Jens Spahn und die verdammten Hipster werden wohl keine Freunde mehr

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Hipster-Kritik von Jens Spahn geht nach hinten los

Der Unionspolitiker sieht eine neue Parallelgesellschaft in Berlin. Das ist Quatsch. Aber mit seiner Kritik trifft er einen wahren Kern.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Bei all dem Spott, der gerade auf Jens Spahn niederprasselt, frage ich mich, ob er nicht doch Recht hat, ein bisschen zumindest. Das fällt schwer, denn es handelt sich um Jens Spahn, jenen CDU-Mann also, der sich bei den in der politischen Mitte verlorenen Christdemokraten mit dem Bespielen von Nebenthemen als irgendwie rechts zu positionieren versucht – aber dabei so wenig überzeugt wie die Comedy von Harald Schmidt.

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Womit wir beim Thema wären, denn Wörter wie Comedy, Droppen, Asap, Lunch und Office sind ihm solch ein Gräuel, dass er jüngst ihnen einen Gastbeitrag in der „Zeit“ widmete. Und nun prasselt es Häme.

Was war passiert? Wenn ich es recht verstehe, und dabei bin ich mir wirklich nicht sicher, kritisiert Spahn, der eigentlich Finanzstaatssekretär ist, aber sei’s drum, zweierlei: Dass Hipster elitär seien und dass in Berlin zu viel Englisch gesprochen würde.

Nun ja, ich wohne in Berlin sozusagen im Epizentrum der Hipsterbewegung und wundere mich immer noch über die vielen Vollbärte und noch mehr über die bemüht ernsten Gesichter, die sie zieren; als wäre Berlin ein Nest von Philosophen geworden, die fortan darüber grübeln, ob sie zum Chai-Latte braunen Brandenburger Rohrzucker oder Berliner Imkerhonig träufeln sollen.

Ja, manche Attitüde stört mich, wie Nieselregen am Frühnachmittag oder Popcornkrümel im Bett. Angeblich sollen Hipster gern Jute-Beutel tragen, aber das ist mir bisher nicht aufgefallen. Die gibt es halt manchmal kostenlos im Supermarkt, da lauf ich selbst mit denen rum. Hipster jedenfalls als Gruppe, wie sie Spahn ausmacht, als genau definierte Spezie des Homo Hipstensis, erkenne ich nicht.

Von Zwergen und Normalbürgern

Konkret kritisiert Spahn an Hipstern, wenn diese ausschließlich Englisch sprechen würden, er sieht darin eine „provinzielle Selbstverzwergung“. Der 37-Jährige wirft den Hipstern vor, sich so gegenüber Normalbürgern abzuschotten. In Berlin habe sich „eine völlig neue Form von Parallelgesellschaft entwickelt: Junge Leute aus aller Welt, die unter sich bleiben“, so das CDU-Präsidiumsmitglied. Er beklagt die „anbiedernde Bereitschaft, vorschnell und ohne Not die eigene Muttersprache hintanzustellen – selbst in Situationen, wo das gar nicht nötig wäre.“ Darin sieht er „das augenfällige Symptom einer bedauerlichen kulturellen Gleichschaltung“.

Dass Hipster besonders viel Englisch sprechen, habe ich bisher nicht gecheckt. Bisher bin ich davon ausgegangen, dass das Phänomen des „Denglisch“ verschiedenste Akteure unserer Gesellschaft betrifft, nicht den Hipster an und für sich. Und nachvollziehen kann ich auch nicht, dass es mich stören sollte, wenn ich auf der Straße und im Lokal Englisch höre; bisher hatte ich keine Not darauf und darin auf Deutsch zu kommunizieren. Auch bin ich in keine Parallelgesellschaft getappt, aber Christdemokraten wie Spahn sehen ja Parallelgesellschaften zuhauf, zum Beispiel wenn sie durch Berlin-Neukölln laufen. Vielleicht sollten sie mal intern besprechen, ob sich bei Ihnen eine Phobie ausbreitet.

Wat denn fün Milljöh?

Spahn übersieht ferner, dass sich Berlin internationalisiert. Dies ist ein normaler Prozess, wie ihn London, Paris, Tel Aviv und New York erlebten. Dennoch bleibt Berlin Berlin, es wird immer die Stadt des Alexanderplatzes von Alfred Döblin sein, unverkennbar. Die „Berliner Schnauze“ wird weiter bestehen, weil Berlin nicht erst seit den Nullerjahren eine Einwandererstadt ist, sondern es immer war.

Die Häme indes, die Spahn für seine Klage erhält, verwundert mich; als wäre es cool an sich, dem Typen einen überzubraten. Denn über das Phänomen des Englischen in unseren Städten kann man schon reden, einfach aus Neugierde. Kommen Leute aus mehreren Ländern zusammen, was an sich gut ist, braucht es eine gemeinsame Sprache, und dies ist erstmal Englisch. Wer allerdings länger in Berlin wohnen bleibt, sollte schon Interesse für die Landessprache entwickeln – alles andere wäre kulturlos, dies ist auch eine Frage der Neugierde.

Und in diesem Punkt hat Spahn Recht, wenn er sagt: „Es ist doch absurd: Wir verlangen von Migranten mit Recht, dass sie Deutschkurse absolvieren, um sich zu integrieren. Währenddessen verlegen sich die Großstädte hipsterhaft aufs Englische und schotten sich so vom Otto Normalverbraucher ab.“

Vergessen wir mal den Otto, der gehört in den Sprachbaukasten der politischen Agit-Prop verbannt. „Hipsterhaft“ ist fast selbst schon Denglisch. Dass wir aber uns herrlich aufregen, wenn ein Türke oder ein Araber mal Türkisch oder Arabisch auf der Straße spricht, uns gern über seine Aussprache mokieren und es im nächsten Moment cool finden mit einem Amerikaner in seiner Sprache zu parlieren – auf diesen Widerspruch hingewiesen zu haben, ist Spahns Verdienst.

Spahn offenbart da bei einigen nicht eine Selbstverzwergung, sondern Rassismus. Vielen Dank dafür.

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