Jochen Schweizer wagt den Absprung


Der Fernsehkonzern Pro Sieben Sat 1 übernimmt eine Mehrheit am Erlebnisgeschenke-Anbieter Jochen Schweizer. Die Firma soll mit der Pro Sieben Sat 1-Beteiligung mydays unter dem Dach der Jochen Schweizer mydays Holding GmbH zusammengeführt werden, wie der Medienkonzern am Mittwoch mitteilte.

An der neuen Gesellschaft soll Pro Sieben Sat 1 mit 90 Prozent und Jochen Schweizer mit zehn Prozent beteiligt sein. Die Jochen Schweizer GmbH betreibt innerhalb der gleichnamigen Gruppe das Geschäft mit Erlebnisgeschenken wie Tandemsprünge und Ballonfahrten und wird bei der Transaktion mit 108 Millionen Euro bewertet.

Die beiden Firmen würden sich gut ergänzen, heißt es bei Pro Sieben Sat 1. Die Marke Jochen Schweizer stehe eher für Adrenalin, Mydays sei eher softer und emotionaler. Jochen Schweizer habe als Pionier der Erlebnis- und Eventbranche in Deutschland sein Unternehmen als starken Player etabliert, erklärt Vorstandschef Thomas Ebeling. Der Manager ergänzte: „Seit 2015 setzen wir mit Mydays ebenfalls auf dieses Segment, haben den Markt verstanden und signifikantes Wachstum mit unserer Reichweitenstärke erzielt.“


Pro Sieben Sat 1 investiert schon seit Jahren in neue Bereiche außerhalb des angestammten Geschäfts mit TV-Werbung. Die Reklameeinnahmen wachsen aber kaum noch, mit zahlreichen Beteiligungen vor allem im Digitalbereich will Ebeling sein Unternehmen fit machen für die Zukunft. Zum Portfolio gehört ein buntes Feld von Online-Firmen, von der Partnervermittlung Parship bis zum Erotikversender Amorelie. Nur noch knapp 60 Prozent vom Umsatz erwirtschaftet das Unternehmen mit dem Fernsehen. Allerdings sind die Wachstumsfelder deutlich weniger profitabel als das TV-Geschäft. Vergangenes Jahr erzielte Pro Sieben Sat 1 einen Umsatz von 3,8 Milliarden Euro und einen Gewinn von 402 Millionen.

Durch den Zusammenschluss konsolidiert sich der Markt für Erlebnisse und Gutscheine in Deutschland. Dass Jochen Schweizer derzeit an der Spitze steht, hat viel mit dem Unternehmensgründer zu tun. Der Extremkajak-Fahrer, Ex-Stuntman und leidenschaftliche Fallschirmflieger hat das Bungee-Jumping in Deutschland populär gemacht.


Weiter steigerte er die Markenbekanntheit seines Unternehmens als Juror und Investor bei der Startup-Show „Höhle der Löwen“. Die Präsenz zur besten Sendezeit zahlte sich aus: Laut einer GfK-Studie kennen 70 Prozent der 20- bis 59-Jährigen die Marke – 30 Prozentpunkte Abstand zum Verfolger Mydays, mit dem man nun unter ein Dach kommt.

Sein jüngstes Baby wird Schweizer behalten: Die Arena im Süden von München, die kürzlich eröffnet wurde. Erlebnishungrige können auf einer stehenden Welle surfen und beim Indoor-Skydiving den Fallschirmsprung simulieren. In Kürze wird der Außenbereich unter anderem mit einer Abseilstation und einem „Flying Fox“ eröffnet. Doch Schweizer hat weitere Expansionspläne. Geplant sei unter anderem ein „ungewöhnliches Hotel mit Kongresshalle“, teilte das Unternehmen mit.

Die Gutscheinanbieter lebten lange auch gut davon, dass viele Beschenkte den Gutschein gar nicht erst anbieten. Wenn alle Kunden auf einen Schlag das bereits bezahlte Erlebnis auf einen Schlag in Anspruch nehmen würden, käme manch Anbieter in bilanzielle Schwierigkeiten. Jochen Schweizer hatte im Gespräch mit dem Handelsblatt betont, durch einfache Buchbarkeit wolle er den Anteil der Nichteinlösungen reduzieren – denn auf lange Sicht profitiere man von zufriedenen Kunden mehr als vom Nichteinlösen.


Eine halbe Milliarde Euro an Marktpotenzial


Das Potenzial des Erlebnisgeschenke-Marktes schätzte Alexander Will, Geschäftsführer der Branchengröße Meventi, einmal auf eine halbe Milliarde Euro. Der Erlebnismarkt, einschließlich der Buchungen für sich selbst, ist deutlich größer und laut Studien mehrere Milliarden Euro groß. Eine klare Eingrenzung ist aber schwierig.

2016 stieg der Umsatz der Schweizer-Gruppe mit Gutscheinen und Events von 85 auf mehr als 100 Millionen Euro. 2017 dürfte es laut bisherigen Plänen allein dank der Arena auf Basis der bisherigen Gruppe prozentual zweistellig weiter nach oben gehen. Schweizer hofft auf 300.000 zahlende Gäste im Jahr. Einen zweistelligen Millionenumsatz soll die Arena bringen – und den Gewinn erhöhen. 

Vor Eröffnung waren bereits 50.000 Gutscheine für die Anlage verkauft. Eine Stunde Ritt auf der stehenden Welle kostet mindestens 35 Euro, Skydiving auf dem Luftkissen rund 50 Euro. Rundherum sind Lokale platziert, Besucher können beim Essen den Wagemutigen zuschauen.


Es ist kein Zufall, dass sich Schweizer gerade jetzt mit dem Medienkonzern geeinigt hat. Vorstandschef Ebeling steht seit Monaten schwer unter Druck von Investoren, endlich einen Zukauf vorzuweisen. Im Herbst hatte der 58-Jährige die Investoren mit einer massiven Kapitalerhöhung vor den Kopf gestoßen. Eine halbe Milliarde sammelte der Manager damals ein – ohne jedoch zu erläutern, wofür er das viele Geld genau verwenden will.

Einen kleinen Teil steckt Ebeling nun in die Akquisition, und kann damit zumindest einen ersten Erfolg verbuchen. Gleichzeitig füllt sich die Kasse aber weiter, denn am Dienstag stieß Deutschlands größte private Senderkette sein Online-Reisebüro Etraveli ab, für rund eine halbe Milliarde Euro. Zusammen mit den Einnahmen aus einer Kapitalerhöhung hat der Konzern damit rund eine Milliarde Euro auf der hohen Kante.