Kahlschlag bei Telekom-Tochter T-Systems – Radikalkur stößt auf harte Gegenwehr

Die Mitarbeiter waren neugierig. Mehr als 400 nahmen die Einladung für eine Versammlung in der Bonner Telekom-Zentrale an. Weitere 9000 verfolgten den Livestream im Internet. Der Grund: T-Systems-Chef Adel Al-Saleh, so hatte es sich innerhalb der Belegschaft rumgesprochen, würde wichtige Nachrichten zur Zukunft der Großkundentochter der Telekom verkünden.

Den meisten Mitarbeitern war schon seit Anfang des Jahres klar: Der neue Spartenchef Al-Saleh hatte zum Amtsantritt im Januar den naheliegenden Auftrag erhalten, die seit Jahren in einer Dauerkrise feststeckende Geschäftskundensparte zu entfesseln.

Dass er dabei auch an Kostensenkungen denken würde, deutete der Amerikaner beim Kapitalmarkttag des Konzerns Mitte Mai an: Um rund 300 Millionen Euro wolle er die Ausgaben reduzieren. Nur wie genau er diesen Plan umsetzen wollte, das wussten die Mitarbeiter bisher nicht. Jetzt ist klar: Rund 10.000 Stellen wird Al-Saleh streichen, davon 6000 in Deutschland, 2000 pro Jahr, beginnend noch 2018.

Zuerst, so sein Vorhaben, will er die Führungsmannschaft deutlich reduzieren. Dann sollen Dienstleistungen ins kostengünstigere Ausland verlagert werden, ehe in einem dritten Schritt Stellen gestrichen werden, die durch Standardisierung und Automatisierung überflüssig werden.

Statt „mehr als 300 Millionen Euro“ einsparen zu wollen, wie er es noch im Frühjahr angekündigt hatte, will Adel Al-Saleh nun sogar 600 Millionen Euro weniger ausgeben. Von den 230 Niederlassungen in Deutschland werden wahrscheinlich nur rund 20 erhalten bleiben.

Al-Saleh, der auch im Konzernvorstand sitzt, formuliert seine Ziele so: „Die frei werdenden Mittel sollten nicht nur eingesetzt werden, um T-Systems wieder profitabel zu machen“, sagte Al-Saleh dem Handelsblatt.

„Es sollen auch die Investitionen in Wachstumsbereiche wie das Internet der Dinge deutlich aufgestockt werden.“ So plant er die chronisch defizitäre Telekom-Tochter wieder in die Gewinnzone zu führen – und zwar schon Ende 2020.


Das Vorhaben gleicht aus dem Blickwinkel der Arbeitnehmer einem Kahlschlag. 10.000 Beschäftigte bilden mehr als ein Viertel der Gesamtbelegschaft ab, die zuletzt knapp 37 000 Angestellte weltweit umfasste.

Für Gewerkschaftsvertreter ist der Plan deshalb vollkommen unakzeptabel: „Wir werden uns vehement gegen Pläne wehren, die die Geschäftsfähigkeit von T-Systems und die Existenzgrundlage von Tausenden Beschäftigten zerstören“, sagte Lothar Schröder, Aufsichtsrat der Telekom und Mitglied des Bundesvorstands der Gewerkschaft Verdi dem Handelsblatt. „Das kommt einer Massenentlassung gleich. Uns ist klar, dass T-Systems transformiert werden muss“, erklärte Schröder weiter, „aber daraus ergibt sich kein Freibrief.“

Restrukturierung von T-Systems schon seit Jahren notwendig

Al-Saleh sagte, er werde aktive Diskussionen mit den Arbeitnehmervertretern suchen, aber: „Es gibt nicht viel Raum für Kompromisse, da wir sonst die Probleme nicht lösen werden.“ Den Aufsichtsrat von T-Systems sieht er hinter sich.

Die Bundesregierung, die über ihre Förderbank KfW weiter fast 32 Prozent der Telekom-Aktien hält und damit indirekt auch an T-Systems beteiligt ist, begrüßt die Ankündigung der Geschäftsführung von T-Systems, mit den Sozialpartnern über die geplanten Maßnahmen zu sprechen. „Der Bund wird seine allgemeinen Möglichkeiten nutzen, um das Thema mit den Verantwortlichen der Deutschen Telekom AG zu besprechen. Und erwartet, dass – wie bei der Telekom bisher auch – die Sozialpartner eine ausgewogene Lösung finden werden“, hieß es im Bundesfinanzministerium in Berlin. Was mit anderen Worten bedeutet, dass die Bundesregierung erwartet, dass auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet wird.

Tatsächlich ist eine Restrukturierung von T-Systems eigentlich schon seit Jahren notwendig. Die Tochter hat in den vergangenen zehn Jahren fast nie etwas Positives zum Ergebnis der Deutschen Telekom beitragen können, sondern hat den Konzern im Gegenteil rund eine Milliarde Euro gekostet. Und obwohl wiederholt Restrukturierungsprogramme eingeleitet wurden, hat sich im Zahlenwerk unter dem Strich wenig geändert.

Schuld an dem Verlust waren aus Sicht der T-Systems-Geschäftsleitung zumeist äußere Einflüsse: andere Konzernabteilungen, die das gewünschte Produkt oder die Dienstleistung nicht rechtzeitig geliefert hatten. Oder die Kunden, die das gewünschte Umfeld vor Ort nicht geschaffen hatten. Hinzu kam eine Welt, die sich immer schneller digitalisierte. So schnell, dass T-Systems Mühe hatte, die eigenen Produkte und Dienstleistungen diesem Tempo anzupassen.



Dass sich daraus aber eigentlich doch hohe Wachstumspotenziale ergeben müssten, zeigt eine Studie des Digitalverbands Bitkom aus dem Februar: Danach sollen die Umsätze mit Informationstechnik in Deutschland in diesem Jahr um 3,1 Prozent auf knapp 89 Milliarden Euro steigen.

Und den größten Anteil davon werden mit 40 Milliarden Euro IT-Dienstleistungen ausmachen. Bitkom-Präsident Achim Berg erklärte angesichts dieser Zahlen: „Die Auftragsbücher von Softwareanbietern und IT-Dienstleistern sind voll.“

Das trifft sogar auch auf T-Systems zu: Im ersten Quartal dieses Jahres ist der Wert der eingegangenen Aufträge im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 18,2 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro gestiegen. Allerdings ist gleichsam der Umsatz um 2,3 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro gefallen. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) lag im ersten Quartal mit 76 Millionen Euro im Minus, die Ebit-Marge verzeichnete ein Minus von 2,3 Prozent. Mit anderen Worten: T-Systems verdient kein Geld mit seinen Dienstleistungen – die Telekom-Tochter zahlt weiter drauf.

Für den seit Anfang Januar amtierenden T-Systems-Chef Al-Saleh war der Grund für dieses Problem schnell gefunden: Die Kosten sind zu hoch. Bereits knapp zwei Wochen nach seinem Start in Bonn kritisierte er in einem Brief an die Mitarbeiter, die Strukturen seien veraltet, zu komplex, zu stark fragmentiert. All das mache die Arbeit unproduktiv und führe zu Mehrkosten.

Al-Saleh hat einen Ruf zu verlieren

Seither hat der Manager kaum eine Gelegenheit ausgelassen, die hohen Kosten für den aus seiner Sicht überfrachteten Apparat anzusprechen. Zuletzt beim diesjährigen Kapitalmarkttag: „Ich glaube nicht, dass wir bisher offen genug über unsere Kostenstruktur gesprochen haben“, sagte er. „Besonders wenn es um Gemeinkosten geht: Wir haben zu viele Ebenen, wir haben zu viele Manager, wie haben zu viele Führungskräfte, was die Organisation extrem komplex macht. Das macht uns nicht nur langsamer, sondern produziert Vertriebsgemeinkosten, die einfach nicht bezahlbar sind.“ Harte Worte, die harte Schritte rechtfertigen sollen.

Al-Saleh hat einen Ruf zu verlieren: Bei seinem vorherigen Arbeitgeber, dem britischen Unternehmen Northgate Information Services (NIS), das zur Beteiligungsgesellschaft KKR gehört, hat er bereits gezeigt, dass er ein erfolgreicher Sanierer ist – und das will er auch bleiben.



Daher schreckt ihn offenbar auch die Gegenwehr der Arbeitnehmervertreter nicht ab. Schon zum Amtsantritt hatte er sich – da noch ungewollt – mit ihnen angelegt, weil er sie in seine Pläne zum Umbau von T-Systems zunächst nicht miteinbezogen hatte. Al-Saleh will das besonders schwierige IT-Outsourcing-Geschäft in eine eigene Gesellschaft ausgliedern. Warum genau er das plant, hat er nie erklärt – und damit Spekulationen ausgelöst, wonach der Bereich verkauft werden könnte. Was der T-Systems-Chef wiederum nie dementiert hat.

Doch Teilbereiche mit der Reputation von T-Systems zu verkaufen ist nicht einfach. Längst hat sich weit über die Grenzen der Telekom hinaus herumgesprochen, dass es dem Unternehmen in vielen Bereichen an Effizienz mangelt. Selbst der Gesamtbetriebsrat erklärte zu Jahresanfang in einem Brief an die Mitarbeiter, dem Management fehle die Fähigkeit, die Telekom-Tochter als Ganzes zu steuern. Kleinere GmbHs innerhalb von T-Systems seien deswegen erfolgreich, „weil sie sich vor dem Mikromanagement und dem Kontrollwahn in der T-Systems zum Teil in Sicherheit gebracht haben.“

In den vergangenen Jahren mussten zudem immer wieder hohe Summen abgeschrieben werden, weil die oft über Jahre laufenden Verträge nicht eingehalten werden konnten. Das sei ein Stück weit normal in der Branche, hatte Al-Saleh den Analysten erklärt. Deswegen sei schon vor seiner Zeit ein besseres Risikomanagement installiert worden, damit solche Probleme früher erkannt werden.

Tatsächlich hat sich auch vor der Amtszeit des Amerikaners bei den Bonnern schon einiges getan. Das letzte große Abbauprogramm nannte sich „Transformation T-Systems 2015+“ und sah unter anderem Vorruhestandsregelungen und Abfindungen zwischen mindestens einem Jahresgehalt und 225.000 beziehungsweise 275.000 Euro für 4.900 Mitarbeiter vor.

Unruhige Zeiten für Al-Saleh

Dieses Abbauprogramm war damit vor allem eins: sehr teuer. Diese erste Reduzierung der Mitarbeiterzahlen brachte aber noch nicht den Kulturwechsel, den T-Systems so dringend gebraucht hätte.

Der Telekom-Vorstand mit CEO Tim Höttges an der Spitze, der übrigens bei der Versammlung der Mitarbeiter nicht persönlich anwesend war, und der Aufsichtsrat gaben sich lange mit den Aussagen zufrieden, die Restrukturierung schreite voran. Der Konzern stehe wirtschaftlich gut da. Offenbar wurde die darbende Tochter deswegen lange nur „stiefmütterlich behandelt“, wie es ein Mitarbeiter ausdrückt. Ob das gleichsam bedeutet, dass Vorstand und Aufsichtsrat Al-Salehs Kahlschlag nun uneingeschränkt unterstützen, um Versäumnisse auszugleichen, wird sich zeigen.



Der Amerikaner erklärte sich zumindest teilsolidarisch mit den bisherigen Vorgängen: Im Wesentlichen sehe sein Umbauprogramm so aus wie das seines Vorgängers Reinhard Clemens, sagte er im Mai: Einige Bereiche sollen wachsen, andere müssen sich verändern, und wieder andere werden aufgelöst. „Der Plan war nicht falsch“, erklärte er. „Das Problem ist, dass wir ihn nicht so umgesetzt haben, wie wir es hätten machen sollen.“

Auch das jetzige Abbauprogramm werde neuerlich teuer, sagte Al-Saleh dem Handelsblatt, „auch weil wir es so sozialverträglich wie möglich gestalten wollen, aber diese Investition wird sich lohnen“. Neben Vorruhestandsregelungen will der Manager auch Abfindungspakete und Weiterbildungsprogramme anbieten sowie den Mitarbeitern dabei helfen, innerhalb und außerhalb der Telekom neue Jobs zu finden.

Al-Saleh weiß, dass all das nicht reichen wird, um nach der Ankündigung wieder Ruhe in die Belegschaft zu bringen. Er geht davon aus, dass sich die Aufregung erst in einigen Wochen wieder legen wird. Immerhin blieb es beim Treffen in der Konzernzentrale nun zunächst weitgehend ruhig. Scharfe Proteste blieben aus.

Al-Salehs Strategie, die Mitarbeiter über Monate hinweg auf die Notwendigkeit harter Maßnahmen vorzubereiten, scheint zunächst aufgegangen zu sein.