„Je früher ein Ausverkauf, desto besser“

Die EZB-Entscheidung befeuert die Dax-Rally zusätzlich, Anleger sind daher in Champagnerlaune. Gleichzeitig glauben viele an ein baldiges Ende der Kurssteigerungen. Was das für die kommenden Handelstage bedeutet.


„Im Jahr 1999 gab es noch keine Sentiment-Umfrage, doch die aktuelle Stimmung erinnert mich an die Champagnerlaune von damals“, meint Börsenexperte Stephan Heibel. Zur Erinnerung: In diesem Jahr legte der Nasdaq Composite um mehr als 80 Prozent zu, die Hälfte davon in einer fulminanten Jahresendrally. Und nach dem Wechsel ins nächste Jahrtausend stieg das US-Börsenbarometer innerhalb von zweieinhalb Monaten um weitere 40 Prozent. „Champagnerlaune zeigt also nicht unbedingt das unmittelbare Ende der Rally an“, folgert er.

Die aktuelle Champagnerlaune unter den Anlegern ist eine Folge der vergangenen Börsenwoche. Investoren warteten auf die Entscheidung von EZB-Chef Mario Draghi, der den Einstieg in den Ausstieg der ultralockeren Geldpolitik konkretisieren sollte. Am Donnerstag gab der oberste europäische Notenbanker dann auch bekannt, dass die umstrittenen Anleihekäufe ab kommenden Januar auf ein Volumen von 30 Milliarden Euro pro Monat halbiert werden und bis mindestens September 2018 fortlaufen werden.


Der Einstieg in den Ausstieg erfolgte damit zaghafter, als von vielen Anlegern befürchtet, entsprechend sprang der Dax im Anschluss an diese Meldung kräftig an und erzielte bis zum vergangenen Freitag ein Wochenplus von 1,7 Prozent.

Wie gut oder wie schlecht die Börsenstimmung ist, zeigt die wöchentliche Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment an, bei der mehr als 2700 Anleger befragt werden. Die Ergebnisse wertet Stephan Heibel, Inhaber des Analysehauses Animusx aus und gibt eine Prognose ab, wie sich der Dax in den kommenden Handelstagen entwickeln könnte – mit einer sehr hohen Treffsicherheit.

Hinter solchen Sentiment-Erhebungen stehen folgende Annahmen: Wenn die große Masse von Anlegern bereits investiert hat, bleiben eben wenige übrig, die noch zusätzlich kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten; umgekehrt gilt natürlich Entsprechendes: Wenn die Anleger mehrheitlich nicht investiert haben, können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.

Wenn Anleger investiert haben, werden sie sich optimistisch über den erwarteten weiteren Kursverlauf äußern, wenn sie nicht investiert haben, pessimistisch. Denn für den zukünftigen Verlauf von Wertpapieren etwa pessimistisch zu sein, aber gleichzeitig investiert zu haben, würde unter normalen Umständen wenig sinnvoll erscheinen.


Seit Ende August befindet sich der Dax im Rally-Modus, entsprechend hat sich die Laune der Anleger Woche für Woche verbessert. Diese Tendenz setzt sich auch in der aktuellen Umfrage fort.

Einen Aufwärtsimpuls im Dax erkennen inzwischen 61 Prozent der Umfrageteilnehmer, ein Plus von 27 Prozentpunkten gegenüber der Vorwoche. Nur noch 27 Prozent (minus sieben Prozentpunkte) halten die aktuelle Bewegung für eine Topbildung, und lediglich elf Prozent (minus 16 Prozentpunkte) gehen noch von einer Seitwärtsbewegung aus.



Niedrige Investitionsquote in den USA


Mehr als jeder Vierte (plus elf Prozentpunkte) will auf diesen Kurssprung beim Dax spekuliert haben – ein hoher Wert an Selbstzufriedenheit unter den Anlegern. Weitere 45 Prozent (minus 14 Prozentpunkte) fühlen sich zum größten Teil in ihren Erwartungen bestätigt. Auf der anderen Seite sehen 19 Prozent (plus ein Prozentpunkt) ihre Erwartungen kaum erfüllt und neun Prozent (plus zwei Prozentpunkte) wurden sogar auf dem falschen Fuß erwischt.

Gegenläufig zur überschäumenden Stimmung gehen die Erwartungen der Anleger zurück. Fast jeder Vierte (plus zwei Prozentpunkte) fürchtet für das deutsche Börsenbarometer in drei Monaten fallende Kurse, während das Lager der Optimisten mit 27 Prozent unverändert blieb. Das Bärenlager wurde von ehemals neutral eingestellten Anleger befüllt, nur noch 28 Prozent (minus vier Prozentpunkte) erwarten eine Seitwärtsbewegung.


Nach Verlauf der vergangenen Handelswoche möchte mehr als jeder Vierte (plus zwei Prozentpunkte gegenüber der Vorwoche) Aktien zukaufen, hingegen denkt gut jeder Fünfte (plus vier Prozentpunkte) daran, in den kommenden zwei Wochen seine Aktienpositionen zu verkleinern. Damit verkleinert sich das Lager derer, die vorerst keine Entscheidung treffen wollen, um sechs Prozentpunkte auf 54 Prozent.

Das Euwax-Sentiment für Privatanleger, das die Börse Stuttgart aufgrund von realen Trades mit Hebelprodukten auf den Dax ermittelt, notiert weiterhin in einem neutralen Bereich. Auch der Handel von institutionellen Anlegern, die sich über die Frankfurter Terminbörse Eurex anhand von Optionen vor Kursverlusten absichern, ist ebenfalls neutral. Mit einer Put/Call-Quote von 1,4 sind Profi-Anleger nur unwesentlich stärker „long“ positioniert als im Jahresmittel, das bei 1,5 liegt.

Der „Angst-und-Gier-Indikator“ für das US-Börsenbarometer S & P 500, der auf technischen Marktdaten basiert, zeigt mit 71 Prozent nach der verhaltenen Börsenwoche in den Vereinigten Staaten eine deutliche Abkühlung an. Die Überhitzung der Vorwoche ist auf ein verträgliches Maß abgekühlt, das Niveau bleibt aber insgesamt hoch.


Die Investitionsquote der US-Institutionellen ist leicht auf 72 Prozent gestiegen – und damit nach wie vor niedrig. Institutionelle sitzen also auf großen Barbeständen. Die müssen sie entweder in den nächsten Wochen an ihre Kunden auszahlen, weil vielfach der November der einzige Monat des Jahres ist, an dem Hedgefonds-Kunden die Möglichkeit haben, ihr Geld aus dem Anlagevehikel abzuziehen. Oder die Barbestände werden wieder in den Markt investiert.

Heibel hält dies für „bullishes Signal“, denn auch wenn Kunden ihre Gelder abziehen sollten, werden sie es an anderer Stelle anlegen. „Es gibt also noch reichlich Kapital an der Seitenlinie“, stellt der Sentiment-Experte fest. Eine neutrale Stimmung bescheinigt er auch den US-Privatanlegern angesichts einer Bulle/Bär-Quote von 6,6 Prozent.



Wenige Aktien tragen die Rally


Und was lässt sich aus den aktuellen Umfrageergebnissen erwarten? „Euphorie gepaart mit einem stark rückläufigen Zukunftsoptimismus lässt vermuten, dass Anleger die aktuellen Kurse als Zenit der Rally betrachten“, fasst der Sentiment-Experte zusammen. Entsprechend habe sich der Anteil derer, die über Verkäufe nachdenken, stark erhöht. Es fehle nun nur noch ein Auslöser, um eine Verkaufswelle loszutreten.

Auf der anderen Seite habe sich jedoch auch die Zahl derer erhöht, die trotz der Rekordserie Aktien weiter zukaufen wollen. Die Investitionsbereitschaft ist angestiegen, lautet ein weiteres Ergebnis der Umfrage. Anleger fühlen sich bestärkt, eine Entscheidung zu treffen – egal ob es ein Kauf oder Verkauf wird. „Das spricht für eine deutlich stärkere Volatilität in den kommenden Wochen“, meint Heibel.


Entsprechend werde der deutsche Leitindex anfälliger für Korrekturen. Es gelte die alte Börsenweisheit: Je höher der Dax in solchen Situationen noch steige, umso stärker werde der dann unweigerlich folgende Ausverkauf sein.

Positive Signale für den Aktienmarkt kamen von Unternehmen, die ihre Zahlen veröffentlicht hatten. Anlegern wird offenbar bewusst, dass gerade die zyklischen Aktien noch großes Kurspotential vor sich haben. „Damit fokussiert sich die Rally immer stärker auf immer weniger Titel, die dann umso stärker ansteigen“, erläutert der Sentiment-Experte. Diese Entwicklung hatte er bereits vorige Woche festgestellt, die verstärkt sich nun noch weiter.


Er wünscht sich, dass ein Ausverkauf eher früher erfolgt als später, denn dann kann die Rally mit einem leichten Rücksetzer erneut Schwung holen und nochmals weiterlaufen. „Die alten Hasen unter den Anlegern kennen das: Jede Rally benötigt immer wieder Verschnaufpausen, um anschließend weiterlaufen zu können. Kommt es zu einer finalen Überhitzung, ist das Ende nicht mehr weit“, meint Heibel.

Für ihn sind Investments eine Frage des Zeithorizonts: Wer kurzfristig spekuliert, der sollte sich nun auf eine baldige Verschnaufpause, auf einen Rücksetzer gefasst machen. Wer jedoch mit einem Anlagehorizont von ein bis zwei Jahren unterwegs ist, der kann einen eventuellen Rücksetzer zum Nachkaufen nutzen.


Die Handelsblatt-Umfrage startet jeden Freitag und endet am Sonntag. Die Auswertung lesen Sie tags darauf auf Handelsblatt Online. Einfacher haben es Leser, die sich für eine kostenlose Erinnerungsmail eintragen. Sie erhalten automatisch eine Mail mit der Bitte, an der Umfrage teilzunehmen, und eine, wenn die Experten-Auswertung auf Handelsblatt Online zu lesen ist.