In Japan wird die Hitzewelle zur Katastrophe

Mehr als 41 Grad, 80 Tote und 20.000 Erkrankte – selbst das hitzeerprobte Land leidet unter dem extremen Sommer. Teilweise sind die Probleme hausgemacht.


Wochenlang mehr als 30 Grad Celsius am Tag, nächtliche Tiefsttemperaturen über hochsommerlichen 25 Grad und dazu eine subtropische Schwüle: Was in Deutschland als historische Hitzewelle gelten würde, ist in Japan sommerlicher Normalzustand. Doch was die Japaner in dieses Jahr erleben, geht weit über das gewohnte Maß hinaus.

Das Wetteramt hat die jüngste Hitzewelle diese Woche sogar zur Naturkatastrophe erklärt – wie kurz zuvor die Regen- und Überschwemmungskatastrophe mit etwa 200 Toten oder am Wochenende vielleicht den kommenden Taifun. Denn dieser Sommer bricht bisher alle Hitze- und Opferrekorde.

41,1 Grad Celsius wurden zu Wochenbeginn in der Stadt Kumagaya im Norden Tokios gemessen. Im Westen und im Zentrum der größten Megacity der Welt war es nur unwesentlich kühler. Auch andere Regionen schwitzten mehrere Tage lang bei fast 40 Grad Höchsttemperatur. Schlimmer noch: Selbst nachts sank die Temperatur mancherorts nur auf 30 Grad.

Auch im an Sommerschwüle gewöhnten Japan war das zu viel für den Kreislauf vieler Senioren und Kinder. In den vergangenen zwei Wochen wurden bereits mehr als 20.000 Menschen mit Hitzesymptomen bis hin zum lebensbedrohlichen Hitzschlag in Krankenhäusern behandelt. Mehr als 80 Menschen starben den Hitzetod. Dabei lebt Japan amtlich, baulich und traditionell mit der Hitze.

Seit Jahren verordnet die Regierung den Geschäftsleuten unter dem Slogan „Cool Biz“ ein Krawattenverbot. Viele Firmenkrieger gehen sogar in kurzärmeligen Hemden und ohne Jackett zur Arbeit. Die Idee dahinter war zwar, dass im Gegenzug die Büros weniger stark gekühlt werden, um Energie zu sparen. Aber die gelockerte Kleiderordnung hilft auch, die Hitze draußen besser zu ertragen.


Zusätzlich werden die Menschen dazu angehalten, Wasser auf den Gehwegen zu versprengen, um durch Verdunstung die Luft zu kühlen. An einigen Orten wird zum gleichen Zweck auch etwas Sprühnebel erzeugt. Darüber hinaus sind Klimaanlagen in Häusern Standard. Und diese Klimaanlagen sind oft hocheffiziente Monstrositäten mit riesigen Motoren und Wärmetauschern draußen wie drinnen.

Alte Gewohnheiten werden zur Todesfalle

Doch all das hilft nicht, wenn Menschen ihr gewohntes Verhalten nicht ändern. Zumal wenn sie jung oder alt sind und ihre Körper geringe Wasserreserven haben. So machte die schreckliche Geschichte eines Grundschulkinds national Schlagzeilen, das beim Schulsport kollabierte und starb. Ein anderes Beispiel ist das Schicksal einer 91-jährigen Bäuerin in der Präfektur Ibaraki. Sie ging trotz der Mörderhitze aufs Feld, brach irgendwann zusammen und starb.

Andere bekommen in ihren Wohnungen und Häusern teils lebensbedrohliche Probleme – mit daran Schuld ist die alte Baukultur. Japans Häuser sind kaum isoliert. Bis vor wenigen Jahren war Einfachverglasung selbst im zugigen Alurahmen Standard. Darauf angesprochen, antworten Baumeister und Architekten: „Wir bauen für den Sommer.“

Tatsächlich sind traditionelle Häuser mit ihren papierbespannten Schiebetüren und dünnen Wänden im Sommer tagsüber eher Schattenspender, die auch in der Nacht den Wind durchlassen und so schnell auch innen die Außentemperatur annehmen.

Gerade viele Senioren lieben es daher weiterhin, auch in Städten bei offenem Fenster und ohne Klimaanlage zu schlafen. Nur droht diese Gewohnheit wegen des Klimawandels zur Todesfalle zu werden, besonders wenn die Temperatur auch nachts nicht oder kaum unter 30 Grad Celsius sinkt.


Denn erstens kühlen die verdichteten Städte und damit selbst ältere, schlecht isolierte Einfamilienhäuser nicht mehr so aus wie früher. Zweitens wohnen immer mehr Menschen in modernen Wohnblocks oder Hochhäusern mit Betonwänden. Und die halten die Hitze und verwandeln Apartments in Glutöfen, wenn man die Klimaanlage nicht einschaltet.

Was Japan für die olympischen Sommerspiele 2020 plant

Das Land reagiert, besonders weil Tokio der Austragungsort der olympischen Sommerspiele 2020 ist. Die vorherigen Spiele in Japans Hauptstadt im Jahr 1964 wurden wegen der Sommerhitze wohlweislich in den Oktober gelegt.

Auch vier Jahre später in Mexiko wählten die Menschen den Herbst. Doch aus kommerziellen Gründen hielten es Japans Ministerpräsident Shinzo Abe und das olympische Komitee für eine gute Idee, auch dieses Mal die Sportler zwischen dem 24. Juli und 9. August ins Freie zu hetzen.

Die Vermarktung des Sportereignisses diktiert dies offenbar. Der Oktober ist besonders für US-TV-Sender weniger wert.

Nun macht Not bekanntlich erfinderisch, auch in Japan. Im Internet kursierte schon die Idee, Tokios 23 Stadtbezirke für die Dauer der Spiele mit einem riesigen Dach und tausenden von riesigen Klimaanlagen in eine große gekühlte Stadt zu verwandeln. In der Realität wird das Problem allerdings billiger gelöst.

Besonders Ausdauersportarten wie der Marathon sollen in den frühen Morgenstunden zwischen Sonnenaufgang und dem Höhepunkt der Rushhour starten, um der Mittagshitze aus dem Weg zu gehen. Ich frage mich, warum man nicht die gesamten Spiele bei Flutlicht beginnt und schon am Vormittag enden lässt. Besonders die amerikanischen TV-Stationen würden diese Idee mögen. Sie können diese Attraktionen dann am Nachmittag und Abend zur besten Sendezeit zeigen.