Jenke von Wilmsdorff im Shopping-Rausch: So gefährlich sind "Fast Fashion" und Online-Handel

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In Jenke von Wilmsdorffs neuem Experiment enttarnte sich der 55-jährige Journalist als Konsum-Junkie. Die Gegenmaßnahme: Er lebte vier Wochen lang mit nur 64 persönlichen Dingen. Noch spannender: Die Ursachen und Nebenwirkungen Jenkes - und unserer - Konsumsucht wurden bloßgestellt.

Greenpeace hat herausgefunden, dass viele Kleidungs-Retouren der Online-Händler nicht mehr verkauft, sondern zerstört werden, obwohl es seit 2020 ein Gesetz dagegen gibt. Das Problem: Dieses neue Gesetz sieht keine Strafen vor. Angestellte
Jenke von Wilmsdorffs neustes Experiment zeigt die Folgen des Massenkonsums. (Bild: ProSieben / Marc Rehbeck)

Nach Jenke von Wilmsdorffs letztem Experiment waren die Erwartungen an den 55-jährigen Extrem-Journalisten natürlich hoch. Vor knapp einem Jahr ließ er sich eine Gesichtshälfte in aufwendigen Schönheits-OPs verjüngen. Die andere wurde "nur" kosmetisch behandelt, aber mittlerweile operativ angeglichen. Welche Metamorphose würde der Mann diesmal durchmachen? Die Antwort klang erst mal gar nicht so krass. Jenke von Wilmsdorff lebte vier Wochen lang mit 64 persönlichen Dingen.

Dazu gehörten ein Set Kleidung, aber auch das Handy plus Aufladekabel sowie 64 weitere Gegenstände seiner Kölner Wohnung. Das Erstaunliche daran: Vorher befanden sich auf denselben 110 Quadratmetern knapp 13.000 Dinge. Über 100 Filmminuten stand jedoch weniger die Inszenierung des reduzierten Jenke-Lebens im Vordergrund, als Ursachen und Nebenwirkungen unseres Konsumwahns. Vor allem "Fast Fashion" und die "schöne" Online-Handel-Welt bekamen ihr Fett weg.

Die Badewanne als Einkaufsparadies

Der Mann kauft gerne ein. Am liebsten mit einem Glas Wein oder einer Flasche Bier neben sich, in der Badewanne. In einem Designer-Shop sowie einem klassischen Herrenausstatter ließ Jenke seine mimischen und neurologischen Reaktionen aufzeichnen. Auf was fuhr er ab? Was zog ihn an? Daten wurden ausgewertet, ein tiefenpsychologisches Gespräch folgte. Obwohl Jenke von Wilmsdorff mit 21 Lederjacken, 114 langen Hosen, 102 T-Shirts, 52 Pullovern und 94 Paar Schuhen schon so viel hatte (um mal nur die Kleidung zu erwähnen), verspürt er weiter den Impuls zu kaufen.

Warum konsumieren wir? Journalist Jenke von Wilmsdorff ließ sich bezüglich dieser Frage neurologisch und tiefenpsychologisch durchchecken - und fand erstaunliche Antworten. (Bild: ProSieben / Marc Rehbeck)
Warum konsumieren wir? Journalist Jenke von Wilmsdorff ließ sich bezüglich dieser Frage neurologisch und tiefenpsychologisch durchchecken - und fand erstaunliche Antworten. (Bild: ProSieben / Marc Rehbeck)

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Der Psychologe fand heraus: Es geht um Geborgenheit, um emotionale Nähe. Daher auch die Badewanne. Jenke, der wie er selbst sagte, unter der Trennung seiner Eltern während seiner Kindheit litt, erinnert sich daran, dass schon seine Mutter, wenn sie schlecht drauf war, mit einer Freundin in die Stadt ging, um eine Bluse zu kaufen. Jenke gibt an, als Kind extrem änglich gewesen zu sein. Erst später stellte sich sein Mut, extrem mutige Dinge zu tun, als gutes Therapeutikum gegen diese Angst heraus.

Doch auch Mutige brauchen mal 'ne Pause. Jenke findet sie in der Badewanne, sie verschafft ihm ein Gefühl der Geborgenheit. Die Analyse des Kaufverhaltens Jenke von Wilmsdorffs durch den Psychologen kam zum Ergebnis, dass es bei den Badewannenkäufen nicht um den Kauf selbst, sondern ums "Dehnen und Intensivieren dieses Geborgenheitsgefühls geht". Badewanne ist gut, etwas in der Badewanne zu kaufen, ist besser.

Versandhändler beschäftigen "Kaputtmacher", um Retouren zu zerstören

Jenke von Wilmsdorff ließ die knapp 13.000 Dinge aus seiner Wohnung in eine Lagerhalle tragen. Es wurde gezählt, sortiert, katalogisiert. Scham ist durchaus ein Faktor in diesem Jenke-Experiment. Es war dem Mann schon extrem unagenehm, wie viele nutzlose, oft ungetragene Dinge er besitzt. Viele Klamotten hatten noch ein Preisschild. Sein Kellerraum ließ sich nicht mehr betreten, direkt hinter der Tür begann die bis zu Decke reichende Stapelzone. Vielleicht der Moment allergrößter größten Scham in dieser Sendung.

In seiner neuen, leeren Wohnung fühlte sich Jenke nicht wirklich wohl, aber er gewöhnte sich auch daran: 261 Artikel bei "nur einem Anbieter", wohl Amazon, hatte er 2020 gekauft. Durchschnittlich jeden dritten Tag wurde etwas bestellt. Nun konstatierte Jenke am fünften Tag seines Experiments: "Was mich überrascht, dass mir so konkret nichts fehlt ...". Derweil stapelten sich im "Jenke-Museum" (der Lagerhalle) 1.100 Kleidungsstücke, 1.000 Bücher, 650 Erinnerungsstücke, 123 Bilder und 612 DVDs. "Um nur die größten Posten zu nennen", gestand Jenke.

Jenke von Wilmsdorff während seines Shopping- und Konsumentzug-Experimentes auf 110 weitgehend leeren Quadratmetern in seiner Kölner Wohnung. Der 55-jährige Journalist lebte vier Wochen lang mit nur 64 persönlichen Dingen - plus 64 Gegenständen aus seiner Wohnung. Vorher waren es knapp 13.000 Dinge - auf demselben Raum. (Bild: ProSieben)
Jenke von Wilmsdorff während seines Shopping- und Konsumentzug-Experimentes auf 110 weitgehend leeren Quadratmetern in seiner Kölner Wohnung. (Bild: ProSieben)

Klar ist, Jenke von Wilmsdorff ist kein Einzelfall. Unser Kaufen gehorcht einer Methode, die über enttäuschte Kindheitsgefühle hinausreicht - und auch diesem Aspekt ging die neue Jenke-Reportage dankenswerter Weise intensiv nach: Konsumartikel "drehen sich" heute wesentlich schneller als früher. Kleidung ist billiger, minderwertiger. Dinge des täglichen Bedarfs werden so hergestellt, dass ihr frühes Kaputtgehen billigend in Kauf genommen wird oder sogar bewusst durch ihre Konstruktion anvisiert wird.

Stefan Schridde, Betreiber der Plattform "Murks? Nein danke!", stellte seinen Kampf in der Sendung vor. Am schlimmsten sind jedoch Versandhandel und Mode-Industrie: Greenpeace hat herausgefunden, dass große Teile der Retouren nicht mehr verkauft, sondern anderweitig entsorgt werden. Regalflächen sind heute wertvoller als neuwertige, aber zurückgeschickte Ware. Versandhändler beschäftigen sogenannte "Kaputtmacher", um Neuwaren zu zerstören. Klamotten werden massenweise nach Bulgarien "gespendet", wo sie als billiges, allerdings hochgiftiges Heizmaterial in Ölöfen noch mehr Schaden anrichten. Die Rückseite unseres boomenden Versandhandel-Konsum ist eine abgrundtief hässliche.

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Ein Fleischthermometer? Braucht Jenke nicht mehr ... 

Erkenntnisse aus "Jenke: Das Shopping-Experiment": Durchschnittlich 95 Kleidungsstücke besitzt ein Erwachsener Mensch in Deutschland, Strümpfe und Unterwäsche nicht mitgerechnet. Das sind fast doppelt so viele wie noch vor 15 Jahren. Rund 60 neue Teile kommen jedes Jahr dazu. 20 Prozent davon werden nie getragen.
 (Bild: ProSieben / Marc Rehbeck)
Erkenntnisse aus "Jenke: Das Shopping-Experiment": Durchschnittlich 95 Kleidungsstücke besitzt ein Erwachsener Mensch in Deutschland, Strümpfe und Unterwäsche nicht mitgerechnet. 20 Prozent davon werden nie getragen. (Bild: ProSieben / Marc Rehbeck)

Und wie ändert Jenke von Wilmsdorff diesmal sein Leben? Ein großer Teil seines Außenlagers wird nicht mehr in die Kölner Wohnung zurückkehren. Auf einem Düsseldorfer Flohmarkt verkaufte er am Ende des Films massenhaft Klamotten und andere Dinge für einen guten Zweck. Von Wilmsdorffs Wohnung wird nach der Rückkehr zur Normalität nicht die eines Minimalisten sein, dafür ist er - ein Genussmensch, der schöne Dinge liebt - nicht der Typ. Aber er fühlt sich wohler, aufgeräumter - vor allem auch innerlich. Wer kennt dieses Gefühl nicht?

In einem Nebensatz auf dem Flohmarkt erwähnte Jenke, der ein Fleischthermometer verkauft, dass er es als Vegetarier nicht mehr benötigen würde. Auch sein offenbar dauerhafter Fleischverzicht war das Ergebnis eines Jenke-Experiments. Diesmal wird sich Jenke wohl nicht zum Wohn-Minimalisten verändern, aber ganz sicher zum bewussteren Konsumenten. Damit setzte der quotenstarke ProSieben-"Influencer" ein gutes Signal, dass auch Zuschauerinnen und Zuschauer ihr Einkaufs- und Hortungsverhalten auf den Prüfstand stellen.

Im Video: Jenke von Wilmsdorffs erstes ProSieben-Experiment geht "unter die Haut"

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