern sich die Anforderungen an die Mitarbeiter.

Bedeutet das, dass wir in Zukunft alle programmieren können müssen?
Zum Glück nicht, sonst hätte ich ein Problem (lacht). Denken Sie an die Vergangenheit: Als die Elektrizität erfunden wurde, hat das zwar das Arbeitsleben der Menschen verändert. Aber deswegen mussten nicht alle zum Elektriker werden. Genauso muss heute nicht jeder programmieren können. Trotzdem sollten Unternehmen ihre Mitarbeiter fit für die neue Arbeitswelt machen.


Wie kann das gelingen?
Es geht nicht darum, welche Jobs durch die Digitalisierung wegfallen, sondern darum, mit neuen Technologien umzugehen. Dazu braucht es lebenslanges Lernen. Das ist die Herausforderung, der sich Unternehmen und jeder Einzelne stellen müssen.

Das klingt prima. Aber wieso sollten Firmen sich darauf einlassen? Als mittelständischer Schraubenfabrikant will ich doch, dass Herr Meier aus der Qualitätskontrolle seinen Job macht, statt bei einer teuren Fortbildung zu sitzen.
Wenn Sie sich von dem Mitarbeiter trennen müssen, weil ihm die nötigen Kompetenzen fehlen, kommt Sie das viel teurer zu stehen. Hier in der Schweiz kann Sie das bis zu 100.000 Franken kosten. Eine gute Weiterbildung bekommen Sie für weniger als 30.000 Franken. Die Weiterbildung ist also betriebswirtschaftlich sinnvoller, und sozial verantwortlicher ist sie natürlich auch. Aber bei der Digitalisierung steht mehr auf dem Spiel.

Inwiefern?
Die Digitalisierung verändert unsere Arbeitswelt radikal. Wir müssen uns überlegen, wie wir damit umgehen. Überlassen wir das den Einzelnen oder nehmen wir die Herausforderungen gemeinsam an? Ich würde mir eine gesellschaftliche Antwort wünschen. Zum Beispiel ein Weiterbildungskonto, mit dem sich Geld für das lebenslange Lernen zurücklegen lässt.

Auch deshalb haben Sie einen „neuen Sozialvertrag für das 21. Jahrhundert“ gefordert. Wieso macht sich ein Personalvermittler wie die Adecco Gruppe für soziale Rechte stark?
Erstens, weil wir weit mehr als ein Personalvermittler sind. Wir decken die ganze Bandbreite von HR-Lösungen ab. Und da sehen wir, welche Grenzen das jetzige System aufweist. Zweitens, weil wir als Arbeitgeber eine gesellschaftliche Verantwortung haben. Und da können und wollen wir nicht wegschauen.


Wo liegt das Problem?
Das Arbeitsleben hat sich insgesamt geändert, aber die sozialen Systeme halten dabei nicht Schritt. Neue Arbeitsformen wie projektorientiertes Arbeiten, Teilzeitarbeit und Selbstständigkeit gewinnen weltweit an Bedeutung. In den USA arbeitet bereits heute jeder zweite Studienabsolvent als Freelancer. Auch in Europa verlangt die junge Generation mehr Freiheiten. Unsere Aufgabe ist, unseren Kunden aus der Wirtschaft Flexibilität anzubieten und gleichzeitig unseren Beschäftigten Sicherheit und eine berufliche Perspektive geben zu können.

Welche denn?
Millennials denken in Projekten. Sie wollen Tätigkeiten übernehmen, die einen Sinn ergeben und zu denen sie etwas beitragen können. Und wenn Sie diese Aufgabe erfüllt haben, suchen sie sich ein neues Aufgabenfeld oder Projekt. Die junge Generation verbringt nicht mehr ihr ganzes Berufsleben bei einer Firma, sondern wechselt häufig ihre Stelle. Junge Amerikaner zwischen 18 und 25 Jahren wechseln schon heute elf Mal den Arbeitgeber. Das merke ich bei meinen eigenen Kindern. Da will niemand mehr beim gleichen Arbeitgeber alt werden. Doch für die neuen Arbeitsformen sind die Sozialsysteme noch nicht ausgerichtet.


Warum nicht?
In vielen Ländern sind Freelancer nur unzureichend versichert. Pensionszahlungen lassen sich oft nicht von einer Beschäftigungsform in die andere mitnehmen. Die Welt ist volatiler und komplizierter geworden, deswegen müssen wir unser System anpassen.

Sie nennen es eine Anpassung. Ein Gewerkschafter würde sagen: Sie wollen den Arbeitnehmerschutz lockern.
Nein, im Gegenteil! Wir wollen dafür sorgen, dass jeder, der eine entlohnte Arbeit entrichtet, auf die gleichen Rechte zugreifen kann wie festangestellte Arbeitnehmer. Die jetzige Situation finde ich ungerecht, und sie entspricht einem Auslaufmodell.

Sie haben zusammen mit Microsoft eine eigene Plattform für die Gig-Economy namens YOSS aufgelegt. Wieso? Sowas bieten doch sonst nur Start-ups an.
Weil wir Freelancer mit großen Unternehmen zusammenbringen möchten. Für die Adecco Gruppe ist das eine große Chance: Der Markt für Freelancer ist mit mehr als 1000 Milliarden US-Dollar rund dreimal so groß wie der für Zeitarbeiter. Wir können nun erstmals eine strukturierte Lösung anbieten, mit der etwa die schnelle Bezahlung von Freelancern sichergestellt wird. In Frankreich ist YOSS gut gestartet, aber das ist sicher auch ein Modell für den deutschen Markt. Auch hier wird die Freiheit der Berufs-, oder Projektwahl immer wichtiger.


Freiheit ist gut und schön. Aber gibt es in der schönen neuen Arbeitswelt denn noch ein Recht auf Feierabend?
Sie selbst bestimmen, wann sie Feierabend machen. Der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft bringt auch bei den Arbeitszeiten mehr Flexibilität mit sich. Manche Menschen wollen montagsmorgens lieber zum Sport und arbeiten dafür abends länger. Ich sehe da kein Problem.

Kein Wunder. Wir haben gelesen, dass Sie auch mit fünf Stunden Schlaf auskommen.
Stimmt, fünf Stunden sind allerdings das absolute Minimum. Aber seit ich von einer Alzheimer-Spezialistin gehört habe, dass Schlafmangel als Risikofaktor für Alzheimer gilt, versuche ich auf mindestens sieben Stunden zu kommen.

Arbeiten Sie eigentlich auch am Wochenende?
Ja, ich nutze die ruhige Zeit gerne, um mich in Themen einzulesen. Aber ich habe in meinem Mailprogramm eine Verzögerung eingestellt. So werden meine E-Mails erst am Sonntagabend verschickt. Meine Mitarbeiter wissen, dass Sie nicht sofort darauf antworten müssen.

Nicht alle Chefs sind so verständig. Als Mitarbeiter muss ich doch damit rechnen, dass mein Vorgesetzter trotzdem eine Antwort erwartet.
Ich glaube, gerade für die junge Generation ist es völlig normal, auch am Wochenende mal die dienstlichen E-Mails zu lesen. Mich wundert, dass darüber in Europa noch groß diskutiert wird. In Asien ist das gar kein Thema mehr. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns in einem globalen Wettbewerb befinden.


„Bei uns gibt es keinen Urs“

Wo wir gerade vom Wettbewerb sprechen: Der Markt für Arbeitsvermittler gilt als hart umkämpft. Wo wollen Sie mit der Adecco Gruppe wachsen?
Die allgemeine Zeitarbeit bleibt für uns ein Wachstumsfeld. Vor allem bei kleinen und mittleren Unternehmen, bei denen wir bislang unterrepräsentiert sind, sehen wir enorme Chancen. Außerdem wollen wir das sogenannte Permanent Recruiting ausbauen …

… also die Vermittlung von Arbeitskräften in Festanstellungen.
Exakt. Noch liegt unser Marktanteil bei zwei Prozent, doch wir wollen zum globalen Marktführer werden. Deswegen haben wir in den USA die digitale Vermittlungsplattform Vettery erworben. Bei Vettery werden mithilfe eines Algorithmus Stellensuchende auf diese Plattform gebracht, Bewerbungsprozesse analysiert und passende Kandidaten empfohlen. Mit Vettery und unseren anderen globalen HR-Lösungen wollen wir Unternehmen Flexibilität und Stabilität anbieten. Das kann die klassische Zeitarbeit sein, aber auch Freelancing oder Fort- & Weiterbildung oder Festanstellungen.

In Deutschland brummt die Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Niveau seit der Wiedervereinigung, es herrscht Fachkräftemangel. Wer unterschreibt da noch einen Zeitarbeitsvertrag?
Tatsächlich ist es für uns schwieriger geworden, geeignete Kandidaten zu finden. Deswegen wird die Ausbildung von Arbeitskräften für uns wichtiger. Wir suchen Menschen mit der richtigen Einstellung, die wir weiterbilden und dann fest oder auf Zeit eine Arbeit vermitteln können. Auf Englisch sagt man: Hire for attitude, train for skills.


Wie sieht der typische Adecco-Leiharbeiter in Deutschland aus?
Rund 60 Prozent der Arbeitnehmer bringen eine begrenzte Qualifikation mit. Rund 40 Prozent sind sehr gut ausgebildet. Wir vermitteln etwa auch viele Ingenieure. Zeitarbeit ist inzwischen ein wichtiger Rekrutierungs- und Ausbildungskanal. Und die Entwicklung geht weiter, so dass wir mehr Aufgaben übernehmen, die unsere Kunden auslagern wollen. Mit der Übernahme von General Assembly sind wir zu einem der führenden Unternehmen in der Aus- und Weiterbildung geworden.

Adecco ist in Deutschland auch stark in der Automobilindustrie vertreten. Wie sehr sorgen Sie sich um den drohenden Handelskrieg mit den USA?
Es stimmt, dass die Geopolitik im Moment das wohl größte Risiko darstellt. Aber ich hoffe, dass es zu einer guten Lösung kommt und sich ein Handelskrieg noch abwenden lässt. Wie gesagt, die Welt ist komplizierter und volatiler geworden. Dies gilt selbstverständlich auch für die Automobilindustrie, die wir in diesem Transformationsprozess mit unseren HR-Lösungen unterstützen.


Manche Dinge scheinen sich trotzdem nicht zu ändern. Frauen in Führungsjobs sind in Deutschland und der Schweiz noch immer die Ausnahme. Bei den 100 größten Arbeitgebern der Schweiz gibt es nur vier weibliche CEOs. Damit gibt es genauso viele Chefinnen wie Männer, die Urs heißen.
Da kann ich Sie beruhigen: Bei uns gibt es keinen Urs. Die Länderchefin der Adecco Gruppe Schweiz heißt Nicole. Und die Frauenquote liegt im Management der Adecco Gruppe bei 37 Prozent. Damit sind wir noch nicht am Ziel, aber über dem schweizerischen Durchschnitt.

Sind Sie für eine Frauenquote?
Eigentlich bin ich kein Fan von Quotenregelungen, aber wenn wir in diesem Tempo weitermachen, wird es noch Jahrhunderte dauern, bis Männer und Frauen in den Chefetagen gleichberechtigt sind. In Norwegen hat man gesehen, dass eine Quote den Wandel tatsächlich beschleunigen kann.

War das ein Ja?
Unser Ziel ist es, dass unser Management die ganze Welt abbildet – und dabei geht es nicht nur um das Geschlecht, sondern um Menschen aus allen Regionen, Hintergründen und mit allen Orientierungen.

Herr Dehaze, wir danken für das Gespräch.