Japans Stahlpfuscher und die Folgen


Auf seiner englischen Homepage hat Japans drittgrößter Stahlkonzern Kobe Steel seine stolze Firmendarstellung mit einer verbalen Verbeugung ersetzt. „Wir bedauern unser unvorschriftsmäßiges Verhalten zutiefst“, überschreibt der 112 Jahre alte Konzern eine Entschuldigung an seine Kunden. Auf japanisch gibt sich das Unternehmen ebenfalls für einen Skandal über gefälschte Produktdaten reuig, der inzwischen global immer weitere Kreise zieht und die Traditionsfirma in ihren Grundfesten erschüttert.

Es begann vorige Woche mit Kobes Eingeständnis, dass teilweise die Produktdaten von Aluminiumprodukten gefälscht worden waren. Schon damit begann ein Absturz des Aktienkurses des Stahl- und Maschinenbauers, der 2016 rund 13 Milliarden Euro umsetzte und rote Zahlen schrieb. Denn das Aluminium wurde in Japans Superschnellzügen, aber auch in Bauteilen für Boeing und Airbus-Flugzeuge verbaut.

An diesem Mittwoch riet die europäische Flugsicherheitsbehörde EASA den Flugzeugbauern, keine Produkte von Kobe Steel mehr einzusetzen. Solange die Zulassung nicht geklärt sei, sollten die Firmen auf Teile des Konzerns verzichten, erklärte die Behörde. Derzeit seien die Bedenken aber nicht schwerwiegend genug, um eine Lufttüchtigkeitsanweisung auszugeben, die dann Zwangsmaßnahmen zur Folge hätte.


Die EASA rief die Firmen wegen des Skandals um Produktdaten-Fälschungen aber dazu auf, ihre Zulieferketten zu überprüfen. Sie sollten zudem ausmachen, ob Kobe-Steel-Produkte an kritischen Punkten und Systemen eines Flugzeugs eingesetzt wurden. Sofern Alternativen zur Verfügung stünden, sollten keine Teile des japanischen Herstellers mehr verwendet werden.

Inzwischen hat der Konzern zugegeben, auch bei Stahldrähten für die Autoindustrie geschummelt zu haben - und dies mindestens zehn Jahre lang. Die Zahl der betroffenen Kunden schwoll laut der Nikkei von 200 auf 500 an. Japans Auto- und Luftfahrtindustrie gehört zu den prominentesten Kunden. Aber auch globale Konzerne wie Intel, GM und Ford waren vertreten. In Europa sollen nach japanischen Medienberichten auch Daimler, Rolls-Royce und Airbus wenigstens indirekt betroffen sein. Daimler teilte allerdings mit, dass Kobe Steel nicht als direkter Lieferant aufgeführt wurde.

In Deutschland spielt Stahl aus Japan eine untergeordnete Rolle: Gerade mal 54.000 Tonnen kamen 2016 ins Land – ein Klacks gegenüber den 22 Millionen, die insgesamt importiert wurden. Aber niemand kann ausschließen, dass Kobe-Stahl, der nicht den zugesagten Anforderungen entspricht, in zugelieferten Teilen steckt.


Diese Aussichten schrecken inzwischen sogar die US-Behörden auf. Am Dienstag teilte Kobe mit, dass das amerikanische Justizministerium von den Japaner verlange, Unterlagen für betroffene Lieferungen an US-Firmen bereitzustellen. Doch dies dürfte nicht das letzte Wort in dem Skandal gewesen sein. Denn die bisher bekannt gewordenen Unregelmäßigkeiten sind womöglich erst die Spitze des Skandals.

So sollen Kobes stolze Stahlkocher in vier japanischen Hütten offenbar seit Jahrzehnten Daten über Produktqualität frisiert haben. „Die Schummeleien wurden irgendwann in so etwas wie einem stillschweigend Betrugsleitfaden institutionalisiert“, erklärte die Wirtschaftszeitung Nikkei. Selbst Auslieferungszertifikate seien gefälscht worden. Die Zeitung fragt daher wie hoch die Mitwisserschaft in der Firmenführung reiche.


Nach Toshiba und Takata der nächste Skandal in Japan

Die Anleger sind dementsprechend vorsichtig. Zwar wurden noch keine Unfälle bekannt, bei denen nicht den Spezifikationen entsprechende Kobe-Produkte die Ursache gewesen seien. Doch Analysten warnen, dass mögliche Rückrufe, Austauschaktion und Gerichtsprozesse zu einer Kostenwelle führen könnten. Als warnendes Beispiel wird das Schicksal des Autozulieferers Takata genannt. Der wurde von den Rückrufkosten für gefährliche Gasinflatoren in über 100 Millionen Airbags in die Pleite getrieben und in Teilen von einem chinesisch-amerikanischen Unternehmen übernommen.


Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die politische Reaktion auf die Verstöße gegen Treu und Glauben durch den politisch erstklassig vernetzten Konzerns. Japans Ministerpräsident Shinzo Abe arbeitete immerhin drei Jahre bei Kobe, bevor er in die Politik ging. Dennoch kann sich der Stahlkonzern keineswegs politischer Rückendeckung sicher sein. Schließlich gefährdet Kobe mit seinem unlauteren Handeln in den Augen einiger Kommentatoren ein Prinzip, dass Japaner gerne als Wesensmerkmal ihrer Wirtschaft und als Garant für Qualität ansehen: die auf Vertrauen basierten Beziehungen zwischen Firmen und ihren Lieferanten.

Damit wurde „Made in Japan“ zum Gütesiegel für Qualität und Zuverlässigkeit, meinte die Zeitung Asahi. „Dieser Ruf hat in den letzten Jahren gelitten“, befürchtet das Blatt. Denn der Stahlkonzern sei nur der letzte einiger großer Skandale. Und wie die Japan AG mit großen Nestbeschmutzern in der letzten Zeit umgeht, durfte der Traditionskonzern Toshiba erleben.

Der Technikkonzern stürzte über geschönte Bilanzen in die Krise und geriet durch die Pleite seiner US-Atomkraftwerkstochter Westinghouse an den Rand des Ruins. Doch wegen des Skandals fand das Wirtschaftsministerium keine japanischen Käufer für die Chipsparte des Konzerns, berichtet ein Kenner des Ministeriums. Offenbar ist der Konzern so in der Japan AG unberührbar geworden.

Doch nicht alle Experten stimmen in den Abgesang mit ein. „Ich glaube nicht, dass dieser Skandal spezifisch japanisch ist“, sagt der in Tokio ansässige Österreicher Gerhard Fasol, Gründer des M & A-Beraters Eurotechnology. Betrügereien gebe es auch anderswo, bei Volkswagen zum Beispiel. „Wichtiger ist die unternehmerische Erbmasse.“ Und da sitzt Japan seines Erachtens seiner eigenen Mär auf, besonders sicher zu sein. „Wirtschaftsvergehen sind hier wahrscheinlich auch nicht seltener als anderswo.“ 



KONTEXT

Die größten Stahlproduzenten in Deutschland

ESF Elbestahlwerke Feralpi

Der Stahlproduzent aus dem sächsischen Riesa wurde 1992 gegründet und produziert unter anderem Stranggussknüppel, Betonstabstahl und Walzdraht. 2016 produzierte Feralpi eine Million Tonnen Stahl.

Quelle: Wirtschaftsvereinigung Stahl

Lech Stahlwerke

1970 wurde das Stahlwerk im bayrischen Meitingen gegründet. Das Unternehmen hat sich auf Betonstahl spezialisiert. Lech produzierte 2016 1,2 Millionen Tonnen Stahl.

Georgsmarienhütte

1,3 Millionen Tonnen Stahl produzierte das Stahlwerk 2016. Georgsmarienhütte wurde 1856 in der gleichnamigen Stadt in Osnabrück gegründet. Das Unternehmen produziert Stabstahl, Halbzeug und Blankstahl.

Riva

Der italienische Stahlkonzern hat mehrere Werke in Deutschland. 1954 wurde das Unternehmen von den Brüdern Emilio und Adriano Riva in Mailand gegründet. 2016 produzierte Riva in Deutschland 1,8 Millionen Tonnen Stahl.

Dillinger Hütte

Das Hüttenwerk (Anlage zur Erzeug von Stahl und Eisen aus Erzen) mit Sitz im saarländischen Dillingen produzierte 2016 2,2 Millionen Tonnen Stahl. Das Unternehmen wurde bereits 1685 gegründet.

Badische Stahlwerke

Der Stahlhersteller wurde 1955 im baden-württembergischen Kehl gegründet und produziert hauptsächlich für die Bauindustrie. 2016 konnte das Unternehmen 2,4 Millionen Tonnen Stahl produzieren.

Saarstahl

1989 wurde der Stahlproduzent im saarländischen Völklingen gegründet. 2016 produzierte er 2,5 Millionen Tonnen Stahl.

Salzgitter

Die Wurzeln der 1998 im niedersächsischen Salzgitter gegründeten Salzgitter AG gehen ins Jahr 1858 zurück. Rund sieben Millionen Tonnen Stahl produzierte das Unternehmen 2016.

Arcelor-Mittal

Der Konzern ging 2007 aus der Fusion der niederländischen Mittal und Arcelor aus Luxemburg hervor. Der Konzern hat mehrere Standorte in Deutschland und produzierte 2016 hierzulande 7,8 Millionen Tonnen Stahl.

Thyssen-Krupp

1999 wurden die Ruhrgebietskonzerne Krupp-Hoesch und Thyssen zusammengelegt. Deutschlandweit ist das Unternehmen mit Sitz in Essen der größte Stahlproduzent. Allein 2016 fertigte er 12,1 Millionen Tonnen Stahl.