Jamaika braucht Trittins Segen

Nach einigem Gezerre ist klar: Jürgen Trittin, der Führer des linken Grünen-Flügels, wird doch dabei sein bei den Gesprächen über eine mögliche Koalition. Klar ist auch, dass er Jamaika verhindern kann – wenn er will.


Noch im August lehnte sich die grüne Spitzenkandidatin Katrin Göring Eckardt weit aus dem Fenster: „Herr Trittin wird in möglichen Koalitionsverhandlungen keine Rolle spielen“, sagte sie damals. Viele ihrer Parteifreunde vom Realo-Flügel hielten das schon im Sommer für gewagt, seit dem Wahlabend lief dann der parteiinterne Kampf um diese Personalie.

Was die Vorgespräche angeht ist nun allerdings klar, dass sich Göring-Eckardt verkalkuliert hat: Neben ihr und Cem Özdemir, Parteichefin Simone Peter und Fraktionschef Toni Hofreiter sowie Bundesgeschäftsführer Michael Kellner und Fraktionsgeschäftsführerin Britta Haßelmann werden auf Realo-Seite der schwäbische Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei den Sondierungsgesprächen mitverhandeln – und für die linken Grünen selbstverständlich auch Jürgen Trittin.

Denn der hat nicht nur immensen Einfluss auf „seinen“ linken Flügel, sondern als Einziger auch jede Menge Regierungs- und Verhandlungserfahrung und sei außerdem „ein verdammt schlauer Kopf“, sagen auch Realos anerkennend. Dazu kommen noch einige jüngere Parteimitglieder, so dass die insgesamt 14-köpfige Sondierungstruppe exakt halbe-halbe auf Realos und Linke aufgeteilt ist.  


Die Grünen seien geschlossen durch den Wahlkampf gekommen, das müsse sich jetzt auch in der Sondierung widerspiegeln, meint ein Bundestagsabgeordneter vom linken Flügel. Er warnt zugleich, das Gleichgewicht in der Sondierungsrunde noch einmal zu verschieben, wenn die Teams – etwa auf Verlangen Merkels – noch schrumpfen sollten. „Dann wäre eine Sondierung nichts wert.“

Unklar ist aber, ob die linken Grünen wirklich mitziehen bei den von allen versprochenen „ernsthaften Gesprächen“ – deshalb wollte Göring-Eckardt Trittin ja nicht dabei haben. Denn „Jürgen Trittins Verhinderungspotenzial ist nach wie vor enorm“, stöhnte ein führender Realo schon am Wahlabend. Selbst linke Grüne rätseln wieder einmal, was den früheren Parteichef, Minister und Fraktionschef Trittin umtreibt. Ansehen könne man es ihm – ähnlich wie bei Joschka Fischer, Reinhard Bütikofer und Fritz Kuhn – nie, so erzählt ein Grüner. Trittin, so heißt es, fürchte ernsthaft um die Existenz der Grünen – und zwar sowohl in einer Jamaika-Koalition als auch in der Opposition.  


Die Basis, vor allem die vielen jungen Mitglieder, und auch Nachwuchs-Abgeordnete wollen indes auf jeden Fall regieren. Das hört man auf beiden Flügelseiten. „Dafür sind wir schließlich gewählt worden“, heißt es. Auch dem linken Flügel ist klar: Selbst in einer Jamaika-Koalition, in der sie vermutlich zu mehr Kompromissen bereit sein müssen als einst bei Rot-Grün, können sie mehr grüne Inhalte durchsetzen als in der Opposition: „Das ist es ja, was uns antreibt“, sagt eine linke Grünen-Bundestagsabgeordnete. „Dabei geht es aber nicht nur um Klimaschutz: Grünen-Positionen müssen sich in der ganzen Themenbreite wiederfinden“, fordert Christian Kühn, Sprecher für Bau- und Wohnungspolitik der Grünen-Bundestagsfraktion.


Ministerämter erhoffen sich die Grünen drei an der Zahl

Am Ende aber wird ein Parteitag Jamaika absegnen müssen – so das Experiment überhaupt zustande kommt. Und „unsere Parteitage sind noch immer viel stärker vom alten Flügeldenken geprägt als die Partei als Ganzes“, erklärt ein süddeutscher Spitzengrüner, der lange dabei ist. „Entsprechend überproportional stark vertreten sind dort auch diejenigen, die Jamaika auf jeden Fall extrem skeptisch sehen.“ So hat nach Teilnehmerberichten beispielsweise die linke Fraktionsvize Katja Dörner, die ebenfalls Mitglied der Verhandlungsrunde wird, beim Parteirat am Tag nach der Wahl unter Protest den Saal verlassen: Es sei ein Unding, an Jamaika überhaupt zu denken, habe sie sinngemäß gesagt.

Das alles zeigt, „ohne den Segen von Trittin wird kein Parteitag Jamaika absegnen“, sind die Realos überzeugt. Der linke Fraktionschef Anton Hofreiter sei zwar inzwischen auch sehr einflussreich, aber gegen Trittin könne auch er nicht genügend Linke für ein solch riskantes Projekt gewinnen, heißt es in der Fraktion. Umso wichtiger sei es, den Spiritus Rektor der Linken auf jeden Fall einzubinden, schon damit er nicht zu Störfeuern verführt sei.  


Entscheidend werde daher am Ende womöglich sein, welche Aussichten sich Trittin ganz persönlich bieten. „Nach dem Motto: Wenn wir schon untergehen, kann Jürgen auch noch vier Jahre Minister werden“, lästert ein Realo-Abgeordneter, „oder ein anderes attraktives Amt übernehmen“.

Und Ministerämter erhoffen sich die Grünen drei an der Zahl. Cem Özdemir hat dazu bisher nur „das Amt kommt zum Mann“ gesagt und damit zugleich Erwin Teufel und Winfried Kretschmann zitiert. Göring-Eckardt hingegen hat deutlich gemacht, dass sie sich den Wechsel ins Kabinett auf jeden Fall offen halten will – auch deshalb werden die Grünen vorerst nur die alte Fraktionsspitze aus ihr und Hofreiter kommissarisch zur neuen Fraktionsspitze wählen. Denn bis eine Regierung steht, kann es noch sehr lange dauern.