Jugendliche, an die keiner glaubt: Wie dieser Ökonom junge Straftäter wieder auf Kurs und in den Arbeitsmarkt bringt

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Es gehört nicht viel dazu, abzurutschen. Die meisten Menschen kennen Phasen, die das leicht machen. Eine davon ist die Jugend. Vieles ist im Umbruch, und für Jugendliche knirscht es oft an zentralen Stellen. Wenn Dinge schief laufen, Familie und Institutionen die Jungen mit ihren Problemen vernachlässigen, nicht sehen, verloren glauben. Manchmal alles zusammen. Migration und Fluchterfahrungen kommen oft hinzu.

In Großstädten begehen 25 Prozent der Jungen und 14 Prozent der Mädchen im mittleren Jugendalter Diebstahl oder einfache Gewaltdelikte. Ab dem 15. und 16. Lebensjahr geht die Jugendkriminalität zurück. Erziehung und soziales Umfeld sind dafür entscheidend. Das fanden der Kriminologe Klaus Boers und der Soziologe Jost Reinecke heraus. „Normen lernt man nicht theoretisch, sondern am besten im Konflikt“, sagte Boers dem Kölner Stadt-Anzeiger. „Die Jugendlichen testen ihre Grenzen aus – und überschreiten sie.“

Wo verlaufen die Grenzen? Und was geschieht, wenn eine ganze Jugendgang ein Dorf unsicher macht? Mit dieser Frage wurde eines Tages Hassan Ismail kontaktiert. Der angehende Ökonom arbeitete neben dem Studium in Wuppertal stundenweise in der Jugendsozialarbeit. Den Ämtern blieb nicht verborgen, dass er einen Draht zu „schwierigen“ Jugendlichen hatte. Er wusste um die Probleme, die viele von ihnen haben und wie es ist, wenn nichts mehr stimmt.

Als Kind war seine Familie vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland geflohen. „Ich wuchs in einem Heim für Asylanten auf, wie es damals hieß“, sagt er. „Es waren einfache Verhältnisse.“ Hassan Ismail hatte Ziele. An der Hauptschule stellte er fest: Das hier bringt mich nicht zum Abitur. Mir fehlt Wissen. Er wechselte an eine Gesamtschule, weil er das Abitur machen wollte. Um sich das Wissen anzueignen, das fehlte, schloss er sich gern mal in eine Bibliothek ein und lernte autodidaktisch. Ein paar Jahre später hatte er das Abi - mit glänzenden Noten.

„Ich ging in die Stadtviertel der Bildungsbenachteiligten und machte den Jungs ein Angebot“

Noch an der Schule, Hassan Ismail war gerade 18, baten ihn die Lehrer, eine Mathe-AG zu leiten. „Bald saßen 30 Schülerinnen und Schüler vor mir“, sagt er. Er motivierte sie. „Wenig später ging ich in die Wuppertaler Stadtviertel, in denen viele bildungsbenachteiligte Familien leben, und machte den Jungs dort ein Angebot. Ich wusste, ich kann ihnen helfen.“ Er arbeitete in Projekten wie „Abitur pur“ oder „Projekt Wege“ von örtlichen Jugendhilfeträgern.

Während seines Wirtschaftsstudiums jobbte Hassan Ismail weiter in der Jugendsozialarbeit. Er brachte Jugendliche von der Straße in Kreativ- und Sportprojekten unter, empowerte sie. Als Ökonom machte er einen der besten Masterabschlüsse in Nordrhein-Westfalen. Er freute sich auf das Arbeitsleben und fand eine Stelle im Vertrieb eines Unternehmens. Ismail begann, sich einzuarbeiten. Ein Jahr später rief ihn ein Jugendhilfeträger an. „Herr Ismail, wir brauchen Sie!“, sagte er. „Könnten Sie eine Gruppe deutscher Jungs betreuen? Es sind Intensivstraftäter.“

Polizei und Ämter hatten schon massive Strafen für die Jungs erteilt, die in einem kleinen Ort viel Unruhe verbreiteten. Doch sie hatten die Schule abgebrochen, brauchten einen Plan. Einer von ihnen war 13 und hatte ein Alkoholproblem. „Sie waren teilweise sehr jung, gängige Jugendhilfeangebote griffen nicht“, sagt Hassan Ismail.

Das Jugendamt wusste, es würde einen guten Plan brauchen. Der Amtsleiter war im Internet auf das „Neue Wege“-Projekt in Wuppertal und auf die Arbeit von Hassan Ismail gestoßen. So etwas suchte er. Also bat er Ismail, das Projekt operativ zu leiten und mit den Jugendlichen und ihren Familien zu arbeiten. "Ich gab den Job im Vertrieb auf, weil ich das Projekt als Chance sah", sagt Hassan Ismail. Das Ziel trug einen sperrigen Namen: Entkriminalisierung.

„Ihr müsst euch hochboxen, wenn ihr in diesem Leben was erreichen wollt“

„Anfangs waren diese Jungs nur lethargisch“, erinnert er sich an die erste Zeit im Projekt. „Sie lungerten rum, kifften, raubten.“ Er machte klare Ansagen. „Ihr wollt eine Chance? Ihr wollt Kohle? Vergesst unehrliches Geld. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihr im Knast landet. Die Frage ist nicht, wieviel ihr austeilen könnt, sondern wie viel ihr einstecken könnt. Es ist wie bei Rocky Balboa. Ihr müsst euch hochboxen, wenn ihr in diesem Leben was erreichen wollt!“ Und tatsächlich brachte er sie auch zum Boxen. „Ich zeige euch, wie ihr es schafft“, sagte er ihnen. „Ich zeig euch Wege.“ Sie begannen, ihm zuzuhören.

In Nordrhein-Westfalen gibt es viele jugendliche „Problemfälle“. Um sie kümmern sich Sozial- und Jugendämter, Diakonie-Institutionen, Jugendhilfeträger. Schon 2003, noch vor seinem Studium, arbeitete Hassan Ismail erstmals in sozialen Brennpunkten mit Jugendlichen zusammen. Sein Weg: der unumstößliche Glaube an ein Ziel. Wertschätzung - für jeden. Kein Schmusekurs. Aber auch keine Ablehnung. So hielt er es auch später.

18 Monate lang bereitete er die Jungen darauf vor, sich um sich selbst zu kümmern. Die Diebstähle, die Gewaltdelikte aufzugeben. In Hassan Ismail kommen zwei Seiten zusammen: der Mensch mit Empathie und der Gabe, andere praktisch zu motivieren, und der Ökonom. Er wusste, wie es ist, im Vertrieb Menschen etwas schmackhaft zu machen. Sie nicht nur kurzfristig als Käufer zu gewinnen, sondern als langfristige Kunden zu binden. Das Produkt: eine lebenswerte Zukunft, in der sie mit ihren Talenten Geld verdienen. Raus aus der Sinnlosigkeit finden.

Dazu gehörten Kreativworkshops, in denen sich die Jugendlichen für etwas einsetzen mussten. Die meisten merkten so zum ersten Mal, dass sie etwas bewirken können. „Vorher hingen sie nur rum, kifften, hatten keine Visionen“, sagt Hassan Ismail. Er gewann ihr Vertrauen. Bald war er für sie „der ‚große Bro‘“. Sie merkten, dass er einen echten Plan hatte und eine Weitsicht, die ihnen weiterhelfen könnte. Dass er in ihrem Sinne unterwegs war.

Er brachte die Jungs dazu, Sport zu treiben. Rugby, Baseball, Boxen. „Sport hilft, sich selbst zu spüren“, sagt er. "Aber vor allem braucht es eben Menschen, die einen Zugang zu ihnen finden. Ich weiß: Das kann man methodisch schaffen." Wenn das nicht klappt, landen viele Jugendliche zum Beispiel in der Justizvollzugsanstalt. „Das ist nur das Ziel, wenn man es nicht besser weiß“, findet Hassan Ismail. „Es gibt zu viele junge Potenziale, die in der JVA landen, die man aber auf den Weg hätte bringen können. Und auch in einer JVA ist es nicht zu spät. Es gibt immer Wege."

"Seine" Jugendlichen hingen nicht mehr ab, waren im Kontakt zueinander und zu ihm. Er war beharrlich, wenn es sein muss. Manchmal unternahm er Bildungsreisen mit ihnen. „Auf den Reisen passierten immer die unglaublichsten Dinge“, sagt er. „Kamen raus aus dem kleinen Kosmos, indem sie sich bewegten. Für die meisten war es die Begegnung mit dem eigenen Selbst. Auf den Reisen flossen viele Tränen bei den Jugendlichen.“ Manchmal sang Hassan Ismail unterwegs Lean on me von Bill Withers.

Die Eltern der Jungen bemerkten, dass sich etwas veränderte, dass sie wieder da waren. Freude an Dingen hatten. Wieder zur Schule gingen. Das Jugendamt rieb sich die Augen. „Nach 18 Monaten wollte ich eigentlich zurück in die Wirtschaft“, sagt Hassan Ismail. „Aus Geldgründen.“ Da traten die Eltern an ihn heran: „‘Herr Ismail, könnten Sie unsere Kinder nicht fit machen für den Berufseinstieg? Wir bezahlen Sie dafür.‘“ Er dachte nach und sagte noch einmal zu. „Die Jungs und ihre Familien jetzt hängenlassen? Ich konnte nicht Nein dazu sagen.“

„Wie Fack ju Göhte, nur in echt“

Nach der Selbstwirksamkeit, die Ismail ihnen vermittelt hatte, folgten Potenzialanalysen. „Ein Entwicklungsplan für den Einzelnen ist mir immer wichtig“, findett er. „Die Jugendlichen wurden ihr Leben lang mit ihren Schwächen konfrontiert. Ihre Schwächen interessierten mich nicht. Wir entdeckten gemeinsam ihre Stärken und bauten diese gekonnt aus.“ Sie schafften Ergebnisse, auf die sie noch lange stolz waren.

„Das Wichtigste war, sie hatten auf einmal ein Selbstbewusstsein und ein Selbstvertrauen, mit dem sie sich dann auch Arbeiten zutrauten und sie motiviert angingen“, so Hassan Ismail. Aus der Negativspirale von vorher wurde eine Wachstumskurve. Der zweite Schritt hing damit zusammen. „Ich sagte: Ich bin Ökonom, ich gucke mal, was du kannst. Welches Talent dir auf dem Weg zum Ziel helfen könnte.“ Bis zur Begegnung mit ihm hatte die Jugendlichen nie jemand danach gefragt.

Oft mangele es im Sozialsystem an dem, was er fähige Leute nennt, sagt Ismail. „Ein Absolvent frisch von der Uni sollte in einem Projekt mit mir arbeiten“, erzählt er. „Er lernte die Jugendlichen kennen. Dann sagte er über einen davon zu mir: ‚Der Junge da ist ein Arschloch.‘ Ich sagte: ‚Was hast du erwartet? Einen Musterknaben, für den du dann auch noch Fachleistungsstunden abrechnen kannst? Willst du wirklich mit ihnen arbeiten, musst du vorsichtig sein. Nicht der Jugendliche ist das Problem, nur sein Verhalten. Aber daran arbeiten wir. Nennst du ihn Arschloch, wird er es in deiner Welt immer sein. Dann bist du nicht die Person, die daran etwas ändern wird.“ Es fehlt an Leuten, die nicht gleich den Blick abwenden, wenn sie die Wirklichkeit sehen.

Das Projekt Intensivtäter ist inzwischen abgeschlossen. Alle schafften den Schulabschluss, manche das Abitur. Inzwischen haben die ersten eine Ausbildung abgeschlossen. Alle haben eine Perspektive. „Ich hab ihnen vermittelt, wie sie in Vorstellungsgespräche gehen, wie sie sich gut vermarkten, wie sie gut auftreten können“, sagt Hassan Ismail. „Das haben wir trainiert.“

Karten von dankbaren Eltern bekommt er bis heute. Manche schenkten ihm etwas. Ein Jugendlicher hat ihm ein Video gedreht zum Dank. Er hat dabei gesungen. Hassan Ismail mag den Gedanken an die Anfänge. Er steht weiter gern vor Gruppen wie damals als Schüler in seiner Gesamtschule. „Wie Fack ju Göhte, nur in echt“, sagt er. Er lacht.

Ismail und seine Frau Fatma, die auch Ökonomin ist, arbeiten in Wuppertal als selbstständige Karriereberater und Businesscoaches. Ihr Unternehmen heißt Ismail MW. MW steht für Millionen Wege.

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