Joe Kaeser steht vor einem turbulenten Jahr


Der geplante massive Abbau von möglicherweise bis zu 10.000 Arbeitsplätzen in der Kraftwerkssparte und bei dem neu formierten Windkraft-Riesen Siemens Gamesa haben in den vergangenen Tagen bei Siemens für viel Unruhe gesorgt. In anderen Geschäftsbereichen aber zumindest läuft es besser. Das zeigt die Bilanz des Geschäftsjahres 2016/17, die Konzernchef Joe Kaeser am Donnerstag präsentierte.

Kaeser sprach von einem „weitere herausragenden Jahr für Siemens und verkündete: „Die meisten Geschäfte sind so stark wie nie und für das digitale Zeitalter bestens gerüstet.“ Der Umsatz stieg im abgelaufenen Geschäftsjahr um vier Prozent auf 83 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis des industriellen Geschäfts übertraf sogar den Bestwert des Vorjahres um acht Prozent und lag bei 9,5 Milliarden Euro. Glänzen konnten wieder unter anderem die Digitale Fabrik und die Medizintechnik Healthineers. Unter dem Strich stand ein Gewinn von 6,2 Milliarden Euro. Die Dividende soll um zehn Cent auf 3,70 Euro erhöht werden.

Auf den ersten Blick wirkt es da überraschend, dass massiver Stellenabbau ins Haus steht. In einzelnen Geschäften habe man „strukturelle Aufgaben zu bewältigen“, drückte es Kaeser aus. „Für das Geschäftsjahr 2018 liegt sehr viel Arbeit vor uns.“


Konkreter wurde Kaeser bei der Bilanzvorlage erst einmal nicht. Doch zeigt ein genauerer Blick in die Zahlen, um was es geht. In der Kraftwerkssparte Power and Gas sank der Auftragseingang im Geschäftsjahr um 31 Prozent auf 13,4 Milliarden Euro. Die Ergebnismarge ging von 11,4 auf 10,3 Prozent zurück. Die Tendenz zeigt weiter nach unten: Im vierten Quartal lag die Rendite bei 8,3 Prozent. In der Division Prozessindustrie und Antriebe sowie bei Siemens Gamesa waren die Renditen ebenfalls unbefriedigend.

Laut Branchenkreisen will Siemens wegen starker Überkapazitäten in einem von mehreren Szenarien 3000 bis 4000 Stellen in der Kraftwerkssparte streichen. Mitte November sollen die Pläne voraussichtlich im Wirtschaftsausschuss präsentiert werden. Der Konzern sucht noch nach Möglichkeiten, kleinere Standorte wie Görlitz zu erhalten. Doch gelten betriebsbedingte Kündigungen und Standortschließungen als wahrscheinlich.

Da ist es nur ein schwacher Trost, dass beim Erzrivalen General Electric die Probleme noch größer sind. Erstmals seit vielen Jahren dürfte Siemens im Geschäft mit den Gasturbinen wieder etwas profitabler gewesen sein als der US-Konkurrent.


Im Vergleich mit GE und ABB steht Siemens auch insgesamt weiterhin solide da. Die Amerikaner stecken in einer tiefen Krise. Der Gewinn sank im dritten Quartal stärker als von Analysten erwartet um 200 Millionen auf 1,8 Milliarden Dollar. Der Umsatz legte zwar um gut 14 Prozent auf 33,5 Milliarden Dollar zu, das lag jedoch vor allem am Zukauf des Ölfeldausrüsters Baker Hughes. GE kappte den Ausblick für das laufende Geschäftsjahr drastisch. Für 2017 stellt der Konzern nun nur noch ein bereinigtes Ergebnis je Aktie von 1,05 bis 1,10 Dollar in Aussicht – statt bislang bis zu 1,70 Dollar.

Der Schweizer Konkurrent ABB dagegen zeigt sich nach Jahren der Restrukturierung wieder angriffslustig. Im dritten Quartal konnte der Konzern den Umsatz auf vergleichbarer Basis um drei Prozent auf 8,7 Milliarden Dollar steigern. Die neuen Bestellungen legten um fünf Prozent zu. „Wir haben das Wachstumsmoment ausgebaut“, sagte Konzernchef Ulrich Spiesshofer dem Handelsblatt. Der Gewinn von ABB legte leicht auf 571 Millionen Euro zu.
Auch strategisch sind die Konkurrenten derzeit sehr unterschiedlich unterwegs. ABB verstärkte sich für mehrere Milliarden Dollar zuletzt unter anderem mit dem Kauf des österreichischen Automatisierungsspezialisten B & R und mit dem Kauf der Elektrokomponentensparte Industrial Solutions von GE. Dagegen kündigte der neue GE-Chef John Flannery an, sich von Geschäften im Wert von 20 Milliarden Dollar trennen zu wollen.


Healthineers-Börsengang nimmt Formen an


Siemens bekam unter Kaeser stärker den Charakter einer Holding. Das Windkraftgeschäft kam über die Fusion mit Gamesa eigenständig an die Börse. Ein ähnliches Modell ist für die Bahnfusion mit Alstom geplant. Zudem soll im kommenden Jahr die Medizintechnik unter dem Namen Healthineers an die Börse.

Kaeser will den Geschäften so mehr Agilität verschaffen. Allerdings zeigt die Entwicklung bei Siemens Gamesa, dass die Sparten dann auch nicht mehr unter der ganz engen Kontrolle der Zentrale stehen. Der Windkraftkonzern überraschte nach der Fusion gleich mit zwei Gewinnwarnungen.

Wegen des massiven Umbaus ist eine Prognose für das laufende Geschäftsjahr nicht einfach. Schließlich soll die Fusion mit Alstom vorankommen, gleichzeitig hat Siemens Gamesa das erste volle gemeinsame Jahr. Hinzu kommt noch der Börsengang der Healthineers, wenn er klappt. Sonderbelastungen und Erträge sind da nur schwer planbar.


Kaeser kündigte an, der Umsatz solle im laufenden Geschäftsjahr 2017/18 bereinigt leicht wachsen. Die operative Umsatzrendite im industriellen Geschäft soll zwischen 11 und 12 Prozent liegen. Im abgelaufenen Jahr waren es 11,2 Prozent.

Spannend wird der geplante Börsengang von Healthineers. Die Bilanz zeigt, dass es in der Medizintechnik gut läuft. Der Umsatz stieg leicht auf 13,8 Milliarden Euro bei einer Marge von 18,1 Prozent. Noch besser schnitt nur die Digitale Fabrik mit 18,8 Prozent ab. Der zuständige Vorstand Michael Sen bekräftigte, dass die profitabelste Sparte des Konzerns wie geplant im ersten Halbjahr 2018 an die Börse gebracht werden solle: „Der Fahrplan steht und wir machen gute Fortschritte.“

Allerdings geht Healthineers die Emission mit einem neuen Finanzchef an: Thomas Rathmann werde zum 1. Dezember durch Jochen Schmitz ersetzt, der bisher für die Finanzberichte und das Controlling bei Siemens verantwortlich zeichnete. Von 2004 bis 2011 hatte er für die Medizintechnik-Sparte gearbeitet. Mit einem geschätzten Firmenwert von bis zu 40 Milliarden Euro könnte es einer der größten Börsengänge in Deutschland überhaupt werden. Die Aufträge an die Investmentbanken hat Siemens schon vergeben.

Doch den Beschäftigten in der Kraftwerkssparte und im Windenergiegeschäft hilft das nur wenig. Die IG Metall läuft Sturm gegen die Entlassungspläne und hat Widerstand angekündigt. Siemens-Chef Kaeser steht vor einem turbulenten Jahr 2018.