Wie Ancelotti Bayerns Taktik mit James neu erfinden kann

von Stefan Moser und Steffen Bohleber

Er habe keine taktische Revolution vor, hatte Carlo Ancelotti am 11. Juli 2016 auf seiner ersten Pressekonferenz in München angekündigt.

Das ist nun fast auf den Tag genau ein Jahr her. Ein paar Freiheiten mehr, ein bisschen weniger Ballbesitz, die Außenverteidiger etwas nach vorne; ansonsten hat der Italiener das System Guardiola - ein 4-3-3, das auch zum 4-2-3-1 werden kann, tatsächlich weitgehend beibehalten.

Systemänderung mit James?

Das könnte sich durch die Verpflichtung von James Rodriguez nun schlagartig ändern.

"Er ist ein fantastischer, offensiver Mittelfeldspieler, wir werden die beste Position für ihn finden und damit besser werden", sagte Ancelotti bei der Vorstellung von James.


Und der Spieler selbst betonte seine Flexibilität. Er könne "rechts, links und auf der Zehn spielen".

Der bei Real Madrid nicht mehr gewollte Kolumbianer kann tatsächlich auf den Flügeln agieren, ist aber dann am effektivsten, wenn er als Nummer Zehn hinter den Spitzen wirken darf.

Und damit verkörpert er genau jenen Spielertypen, der Ancelotti zu seiner Zeit beim AC Mailand die erfolgreichste Phase seiner Karriere beschert hat: den Zentrumsspieler.

Geballte Power im Zentrum

2003 und 2007 gewann Milan unter der Regie des heutigen Bayern-Coaches die Champions League - ohne die offensiven Flügel im Mittelfeld zu besetzen. 2005 erreichte er mit demselben System das Finale.

Andrea Pirlo, Rui Costa, Gennaro Gattuso, Clarence Seedorf, Massimo Ambrosini und Kaka stehen in allen drei Endspielen auf dem Platz. Fünf Mittelfeldspieler - keiner von ihnen ist Flügelspieler im herkömmlichen Sinne.


Alles konzentrierte sich damals auf technisch versiertes, kontrolliertes und vor allem ruhiges Aufbauspiel aus der Mitte, mit Gattuso als Abräumer vor der Abwehr.

Bayern-Kader erinnert an das alte Milan

Exakt dieselben Voraussetzungen sind nun, zehn Jahre nach Milans letztem Endspielsieg, auch in München gegeben. James Rodriguez, Corentin Tolisso und Sebastian Rudy sind drei Neuzugänge, deren Stärken im Aufbau aus dem zentralen Mittelfeld liegen.

Dazu kommen Thiago, Renato Sanches (sofern er nicht doch noch verliehen wird) und - in der Gattuso-Rolle - Arturo Vidal (oder Javi Martinez).


Braucht der FC Bayern bei so viel geballter Power im Zentrum überhaupt noch offensive Flügelspieler? In Mailand übernahmen diese Rolle damals - zeitweise und wohldosiert - die Außenverteidiger. Mit David Alaba und Joshua Kimmich hat Ancelotti auch dafür die richtigen Spieler im Kader.


Robben und Ribery als Opfer?

Die Zeit ihrer Vordermänner - Arjen Robben und Franck Ribery - läuft dagegen ab: Beide Superstars sind inzwischen weit über dreißig, sehr verletzungsanfällig und gehen womöglich in ihr letztes Jahr bei den Bayern.

Kingsley Coman wirkt noch nicht reif genug, Neuzugang Serge Gnabry wird verliehen und Thomas Müller ist auf der Außenbahn nur ein Notbehelf.


Zeit, sich etwas einfallen zu lassen. Wenn die Flügel zu lahmen beginnen, muss der restliche Korpus umso intensiver gepflegt werden. Gerade wenn Ribery und Robben eine Pause brauchen, bietet sich das Milan-System an.

Ancelotti der richtige Mann für Verjüngungskur?

Ancelotti haftet der Ruf eines Verwalters ohne Hang zu großen Veränderungen an. Mit der Rückkehr zu seiner alten Philosophie könnte er den Bayern nun aber seinen Stempel aufdrücken. Und spätestens seit dem James-Transfer hat er die passenden Spieler dazu.


Es wäre für Ancelotti ein Wagnis, in einem wichtigen Spiel die heiligen Kühe Ribery und Robben zu Gunsten seiner Idee zu opfern.

Aber es wäre ein Wagnis, das sich lohnen könnte: Hat er Erfolg, wäre es der erneute Beweis für das, was ihm von Kritikern immer wieder abgesprochen wird - dass er Welttrainer mit Weitsicht ist.