Jobkrise mit Anfang 40: Wie sich eine Mid-Career-Crisis äußert und was ihr dagegen tun könnt

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Als Berufseinsteigerin oder Berufseinsteiger gibt es oft nichts Schöneres, als die eigene Karriere zu planen und daraufhin zu arbeiten, einmal die Traumposition im Traumunternehmen zu ergattern. Wenn man zehn Jahre später dann endlich die neuen Visitenkarten in der Hand hält, fühlt sich das ziemlich gut an.

Doch was ist los, wenn der Freude über den eigenen Erfolg und dem Spaß am Job ein paar Jahre später eine gähnende Leere folgt? Psychologen nennen das Mid-Career-Crisis. Diese tritt oft zwischen Mitte 30 und Mitte 40 auf und kann sich auf verschiedene Art und Weise äußern. Wie ihr so eine Krise erkennt, was ihr dagegen tun könnt und wie ihr dieser vorbeugen könnt, haben wir den Hamburger Psychologen Tom Diesbrock gefragt, der sich auf berufliche Neuorientierung spezialisiert hat.

Tom Diesbrock ist Psychologe, Life Coach und Autor des Ratgebers „Kopf aus dem Sand: Erste Hilfe für unruhige Zeiten und berufliche Sackgassen“.
Tom Diesbrock ist Psychologe, Life Coach und Autor des Ratgebers „Kopf aus dem Sand: Erste Hilfe für unruhige Zeiten und berufliche Sackgassen“.

So äußert sich die Mid-Career-Crisis

„Ich erlebe die Mid-Career-Crisis häufig bei Menschen, die ihre Karriere gut absolviert haben und erfolgreich sind, die aber Anfang 40 feststellen: Mensch, das war gut, aber das entspricht einfach nicht mehr meinen Werten“, erklärt er. Eine Mid-Career-Crisis äußere sich häufig in einer Suche nach Sinnhaftigkeit in der eigenen Arbeit. „Wir verändern uns im Laufe des Lebens und mit uns unsere Werte", sagt er. "Es wäre ja traurig, wenn mich mit Mitte 40 noch dasselbe beschäftigt und triggert wie mit Ende 20.“

In seiner Erfahrung betreffe so eine Krise aber auch Menschen, die nach der Schule nicht recht wussten, was sie beruflich machen sollten. „Viele entscheiden sich dann klassischerweise für ein BWL-, VWL- oder Jurastudium und waren damit erfolgreich, aber haben sich nie gefragt, auf was für ein Berufsleben sie mal zurückblicken wollen.“ Diese Frage komme dann ab Ende 30 wieder auf.

Egal wie eure aktuelle berufliche Situation aussieht, ihr solltet diese Fragen nicht vom Tisch wischen, sondern euren Überlegungen Raum geben und Wünsche ernst nehmen, rät der Psychologe. Sonst kann eine ausgeprägte Mid-Career-Crisis vor der Tür stehen. „Es gibt Betroffene, die solche Fragen und Gefühle so lange ignorieren, bis sie so unzufrieden sind, dass es somatische Folgen haben kann“, berichtet Diesbrock. Schlafprobleme, psychogene Krankheiten und Depressionen können dann entstehen.

Abstand gewinnen, bevor man Veränderungswünsche in die Tat umsetzt

Wer in einer solchen Krise steckt, sollte allerdings nicht direkt große Veränderungen umsetzen. „Es geht erst einmal darum, den Menschen zu stabilisieren. Das Dümmste, was man machen kann, ist dann in Aktionismus auszubrechen, obwohl das natürlich menschlich ist.“ Stattdessen empfiehlt der Psychologe Abstand von der Situation zu gewinnen und sich, falls notwendig, krankschreiben zu lassen.

Um sich ernsthaft Gedanken darüber machen zu können, wie oder was man an der eigenen Karriere verändern will, sollte man stabil im Leben stehen. Denn laut Tom Diesbrock ist es wichtig, eine berufliche Krise strukturiert anzugehen und sich nicht in Grübelschleifen zu verlieren.

Der Experte empfiehlt, sich alle Möglichkeiten offenzuhalten und sowohl kleinere Veränderungen als auch einen kompletten Richtungswechsel zu durchdenken, um einen realistischen Überblick über die eigenen Optionen zu bekommen. „Ich rate einen Zeitplan zu erstellen und zu schauen, wie viel Zeit man sich für welche Phase nehmen und wann man eine Entscheidung treffen will“, so Diesbrock.

Es gibt viele Möglichkeiten nach der Mid-Career-Crisis den Spaß am Job wiederzufinden

Welchen Weg man dann geht, ist eine ganz persönliche Entscheidung. Für manche Menschen reicht „Job-Tuning“, wie es der Psychologe nennt. Zum Beispiel in einer Weiterbildung neue Fähigkeiten zu erlernen oder Interessen zu vertiefen oder ein neues Projekt zu übernehmen. Andere profitieren davon, im eigenen Unternehmen eine neue Position zu besetzen. Und wieder andere finden ihr berufliches Glück in einer neuen Ausbildung oder einer ganz neuen Branche.

Manchmal sei laut dem Psychologen auch nicht der Job an sich das Problem, sondern die Work-Life-Balance. Wenn man merke, dass man nur noch für die Arbeit lebt und das Privatleben zu kurz komme, dann sei das für viele Menschen Motivation etwas zu verändern. Diesbrock berichtet, dass für Betroffene dann oft auch schon eine reduzierte Arbeitszeit Abhilfe schaffen könne.

Um einer Mid-Career-Crisis vorzubeugen, lohnt es sich einmal im Jahr einen persönlichen Check-in zu machen. Dabei solltet ihr eure aktuelle berufliche Situation in Augenschein nehmen und mit euren persönlichen Zielen und Werten abgleichen. Neben kurz- und mittelfristigen Zielen solltet ihr auch überlegen, auf was für eine Karriere ihr am Ende eures Lebens gerne zurückblicken würdet.

Diese Fragen solltet ihr euch dann stellen, damit es nicht zur Mid-Career-Crisis kommt:
  • Bin ich noch auf dem richtigen Kurs?

  • Ist mein Job weiterhin das, was ich machen möchte?

  • Stimmt mein Aufgabenprofil noch?

  • Wie zufrieden bin ich mit meinem Arbeitsalltag?

  • Wünsche ich mir Veränderung?

Außerdem hilft es, im Alltag auf erste Anzeichen achten, die einer Krise vorausgehen können. Das kann ein Abfall der Arbeitszufriedenheit sein oder die Feststellung, dass man nur noch Dienst nach Vorschrift verrichtet. Und auch wer sich nach dem Wochenende oder dem Urlaub nicht mehr auf die Arbeit freut, sollte sich einmal in Ruhe hinsetzen und überlegen, woran das liegen könnte – und was dann vielleicht zu tun ist.

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