Janßen: Darum werde ich nicht mehr Co-Trainer unter Labbadia

Reinhard Franke

Olaf Janßen ist kein Typ, der Dinge mit halber Kraft angeht. Im Gegenteil. Der fünffache Vater brennt für seine Aufgaben.

Beim VfL Wolfsburg und zuletzt bei Hertha BSC war Janßen der Co-Trainer von Bruno Labbadia. Während die Zeit bei den Wölfen überaus erfolgreich war, endete das Engagement bei der Alten Dame nach nicht mal einem Jahr.

Doch Janßen schüttelte sich kurz und nahm bei Drittligist Viktoria Köln als Nachfolger des beurlaubten Cheftrainers Pavel Dotchev schnell eine neue Herausforderung an.

Im SPORT1-Interview spricht der 54-Jährige über die Zeit in Berlin, Labbadia und Herthas Investor Lars Windhorst.

SPORT1: Herr Janßen, Sie haben nur kurze Zeit nach Ihrem Aus bei Hertha BSC wieder einen neuen Job angenommen. Mussten Sie gar keinen Abstand gewinnen?

Olaf Janßen: Das kann man ja nicht planen. Nach dem Aus bei der Hertha hatte ich erstmal keinen Plan, wie es weitergeht, sondern wollte durchatmen und gewisse Dinge reflektieren. Zeitgleich wurde bei der Viktoria Pavel Dotchev beurlaubt. Das war der Grund, warum der Verein mich kontaktiert hat und mich nach einer grundsätzlichen Bereitschaft gefragt hat. Und nach einigen Tagen Bedenkzeit und Gesprächen habe ich schließlich zugesagt, weil ich den Verein auch schon kenne durch meine erste Zeit hier. Damals bin ich mit Bruno (Bruno Labbadia, d. Red.) nach Wolfsburg gegangen. Es ist nichts hängen geblieben, wie man jetzt sieht. Die Aufgabe, den Klassenerhalt zu schaffen, und die Perspektive im Klub sind extrem reizvoll.

Janßen: "Viktoria Köln ist kein Dorfverein"

SPORT1: Etwas spaßig gefragt: Sie sind vom so genannten "Big City Club" zum kleinen Höhenberger Dorfverein gewechselt. Ist es ein Kulturschock?

Janßen: Nein. Mein ganzes Leben war nach meiner Spielerkarriere davon geprägt, dass ich Dinge machen wollte, mit denen ich mich identifizieren kann. Ich wollte immer Aufgaben angehen, die mich reizen. Ein Beispiel: Ich habe meine Fußballlehrer-Lizenz absolviert und wollte als Trainer arbeiten. Kurz vor den Prüfungen kam die Anfrage von Rot-Weiss Essen, ob ich dort als Manager einsteigen will. Das habe ich gemacht, weil ich davon überzeugt war, dass dieses Projekt richtig ist. Daraus ableitend hat sich mein ganzes Leben bestimmt. Die Viktoria ist auch kein Dorfverein, sondern man ist dabei, sich extrem professionell aufzustellen und eine eigenständige Position in Köln einzunehmen.

SPORT1: Haben Sie vor, länger zu bleiben, oder muss man bei der Viktoria Angst haben, dass Sie wieder weg sind, wenn Herr Labbadia anruft?

Janßen: (lacht) Es geht erstmal nur um den Klassenerhalt. Und ich habe natürlich zuerst mit Bruno über meine Überlegungen mit der Viktoria gesprochen. Ich habe mich in unserer Zusammenarbeit immer sehr wohl gefühlt, hatte meine Position bei ihm, Bruno hat meine Arbeit und mich mehr als wertgeschätzt, und er ist menschlich herausragend. Am Ende sagte ich ihm, dass ich das Projekt Viktoria angehen möchte. Das beinhaltet dann natürlich, dass ich nicht mehr im Trainerteam vom Bruno sein werde.

Janßen nennt Gründe für das Aus in Berlin

SPORT1: Sie beide hatten sich die Zeit in Berlin sicher anders vorgestellt. Warum hat das mit Ihnen dort nicht funktioniert? (Die Tabelle der Bundesliga)

Janßen: Die Rahmenbedingungen waren bei unserem Start extrem schwierig. Corona, Abstiegskampf. Wir haben diese Herausforderung mit der Mannschaft hervorragend gemeistert und diese schwierige Situation zusammen angenommen. Es sollte ein personeller Umbruch in der Sommerpause stattfinden. Dieser konnte aus bekannten veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht stattfinden.

Es ist eine Mannschaft aus vielen Nationen, Sprachen und Kulturen. Und ab dem ersten Tag lag eine enorme Erwartungshaltung von außen und innen auf allen, dass man eigentlich zu den ersten sechs bis sieben Mannschaften der Bundesliga gehört, obwohl noch gar kein Spieltag in der jetzt laufenden Saison gespielt war.

Am Ende haben uns gefühlt zehn Punkte gefehlt. Wir haben es nicht geschafft, die Führungsspieler bedingungslos hinter unsere DNA zu bringen und dass diese für die Mannschaft durchs Feuer gehen, wo jeder seine eigenen Interessen hinter die der Mannschaft stellt und alles für den Erfolg tut.

Janßen: Das war der Unterschied zwischen Hertha und Wolfsburg

SPORT1: Aber mit Verlaub in Wolfsburg gab es auch verschiedene Nationalitäten im Team und da war der Erfolg da.

Janßen: Der Unterschied zwischen Wolfsburg und Hertha war der, dass es uns beim VfL gelungen ist, es aus einem kulturell wilden Haufen nach zweimaliger Relegation zu schaffen, die Führungsspieler hinter die DNA der Mannschaft zu stellen. In Wolfsburg waren die Spieler bereit es zu leben. In den vergangenen Wochen haben uns viele VfL-Spieler geschrieben und dies zeigt, dass sie es komplett angenommen haben und dafür auch eingestanden sind. Das zeigt auch, dass ein Trainerteam nie alleine funktionieren kann. Es ist immer ein Zusammenspiel zwischen beiden.

SPORT1: Nagt dieses Scheitern in Berlin sehr an Ihnen?

Janßen: Wir sind in unserem Trainerteam extrem erfolgshungrig. So ticken wir. Und natürlich ist es so, wenn man von diesem Erfolg beseelt ist, dass man nicht einfach sagt 'Okay, das hat nicht funktioniert, weiter geht‘s'. Es war eine Enttäuschung für uns alle.

SPORT1: Zerbricht die Hertha an diesem Anspruch des "Big-City-Club"?

Janßen: Das wünsche ich dem Klub nicht. Am Ende des Tages wird es darum gehen, diese Erwartungshaltung, die nicht weniger wird, jetzt in den Griff zu kriegen. Schaffen es die Jungs, sich als Mannschaft zu zeigen? Das ist nicht leichter geworden, sondern aufgrund der Konstellation eher schwieriger. Das wird eine Riesen-Herausforderung für alle Beteiligten. Aber ich wünsche es ihnen und Pál Dárdai natürlich, dass sie es am Ende schaffen werden. Sie schaffen das.

Janßens Urteil über Zusammenarbeit mit Preetz? "Herausragend"

SPORT1: Wie blicken Sie auf die Zusammenarbeit mit Michael Preetz zurück?

Janßen: Herausragend! Ich bin auch schon einige Tage unterwegs und kann sagen, dass ich selten einen Mann in dieser Funktion gesehen habe mit so viel Empathie für seine Mitarbeiter. Michael hatte einfach dieses Ziel, eine positive Zusammenarbeit auf seine Mitarbeiter auszustrahlen. Ich habe selten einen Klub erlebt, bei dem das auf dieser Ebene so harmonisch abläuft. Michael war hoch engagiert, war immer da für uns, vor allem auch in den zurückliegenden zehn, zwölf Wochen war er immer an der Seite des Trainerteams. Hertha BSC hat mit ihm einen absoluten Fachmann und besonderen Menschen verloren.

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SPORT1: Glauben Sie, dass Herr Preetz auch woanders funktionieren kann?

Janßen: Das ist keine Frage. Michael kann überall funktionieren. Er hat jahrzehntelange Erfahrung, das ist unbezahlbar. Wenn man 20 Jahre in einem Verein ist, dann muss man das erstmal loslassen können. Wenn er die Zeit hatte gewisse Dinge zu reflektieren und Lust auf etwas Neues hat, wird er für eine neue Aufgabe bereit sein, da bin ich mir ziemlich sicher. Und dann kann sich ein Klub glücklich schätzen, einen Mann in seinen Reihen zu haben, der so viel Erfahrung und Empathie mitbringt wie Michael.

SPORT1: Ist der Rucksack mit den Millionen von Investor Lars Windhorst dem Klub zu schwer?

Janßen: Das glaube ich nicht, weil die Strukturen und die Kompetenzen innerhalb des Vereins klar geregelt sind. Das wäre etwas anderes, wenn Herr Windhorst in der Geschäftsstelle sitzen und im Daily Business Entscheidungen treffen würde. Das ist nicht der Fall. Hertha ist dort top aufgestellt mit einem starken Investor im Rücken. Welcher Klub hat das gerade in dieser Zeit schon? In den Medien wird dieses Thema schon mal aufgekocht, aber hinter den Kulissen sind die Entscheidungswege klar.

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SPORT1: Mit Pál Dárdai geht die Hertha eigentlich wieder einen Schritt zurück. Wie kritisch sehen Sie es?

Janßen: Ich habe Pál kennengelernt, wir haben uns oft gesehen und nett miteinander gesprochen. Die Entscheidung der Verantwortlichen für Pál ist nachvollziehbar, denn die aktuelle Situation bedeutet brutalen Abstiegskampf. Jetzt großartig zu träumen, wäre komplett falsch. Also braucht Hertha einen Trainer, der die Mannschaft und das Umfeld kennt, in der Lage ist und dies auch schon bewiesen hat, dass er einem Team unter dieser Drucksituation Stabilität geben kann. Bei einem neuen Trainer hätte man viele Fragezeichen. Man war sich bei Pál sicher, was man kriegt. Aus meiner Sicht eine gute Entscheidung.

SPORT1: Sie haben fünf Kinder. Wie glücklich sind Sie jetzt wieder bei Ihrer Familie sein zu können?

Janßen: Als Trainer ist man ein Vagabund und ich bin jetzt seit über 15 Jahren unterwegs und das war immer eine große Herausforderung für uns alle. Jetzt kann ich meine Lieben wieder regelmäßig sehen, das fühlt sich an wie ein Geschenk. Ich hoffe, dass es sich in den nächsten Wochen nicht so entwickelt, dass die Kinder sagen 'Jetzt ist er jeden Tag hier, das ist auch komisch'. Aber das glaube ich mal nicht. (lacht)