Jobmarkt: Steigende Wertschätzung für systemkritische Berufe sorgt für Boom bei Pflege, Verkauf und Logistik

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Krisen sind Entwicklungstreiber. Das gilt in vielfältiger Weise auch für den Arbeitsmarkt. Hier hat die Corona-Pandemie besonders den Stellenwert systemkritischer Berufe im Verkauf, in der Pflege und im Transportwesen gezeigt. Die Bedeutung von Jobs, die schon vorher unentbehrlich waren, tritt jetzt auch statistisch hervor.

So stiegen die Suchanfragen nach Stellen als Verkäuferinnen und Verkäufer, Lageristinnen und Lageristen bei der Stellenbörse Stepstone* zuletzt um 50 Prozent gegenüber 2019. Auch im Handwerk, in der Logistik und in der Pflege erhöhte sich das Jobangebot: Mitte Juni gab es 13 Prozent mehr ausgeschriebenen Stellen für Pflegekräfte als Mitte Januar 2020. Fachkräfte im Handwerk erfuhren ein Nachfrage-Plus von 24 Prozent, Fachkräfte in der Logistik gar um 95 Prozent. Das ist das Ergebnis einer Analyse von Stepstone.

Die Jobexperten werteten dafür die Nachfrage nach Schlüsselberufen aus und befragten 2000 deutsche Beschäftigte dazu, wie die Corona-Pandemie ihre Wahrnehmung dieser Berufe beeinflusst hat. Das Ergebnis: Fast alle Schlüsselberufe stiegen in der Gunst der Deutschen. Das gilt vor allem für Tätigkeiten, bei denen der direkte Kontakt zu Menschen im Fokus steht – für Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte, Erzieherinnen und Erzieher sowie Beschäftigte im Einzelhandel. Sie erfahren laut der Analyse heute deutlich mehr Respekt.

Einen „Shift am Jobmarkt“ sieht darin Tobias Zimmermann, Arbeitsmarktexperte bei Stepstone. „Wir erleben einen Blue-Collar-Boom“, sagt er. „Denn der Fahrer oder Zusteller ist für die Unternehmen genauso wichtig wie die Software-Entwicklerin. Heute entscheidet die Besetzung jeder einzelnen Stelle über Erfolg oder Misserfolg. Die demografischen Entwicklungen werden dafür sorgen, dass dieser Trend sich fortsetzt.“

Mehr Wertschätzung für viele Jobs fern vom Homeoffice

Das Stepstone-Ranking der gefragten Schlüsselberufe umfasst Tätigkeiten, die nicht im Home Office zu erledigen sind. Dazu gehören Jobs in der Paketzustellung, im Bestattungswesen, als Fernfahrerin oder Fernfahrer, Bestatterin oder Bestatter oder Reinigungskraft. Beschäftigte in der Abfallentsorgung waren bei rund 25 Prozent der Befragten jetzt angesehener als vor Corona. Mehr Respekt erfuhren auch Anwältinnen und Anwälte (+9 Prozent), Journalistinnen und Journalisten (+3 Prozent) sowie Angestellte in Banken (+2 Prozent).

Im Fall einer Umschulung, so ein weiteres Ergebnis der Analyse, würden vier von zehn Befragten einen Wechsel in die Pflege in Betracht ziehen. Andere würden eine Tätigkeit als Virologin oder Virologe (34 Prozent), als Erzieherin oder Erzieher oder als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter in der Abfallentsorgung (je 32 Prozent) für sich als Option sehen – Werte, die höher sind als vor der Krise.

„Die Pandemie hat systemrelevante Jobs in ein neues Licht gerückt", sagt Arbeitsmarktexperte Zimmermann. „Viele Menschen haben überhaupt erst erkannt, wie essenziell bestimmte Jobs für unser tägliches Leben sind. Andere wiederum haben zum ersten Mal mehr über manche Berufe erfahren und dabei zum Beispiel auch festgestellt, wie krisenfest und nachgefragt sie sind.“

„Berufe, die oft zu wenig Aufmerksamkeit erfahren“

Das Gehalt für viele systemrelevante Tätigkeiten bleibt dabei weiter hinter ihrem hohen Ansehen zurück. 70 Prozent der von Stepstone Befragten sind der Ansicht, dass Pflegekräfte zu wenig Geld verdienen. Als unterbezahlt gelten für die Mehrheit auch Reinigungskräfte (64 Prozent), Erzieherinnen und Erzieher (58 Prozent), Frisörinnen und Frisöre (57 Prozent) und Beschäftigte im Einzelhandel (55 Prozent).

„Das könnte sich in den nächsten Jahren ändern“, sagt Zimmermann. Im Bauwesen, im Handel und in der Logistik seien es vor allem Beschäftigte im Lager und an der Kasse sowie Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter, die für Wachstum sorgten. „Sie werden momentan händeringend gesucht“, so der Experte. „Das muss und wird sich mittelfristig auch auf die Verdienstmöglichkeiten auswirken.“

Ebenso verhalte es sich mit dem Arbeitsumfeld und den Arbeitsbedingungen. „Unternehmen, die schon jetzt auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter reagieren und so in die Attraktivität ihrer Jobs investieren, schaffen sich langfristige Wettbewerbsvorteile“, sagt Zimmermann. „Das Zeitalter knapper Bewerberinnen und Bewerber hat gerade erst begonnen. Das gilt ganz besonders für Berufe, die oft zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, aber für das Unternehmen nicht zu ersetzen sind.“

*Stepstone gehört wie Business Insider zur Axel Springer SE.

jsk

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