Der „Welt“-Korrespondent wird in der Türkei aus der Haft entlassen und kann das Land offenbar verlassen. Zuvor war offenbar die Anklage veröffentlicht worden.

Der „Welt“-Korrespondent wird in der Türkei aus der Haft entlassen und kann das Land offenbar verlassen. Zuvor war offenbar die Anklage veröffentlicht worden.


Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel kommt frei. Das teilte sein Anwalt am Freitag der Zeitung „Die Welt“ mit.

Die Bundesregierung bestätigte die Meldung. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte am Freitag in Berlin: „Jetzt müssen wir natürlich abwarten, was in den nächsten Minuten, Stunden passiert.“ Er dankte der türkischen Justiz und sagte, Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) habe sich in den letzten Tagen „intensiv bemüht, zu einer Lösung beizutragen“.

„Wir haben in den letzten Wochen und Monaten viele Gespräche geführt mit der türkischen Regierung und haben versucht Vertrauensbildung zu betreiben“, sagte Gabriel in einem Statement am Freitag in München. Er sei froh, dass Yücel nun freigelassen werde und gehe fest davon aus, dass der Journalist das Land verlassen dürfe. Es sei keine Ausreisesperre verhängt worden und das Gericht habe eine Freilassung angeordnet.


Gabriel betonte, dass es keine Gegenleistung von deutscher Seite für die bevorstehende Freilassung gegeben habe. Der Außenminister hatte zwei Mal geheim den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan getroffen, um eine Verfahrensbeschleunigung für Yücel zu erzielen. „Endlich hat das Gericht die Freilassung meines Mandanten beschlossen“, zitierte die „Welt“ aus einem Tweet von Yücels Anwalt Veysel Ok. Das Gericht in Istanbul habe die Freilassung für die weitere Dauer des Verfahrens verfügt. Es sei keine Ausreisesperre verhängt worden. Yücel befinde sich noch in einem Gefängnisgebäude.

Yücel war in der Türkei „Terrorpropaganda“ und „Aufwiegelung der Bevölkerung“ vorgeworfen worden. Er war fast genau vor einem Jahr festgenommen worden.

Die Staatsanwaltschaft in der Türkei fordert einem Agenturbericht zufolge 18 Jahre Haft gegen Yücel. Dies sehe die Anklageschrift vor. Ein Gericht habe sie akzeptiert und zugleich die Freilassung Yücels aus der Untersuchungshaft angeordnet. Bis Freitag lag ein Jahr lang keine Anklageschrift vor.

Der Fall belastet die Beziehungen zur Türkei – und war erst am Donnerstag ein großes Thema beim Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim bei Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. Yildirim hatte in einer gemeinsamen Pressekonferenz die Hoffnung geäußert, dass bald Anklage erhoben werde. Mit Blick auf die lange Inhaftierung Yücels sagte Yildirim, die Gerichte seien besonders seit dem Putschversuch vom Juli 2016 überlastet. Er verwies erneut auf die Unabhängigkeit der Justiz. Umso überraschender kam nun die schnelle Freilassung des prominenten Gefangenen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reagierte erfreut auf die Freilassung Yücels. „Ich freue mich natürlich für ihn, ich freue mich für seine Frau und die Familie, die ja ein sehr, sehr schwieriges Jahr der Trennung aushalten mussten“, sagte Merkel am Freitag in Berlin bei einem Auftritt mit dem polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki.

„Ich möchte allen danken, die sich dafür eingesetzt haben, dass Deniz Yücel nun offensichtlich, ich sag's noch vorsichtig, auf freiem Fuß ist. Und deshalb schließe ich in diesen Dank auch ganz besonders die Bemühungen des Außenministeriums mit ein und des Außenministers“, erklärte Merkel. Auf die Frage, was genau zur Freilassung geführt habe, sagte die Kanzlerin: „Es zeigt sich, dass Gespräche auch vielleicht nicht ohne Nutzen sind. Wie genau die Wirkungen sind, weiß man nicht.“

Merkel erinnerte an die Menschen, die in der Türkei weiter aus politischen Gründen inhaftiert sind. „Wir wissen, dass es noch weitere, vielleicht nicht ganz so prominente Fälle von Menschen gibt, die in türkischen Gefängnissen sind. Und auch für sie erhoffen wir eine schnelle Behandlung der Rechtsverfahren und Rechtsstaatlichkeit.“

Auch SPD und Grüne bekundeten ihre Freude über die Freilassung des Journalisten. Der SPD-Parteivorstand betonte „am Ende siegt das Recht“, die Grünen machten darauf aufmerksam, dass es weiter zu streiten gilt, „für alle die dort (in der Türkei, Anm. d. Red.) zu Unrecht im Gefängnis sitzen“.


Im Oktober hatte ein türkisches Gericht die Freilassung des deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner verfügt und keine Ausreisesperre verhängt. Er konnte nach Deutschland zurückkehren, obwohl der Prozess gegen ihn weiterläuft. Steudtners Freilassung – und auch die der Übersetzerin Mesale Tolu – hat zu einer leichten Entspannung des deutsch-türkischen Verhältnisses geführt.