Jens Spahn bei "Anne Will" im Verteidigungsmodus: "Es geht nicht um Fehler"

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Zunächst schien es bei "Anne Will" so, als hätten Christian Lindner und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu einem neuen Kuschelkurs gefunden. Doch dann nahm der FDP-Chef die Debatte zur Impfung von Kindern und Jugendlichen zum Anlass für eine geharnischte Wahlkampf-Attacke.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nahm bei
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nahm bei "Anne Will" Stellung zum Betrug eines privaten Testzentrums. (Bild: ARD)

Endlich: Die Sonne lacht, der Sommer steht vor der Tür, die Inzidenzzahlen sinken seit Wochen kontinuierlich, die Impfquote steigt, und nach und nach fallen die Restriktionen zur Pandemiebekämpfung. Doch ist die Zeit des kollektiven Aufatmens wirklich schon gekommen? - Anne Will wollte der Sache am Sonntagabend auf den Grund gehen. Unter dem Titel "Das große Impfversprechen - wo steht Deutschland im zweiten Pandemie-Sommer?" ließ sie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und den FDP-Vorsitzenden Christian Lindner aufeinandertreffen, zwei Politiker, die immer für eine harte Kontroverse gut sind. Ein frischer Skandal lag schließlich auch schon wieder auf dem Tisch: Anbieter von Corona-Schnelltests sollen mit falschen Zahlenangaben viel Geld verdient haben.

Spahn verteidigt bei Anne Will: "Es geht nicht um Fehler"

Zunächst hatte Jens Spahn das Wort. Der CDU-Politiker musste zu den Ergebnissen der verdeckten Recherchen von Journalisten in Testzentren Stellung nehmen. Ein Testzentrum in Essen etwa nutzte das lukrative Geschäftsmodell - die Tests dürfen keinen Bezug zu der getesteten Person aufweisen - auf kriminelle Art aus: 550 Menschen nutzten im beobachteten Zeitraum den Service - zur Abrechnung wurden 1.743 Tests gemeldet. Was läuft da schief? Und warum wird das nicht besser kontrolliert?

Nachdem Spahn die Rolle der Teststrategie bei der Brechung der dritten Welle grundsätzlich verteidigt und gelobt hatte, relativierte er die Problematik: "Es ist nicht so, wie es gerade hieß, dass jeder sagen kann: Ich bin jetzt ein Testzentrum, und ich möchte jetzt abrechnen." Die Gesundheitsämter müssten zunächst den Auftrag erteilen. Ob da ein Fehler seinerseits vorliegt, wollte Gastgeberin Anne Will wissen. "Es geht nicht um Fehler", blieb Spahn im Verteidigungsmodus. Der Gesundheitsminister sagte, er habe sich in dieser Pandemie daran gewöhnt, dass, egal welche Entscheidung er trifft, diese immer von Menschen als Fehler wahrgenommen werden würde. In Zeiten größter Unsicherheiten könne nur nach "bestem Wissen und Gewissen" entschieden werden.

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Zunächst war sich FDP-Gesundheitsminister Christian Lindner noch mit Jens Spahn relativ einig, doch dann ging er in die Offensive. (Bild: ARD)
Zunächst war sich FDP-Gesundheitsminister Christian Lindner noch mit Jens Spahn relativ einig, doch dann ging er in die Offensive. (Bild: ARD)

Harmonie zwischen Lindner und Spahn?

Bei privaten Dienstleistern seien laut Jens Spahn extra Kontrollen nötig. Jedoch: "Wo kriminelle Energie ist, wo jemand betrügen will, wird jemand betrügen", erläuterte der Bundesgesundheitsminister. Der Moment für Christian Lindner, um anzugreifen? Im Gegenteil: "Es ist alles missbrauchsanfällig", verteidigte er Spahn. Kritik sei nicht angebracht, wenn die Regierung "unbürokratisch, schnell, ich sage mal: unternehmerisch" handele. "Die Öffentlichkeit, die Medien, die Opposition können die Regierungen nicht immer mehr und stärker zu schnellerem Handeln in der Pandemie veranlassen."

Anne Will hatte sich offenbar mehr Reibung versprochen: "Zeigt sich hier eine besondere Freundschaft zwischen Ihnen und Jens Spahn?", hakte sie provokant nach, was Lindner verneinte. Jedoch kündigte der FDP-Politiker an, im Laufe der Sendung würde man ihn noch kritischer erleben. Hier sollte er Recht behalten.

Lindner: "Alle Reserven verimpfen"

Denn beim Thema Impfung wechselte Christian Lindner doch noch in den Wahlkampf-Modus. Während Spahn versprach, dass Ende Juli 90 Prozent der impfwilligen Erwachsenen gegen Corona geimpft seien und "die über Zwölfjährigen, wenn die Eltern es wollen, bis Ende August geimpft werden können", werden aus Sicht Lindners falsche Prioritäten gesetzt: "Kinder und Jugendliche sind die Hauptleidtragenden der Pandemie", betonte er. Der FDP-Chef forderte, jetzt für Präsenzunterricht zu sorgen sowie Sozial- und Sprachpädagogen in den Schulen einzusetzen, um Verpasstes aufzuarbeiten.

Da bald mehr Impfstoff in Sicht sei, will Lindner "alle Reserven verimpfen, den Zeitpunkt zwischen Erstimpfung und Zweitimpfung strecken, gemischt mit unterschiedlichen Vakzinen impfen und Impfstoff im Ausland besorgen, etwa in Dänemark". Dort sei noch AstraZeneca übrig, erläuterte Christian Lindner.

Jens Spahn erwiderte, er hätte sich dahingehend bereits gekümmert. Es gehe nicht darum, nächste Woche Kinder und Jugendliche zu impfen, sondern um Konzepte in Schulen und Impfzentren. "Eins ist klar: Die Kinder werden in den nächsten Monaten und Jahren entweder die Infektion kriegen oder die Impfung!", so Spahn.

Im Video: Sollen Kinder geimpft werden?