Jahrelang wuchs der chinesische Versicherungskonzern Anbang – auch aufgrund dubioser Finanzprodukte. Nun schreitet Peking hart ein.


Chinas Behörden greifen beim angeschlagenen Versicherungsriesen Anbang durch: Wie die staatliche Versicherungsaufsicht CIRC am Freitag mitteilte, wird die Behörde für mindestens ein Jahr die Kontrolle beim drittgrößten Versicherer des Landes übernehmen. Zudem werde gegen den im vergangenen Sommer abgetretenen Firmenchef Wu Xiaohui wegen des Verdachts auf „Wirtschaftsverbrechen“ ermittelt.

Bei der Maßnahme handele es sich nicht um eine Verstaatlichung. Die Übernahme der Geschäftsführung soll laut CIRC sicherstellen, dass Kunden vor „rechtswidrigen Praktiken“ geschützt werden. Anbang habe möglicherweise gegen Regeln verstoßen, die die Zahlungsfähigkeit des Konzerns und Rückzahlung von Schulden gefährden könnten.
Wu Xiaohui werde beschuldigt, die „Gelder anderer“ genommen und „unsachgemäß“ verwendet zu haben, teilte die Staatsanwaltschaft in Shanghai mit.


Für den Wirtschaftsexperten Max Zenglein vom Berliner China-Think-Tank Merics ist diese Meldung und die Vorgehensweise CIRCs „nicht überraschend“. Wu sei schon seit Juni nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetaucht, und das Unternehmen musste bekanntgeben, dass er „seinen Pflichten nicht mehr nachkommen kann“. In den Treffen zwischen der Firma und CIRC, in denen man nach Problemlösungen suchte, so berichtet die Zeitung „Financial Times“, wurde der ehemalige Vorsitzende nur noch mit „der Kriminelle Wu“ tituliert.

„Ich gehe nicht davon aus, dass Anbang demnächst ein staatliches Unternehmen wird“, sagt Zenglein. Die Regierung wolle den Anlegern mit dieser Aktion signalisieren, dass ihr Geld sicher sei und keine Panik ausbrechen müsse. Guo Zenhua, der an der Shanghai University of International Business and Economics lehrt, pflichtet ihm bei und verweist darauf, dass die CIRC in ihrer Mitteilung ausdrücklich betont hatte, Anbang solle privat bleiben.

Eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der Aufsichtsbehörden und der Zentralbank solle für ein Jahr alle Geschäftsbereiche außer der traditionellen Versicherung übernehmen und dafür sorgen, dass „soziales Kapital von hoher Qualität eingeführt und die Besitzgeflechte restrukturiert werden, sodass das Unternehmen als privat belassen werden kann“.

Die Anbang-Gruppe, die 2004 in der ostchinesischen Stadt Ningbo als Autoversicherer gegründet wurde, ist vor allem in den letzten Jahren rasant gewachsen. Sammelte das Unternehmen 2013 noch 3,5 Milliarden Euro an Prämien ein, waren es 2016 schon ganze 65 Milliarden Euro.

Als besonders dubios galten die von Anbang vertriebenen „Universal Life Insurances“, die als Versicherungen mit garantiert zweistelligen Zinsen vermarktet wurden, aber tatsächlich Graumarkt-Finanzprodukte waren. Fast die Hälfte des von Anbang verwalteten 300-Milliarden-Dollar-Vermögens gilt als hochriskant investiert. Letzten Sommer wurde dem Unternehmen dann der Verkauf von „Universal Life Insurance“ verboten. Ende des Jahres kehrten die Angebot stark abgeändert und reguliert auf den Markt zurück.

Schon seit letztem Frühjahr steht Anbang wegen seiner undurchsichtigen Finanzen und Firmenstruktur in der Kritik. So zweifelt Guo daran, ob der Vermögenswert von 300 Milliarden Dollar glaubwürdig ist. „Anbang hat das Geld, das sie durch Versicherungen eingenommen haben, in andere Firmen investiert, die es wiederum in das nächste Unternehmen investiert haben und so weiter, bis es irgendwann wieder bei Anbang ankam. Und so wurde aus Schulden plötzlich Kapital.“

Auch der Zeitpunkt der Mitteilung deutet darauf hin, dass der Fall Anbang eine Signalwirkung haben soll. In weniger als zwei Wochen beginnt der Nationale Volkskongress, auf dem die chinesische Regierung ihre Arbeit vom Vorjahr bewertet und die Ziele fürs nächste Jahr ausgibt. Zenglein geht dann davon aus, dass Staatspräsident Xi Jinping dort die Wahrung der Finanzstabilität und eine stärkere Regulierung von systemischen Risikofaktoren als Priorität hervorheben wird. Zuvor möchte man an Anbang demnach ein Exempel statuieren: „Wer die Grenzen überschreitet, wird persönlich haftbar gemacht. Und die Regierung wird in brenzligen Situationen das Ruder übernehmen.“

Letzten Juni hatte die Regierung Anbang gemeinsam mit dem Immobilienriesen Wanda und den beiden Mischkonzernen Fosun und HNA wegen „irrationaler Investments“ kritisiert. Alle vier Unternehmen waren durch ihre Einkaufstouren im Ausland aufgefallen. Seit 2014 gab Anbang insgesamt über 15 Milliarden Dollar für Übernahmen aus, darunter auch 1,9 Milliarden Dollar für das legendäre Waldorf Astoria Hotel in New York.


Über Monate verhandelte der Konzern mit der Familie von Jared Kushner, dem Schwiegersohn des US-Präsidenten, über den Kauf einer New Yorker Immobilie an der Fifth Avenue. Er musste abgeblasen werden, nachdem Kritiker auf Interessenskonflikte verwiesen hatten. Zwischenzeitlich galt der chinesische Konzern auch als Interessent für die deutsche HSH Nordbank.

Eigentlich sind Versicherungen in China angewiesen, höchstens 15 Prozent des angelegten Geldes im Ausland zu investieren. Doch das bekannte chinesische Wirtschaftsmagazin „Caixin“ berichtete vor Monaten, dass der Konzern Versicherungsprämien seiner Kunden illegal für Zukäufe im Ausland genutzt habe. Eine Anschuldigung, die Anbang zurückwies.

Lange schaute die Regierung in Peking den Kauforgien chinesischer Konzerne im Ausland bereitwillig zu und pumpte in einigen Fällen über die Staatsbanken sogar neue Milliarden nach. Doch damit ist nun Schluss. Peking will, dass sich die heimischen Firmen bei Übernahmen auf ausländische Hochtechnologie konzentrieren, womit die industrielle Modernisierung des Landes vorangetrieben werden soll. Konzernen, die sich in erster Linie für Immobilien und Finanzbeteiligungen interessieren, wird dagegen rigoros der Geldhahn abgedreht. Auch die zuvor oft laschen Kontrollen der Finanzaufsicht wurden deutlich verschärft.