Japan baut seine Raketenabwehr aus


Nordkoreas Aufstieg zur Atommacht hat einen Nutznießer: die Rüstungsindustrie. Am Dienstag beschloss Japans Regierung, seine Raketenabwehr weiter aufzurüsten. Zusätzlich zur bisherigen zweistufigen Abwehr will das Land nun zwei landgestützte Aegis-Systeme vom amerikanischen Rüstungskonzern Lockheed Martin für jeweils mindestens 750 Millionen Euro stationieren.

Sie ergänzen die seegestützten Aegis-Systeme mit ihren Standard-Missile-3-Abfangraketen sowie und die mobilen PAC3-Batterien. Mit der Inbetriebnahme des neuen Systems will die Regierung dann einen Schutzschirm über die gesamte Inselgruppe spannen. Denn wegen der neuen Bedrohung aus Nordkorea müsse das Land „die Raketenabwehr grundlegend verbessern, um unser Land zu jeder Zeit und andauernd zu beschützen“, begründete die Regierung ihre Entscheidung.

So verständlich dieser Wunsch scheint, so umstritten ist die Raketenabwehr in Asien. Erst voriges Jahr bestrafte China den zweiten asiatischen US-Alliierten Südkorea mit einer Art Wirtschaftskrieg. Denn der kapitalistische Süden der geteilten koreanischen Nation hatte es trotz Protesten Chinas gewagt, als Schutz gegen Nordkoreas Raketen das amerikanische Abwehrsystem Thaad (Terminal High Altitude Area Defense) zu stationieren. China befürchtet, dass dessen Radar und Abfangraketen auch gegen die eigene Atomstreitmacht gerichtet werden könnte.


Japan drohen zwar für seinen Schritt keine chinesischen Lektionen. Auch westliche Militärexperten sehen im Ausbau der Raketenabwehr einen vernünftigen Schritt, da Japan in der Reichweite nordkoreanischer Raketen liegt. Die größere Sorge ist neben einem Krieg auf der koreanischen Halbinsel aber ein Rüstungswettlauf in der Region.

Entsprechende Anzeichen gibt es. China erhöht den Wehretat seit Jahren drastisch, um sich den Traum von einer modernen Supermacht zu erfüllen. Südkorea zieht langsam nach. Bei seinem Asien-Besuch rühmte sich US-Präsident Donald Trump, Milliardenaufträge für Amerikas Waffenschmieden ergattert zu haben. Und auch in Japan wird das Raketensystem nicht der letzte Auftrag bleiben.

Derzeit hält sich die Regierung an die selbst auferlegte Grenze, nur ein Prozent des Bruttoinlandprodukts für seine hochmoderne Truppen auszugeben. Doch Japans Ministerpräsident Shinzo Abe hat schon nach seinem Amtsantritt begonnen, angesichts wachsender Spannungen in den Beziehungen mit China die Ausgaben leicht zu erhöhen.

Mit Nordkoreas Raketen im Rücken plant er nun für 2018 mit 5,19 Billionen Yen (39 Milliarden Euro) den größten Verteidigungshaushalt seit dem zweiten Weltkrieg. Dies ist etwa 1,4 Prozent mehr als der ursprüngliche Wehretat für das laufende Jahr.


Nur ist dies vermutlich nicht das Ende der Aufrüstung. Denn Regierungschef Abe nutzt die reale Bedrohung aus Nordkorea, um Japans defensive Ausstattung zu überdenken. „Wir wollen entscheiden, welche Verteidigungsfähigkeiten wir wirklich benötigen, um unsere Bevölkerung zu schützen, anstatt einfach traditionelle auszubauen“, sagte Abe vergangene Woche bei der Nachrichtenagentur Kyodo.

Nach anfänglichem Zögern hat das Verteidigungsministerium beispielsweise Luft-Boden-Raketen mit großer Reichweite in den Etat mit aufgenommen. Sie könnten Japans Luftwaffe dazu dienen, nordkoreanische Raketenbasen anzugreifen. Dies wäre ein Bruch mit der bisherigen defensiven Verteidigungsdoktrin. Normalerweise werden nur Anschaffungen getätigt, die bei den Nachbarn keine Angst vor erneuten Angriffen aus Japan wecken sollen.

Aber nun will die Regierung Japans neue F-35-Stealth-Fighter mit Joint-Strike-Raketen des norwegischen Herstellers Kongsberg Defence & Aerospace bestücken. Und die haben eine Reichweite von immerhin 500 Kilometern. Außerdem überlegt das Verteidigungsministerium laut Medienberichten, ob sie auch Luft-Boden-Raketen von Lockheed Martin mit 1000 Kilometern Reichweite ins Arsenal mit aufnimmt.

Ein regelrechter Rüstungswettlauf ist dies zwar noch nicht. Dazu stockt Japan seinen Militärhaushalt nicht drastisch genug auf. Aber die Tendenz ist klar: Auch in Asien stehen die Zeichen auf Auf- und nicht mehr auf Abrüstung.