Josef Leberer: Ayrton Sennas besonderes Gespür für Menschen

Stefan Ehlen

"Ich war todmüde und wollte eigentlich nur noch schlafen", sagt Josef Leberer. Aber wenn dich Ayrton Senna nach deinem ersten Rennwochenende in der Formel 1 anruft, dann nimmst du ab. Genau so hat das Leberer auch gemacht, nachdem er 1988 in Rio de Janeiro seinen Einstand als Physiotherapeut bei McLaren gegeben hatte.

Für den damals 29-Jährigen ging mit dem Engagement in der Formel 1 eine ganz neue Welt auf. "Ich hatte schon ein bisschen Erfahrung gesammelt, aber es war trotzdem ein großer Schritt für mich, weil ich nicht wusste, was man von mir erwarten würde", sagt Leberer im Rückblick zu 'Motorsport.com'.

Und auf ihn wartete gleich eine Bewährungsprobe: Alain Prost, der Starfahrer im Team, hatte im Freitagstraining einen Unfall und fühlte sich anschließend unwohl. "Er bekam Kopfweh", erklärt Leberer, der sich dadurch unter "großen Druck" gesetzt sah, weil er alleine für das Wohlergehen der Fahrer zuständig war.

Der erste Einsatz und gleich ein Ernstfall

Leberer räumt ein: "Da machte ich mir schon Sorgen, ob mein erstes Rennen vielleicht mein letztes werden würde." Doch seine Therapie bei Prost schlug an. "Alles ging gut, er war schnell wieder auf den Beinen. Das war fantastisch für mich."

Ayrton Senna, McLaren MP4/4

Ayrton Senna, McLaren MP4/4 Sutton Images

Sutton Images

Zumal die Behandlung einem bestimmten McLaren-Angestellten nicht verborgen geblieben war: Prosts Teamkollege Senna hatte genau mitbekommen, was Leberer getan hatte. Und dann schaltete sich Senna selbst ein.

"Er rief mich noch am Sonntagabend [nach dem Rennen] an", sagt Leberer. "Ich dachte, er wollte vielleicht noch eine weitere Therapie oder eine Massage, aber er lud mich stattdessen zum Abendessen ein."

Eine Einladung des Formel-1-Superstars

Der junge Österreicher war hin und weg. "Jeder wollte mit ihm zu Abend essen, der Bürgermeister, der Präsident - und er lud mich ein. Ich fand das nett."

Erst Jahre später habe ihm ein Freund zu verstehen gegeben, was Senna mit der Einladung wirklich im Sinn gehabt hatte: Er wollte Leberer für sich gewinnen, auf "seine Seite" holen, um so im zweiten Schritt einen Vorteil auf der Rennstrecke zu erhalten.

So hatte Leberer die Gelegenheit, den "wahren Ayrton Senna" kennenzulernen, den Mensch hinter der Rennfahrer-Fassade sozusagen. Wie also tickte der später dreimalige Formel-1-Weltmeister?

Wie Ayrton Senna wirklich war

Leberer sagt: "Ayrton war eine sehr empfindsame Person. Er hatte ein gutes Gespür für Menschen. Ich glaube nicht, dass es jemals wieder jemanden wie ihn gab. Er war unglaublich, weil für ihn jedes Detail wichtig war."

Senna habe nichts dem Zufall überlassen. "Er saugte alles [Wissenswerte] auf wie ein Schwamm, selbst Essen und Zutaten waren ihm sehr wichtig", meint Leberer.

Eine Anekdote blieb ihm in bester Erinnerung: In seiner Anfangszeit bei McLaren habe er selbst noch das Essen für die Fahrer zubereitet. "In manchen Ländern aber war das schwierig, weil es damals noch kein Catering gab, wie das heute der Fall ist." So sei man mitunter zum Improvisieren gezwungen gewesen, sagt Leberer.

Beim Salat merkt Senna den Unterschied

"Einmal bereitete ich einen Salat zu, musste dann aber in der Eile andere Leute um das Dressing für Ayrton bitten. Er aber merkte es sofort und meinte: 'Das war nicht dein Dressing, das war nicht dein Salat. Da stimmte was nicht.'"

Penibel sei Senna jedoch nicht gewesen, wohl aber dankbar für jede Form von Unterstützung, meint Leberer: "Mit ihm zu arbeiten, das war ein Vergnügen, denn er wusste es zu schätzen."

Senna habe sich nämlich auch bewusst auf Neues eingelassen, sofern er den Eindruck hatte, dadurch als Rennfahrer profitieren zu können. Leberer selbst erinnert sich gut daran, wie er den Brasilianer nicht nur physisch, sondern auch psychisch auf Vordermann brachte.

Entspannung kannte Senna anfangs nicht

Bis in die Abendstunden hinein habe Senna über das Rennfahren, das Rennauto und seine Rivalen nachgedacht. Leberer als Physiotherapeut fiel das in den Abendsitzungen sofort auf. "Man spürte die Spannung in seinem Körper, was auch immer ihm da durch den Kopf ging", erklärt er.

"Ich versuchte daher, seine Aufmerksamkeit auf die Therapie zu lenken, weil es wichtig ist, abzuschalten und sich zu erholen. Ich erklärte ihm, was im Körper vor sich geht und sagte ihm, wenn er immerzu an Prost oder Mansell oder Piquet denkt, dann ist das keine Hilfe."

Senna habe diesen Rat angenommen. "Er hat es verstanden", meint Leberer. "Vielleicht war das eine der wichtigsten Lektionen überhaupt für ihn."

Und für Leberer war genau das das größte Lob, das er sich wünschen konnte. "Ich fand es unheimlich spannend und wirklich erfüllend", sagt er über seine Arbeit mit Senna. "Du bist immer nur so gut wie jemand anders. Und wenn er mich nicht meine Arbeit machen lässt, dann bin ich ein niemand."

Am Abend nach seinem ersten McLaren-Renneinsatz war Leberer ein zufriedener Mensch. Bis heute meint er: "Ich hätte mir damals keinen besseren Start wünschen können."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.