"Dann sind 99 Prozent aller Trainer nicht die richtigen für den HSV"

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"Dann sind 99 Prozent aller Trainer nicht die richtigen für den HSV"
"Dann sind 99 Prozent aller Trainer nicht die richtigen für den HSV"

Spötter werden dem Hamburger SV eine gewisse Kontinuität in den zurückliegenden Jahren nicht absprechen. Die Tabellen-Platzierungen seit dem Abstieg am 12. Mai 2018 lauteten nämlich wie folgt: vier, vier, vier. Nur für die Hanseaten jeweils mit dem bitteren Zusatz: Saisonziel verpasst!

Seit drei Spielzeiten versucht der Verein nun verzweifelt wieder in die Bundesliga aufzusteigen, doch welcher Trainer auch gerade das Sagen hatte, es wollte nicht gelingen. Hannes Wolf, Dieter Hecking, Daniel Thioune - zuletzt konnte selbst Klub-Legende Horst Hrubesch nicht helfen, die Rückkehr in die Bundesliga zu realisieren.

In der neuen Saison soll es nun Tim Walter richten. Der 45-Jährige arbeitete zuletzt in der Saison 2019/20 beim VfB Stuttgart, wurde dort nach der Hinrunde entlassen. Er ist Trainer Nummer fünf für den HSV, der es im vierten Anlauf schaffen soll mit dem Aufstieg.

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Jarolim hat HSV weiter im Herzen

"Es ist eigentlich nur noch traurig, drei Mal in Folge das gleiche Szenario", sagt der ehemalige HSV-Profi David Jarolim zu SPORT1. Der Tscheche trug von 2003 bis 2012 das Trikot der Rothosen und war Publikumsliebling. Noch heute hat er den HSV im Herzen. Auf seinem WhatsApp-Profilbild sieht man ihn mit seiner Frau und den drei Kindern auf dem Rasen des leeren Volksparkstadions.

Jarolim ist fassungslos, wenn er an das jüngste Scheitern der Hamburger in der abgelaufenen Saison denkt. "Wenn man so eine Rückrunde spielt, braucht man nicht über den Aufstieg sprechen." Die magere Bilanz: fünf Siege, sieben Remis und fünf Niederlagen.

"Am Ende war es leider verdient", sagt der frühere HSV-Keeper und ehemalige Torwarttrainer der zweiten Mannschaft, Richard Golz SPORT1. "Als es um die Wurst ging, war die Mannschaft offensichtlich nicht in der Lage mit dem Druck umzugehen. Die Konkurrenz war beeindruckend stabil."

"Denke oft an meine Zeit zurück"

Der heute 52-Jährige kam 1985 mit 17 Jahren aus dem damaligen West-Berlin nach Hamburg, spielte in der A-Jugend und bei den Amateuren und wurde beim HSV zum gestandenen Bundesligaspieler. Von 1987 bis 1998 trug er das Trikot der Rothosen. Nach seiner Zeit als Spieler hat er fünf Jahre als Trainer im NLZ gearbeitet. "Ich denke oft an meine Zeit zurück und werde täglich damit konfrontiert, weil wir in Hamburg wohnen", sagt Golz.

Gedanken an früher, als der HSV noch bessere Zeiten erlebte, hat Jarolim sicher auch noch. Doch durch seine Arbeit als Trainer kommt er gar nicht dazu, groß an seine aktive Zeit beim HSV zu denken, "aber natürlich verfolge ich den deutschen Fußball und schaue mir jedes Spiel des HSV an".

Der 42-Jährige arbeitet aktuell als Trainer in der dritten tschechischen Liga für den Prager Stadtteilverein SC Olympia Radotín. Die Sorgen um seinen HSV werden aus der Ferne nicht kleiner. Er nennt einen Hauptgrund für die sportliche Misere. Einer wie er würde dem aktuellen HSV gut tun.

Das braucht der HSV

"Wenn man aufsteigen will, braucht man dazu einige wichtige Faktoren. Entscheidend ist, dass meiner Meinung nach vor allem jemand fehlt, der in einer schwierigen Phase auch mal die Ärmel richtig hochkrempeln kann."

Eine Parallele sieht Jarolim zu seiner Zeit als HSV-Profi: die ständigen Querelen in der Chefetage. "Es gab natürlich damals schon Unruhe im Verein". Am wichtigsten sei es, "was sich in der Kabine abspielt". Es müsse eine "richtige Hierarchie" geben.

Für Golz wird das Thema Zoff unter den Bossen "zu sehr thematisiert". Und er nennt ein Beispiel: "Wenn man sieht, was beim VfB Stuttgart los war und wie erfolgreich die Mannschaft gespielt hat, scheint es keinen Zusammenhang zu geben."

Golz: Wer ist für Gesamt-Strategie verantwortlich?

Doch Golz wird auch deutlich: "Tatsache ist, dass im Vorstand nur die Ressorts Sport und Finanzen besetzt sind." Seit dem Abgang von Bernd Hoffmann (Ex-Klub-Boss, Anm. d. Red.) stellt sich ihm die Frage: "'Wer ist für die Gesamt-Strategie verantwortlich?'"

Jarolim hat einen Rat parat: "Auf jeden Fall ist es wichtig, dass die Mannschaft gut zusammengestellt wird." Es müsse eine "richtige Mischung" her.

Er würde dem Verein gerne als Trainer helfen, "aber das wird noch dauern. Ich werde im Dezember erst meine Ausbildung beenden und will als Trainer Schritt für Schritt gehen".

Dass jede Saison ein neuer Trainer beginnt, findet Jarolim nicht förderlich. "Das ist natürlich nicht optimal, aber man darf auch nicht in Panik verfallen. Wichtig ist, dass ein Trainer auch in schlechten Phasen mal größeres Vertrauen bekommen sollte."

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Faire Chance für Trainer Tim Walter

Ist der HSV nur noch ein Chaos-Verein? Das will Jarolim nicht unterschreiben. "Das sehe ich nicht so. Vielleicht sollte man in die neue Saison mit niedrigen Erwartungen starten, damit der Druck von Anfang an nicht nur über das Thema Aufstieg definiert wird."

Golz will dem neuen HSV-Coach Tim Walter eine faire Chance geben. Dessen kurze Zeit beim VfB will er nicht zum Maßstab nehmen. "Wenn es danach geht, sind 99 Prozent aller Trainer nicht die Richtigen für den HSV. Seine Zeit in Kiel habe ich als erfolgreich im Kopf."

Macht sich Golz Sorgen um den ehemaligen Dino der Bundesliga? Über Jahre ein Zweitligist? "Es gibt kein natürliches Recht auf die Bundesliga, nur weil man ein Traditionsverein ist."