Das Jahr des Vollzugs


Die Kreation neuer Verbindungen – für die Chemieindustrie ist das in diesen Tagen nicht nur im Labor ein Thema, sondern auch an den Konferenztischen in den Konzernzentralen. Denn die jüngste Welle an Übernahmen und Fusionen (M & A), die vor gut zwei Jahren startete, setzt sich weiter fort und dürfte auch im neuen Jahr das Geschehen in der chemischen Industrie intensiv prägen.

Allerdings hat sich das Gewicht inzwischen etwas verlagert. So ist das Volumen an neuen Deals 2017 im Vergleich zu den beiden Vorjahren deutlich zurückgegangen. Nach Daten des Beratungsunternehmens PWC lag der Wert der neuen Transaktionen in den ersten drei Quartalen des Jahres mit 43 Milliarden Dollar rund 70 Prozent unter dem von mehreren Mega-Deals geprägten Vorjahresniveau.


Die Zahl der neu vereinbarten Transaktionen sank danach um 16 Prozent. Doch könnte man 2017 auch als Jahr des Vollzugs bezeichnen. So beendeten im August die US-Chemieriesen Dow Chemical und Dupont ihren schon Ende 2015 vereinbarten Zusammenschluss zum neuen Chemiekonzern DowDupont. Der ist mit etwa 73 Milliarden Dollar Umsatz und derzeit 166 Milliarden Dollar Börsenwert nun der größte Chemiekonzern der Welt vor BASF, soll aber schon bald wieder in drei Einheiten aufgespalten werden.

Die Vollendung des Dow-Dupont-Megadeals und der Vollzug weiterer großer Transaktionen markiert aus Sicht der PWC-Chemiespezialisten Vijay Sarathy und Craig Kocak „das Ende der ersten Phase der Transformation der Chemieindustrie.“ Künftig wird sich die Aktivität nach ihrer Erwartung stärker auf Desinvestitionen und Spinn-offs verlagern. Diese würden im Zuge der Großfusionen nötig, heißt es. Auch diese Aktionen dürften weitere M & A-Aktivität auslösen.

Mit der zweiten großen Vollzugsmeldung des Jahres konnte der chinesische Konzern Chemchina aufwarten. Er verleibte sich Ende Juni für rund 43 Milliarden Dollar den Schweizer Agrochemie-Spezialisten Syngenta ein und hat damit zumindest vorrübergehend eine führende Position in der Agrochemie-Branche eingenommen.


Trend zur Fokussierung

Auch die deutschen Chemiefirmen haben 2017 einige Deals in die Tat umgesetzt. Die Essener Evonik verstärkte sich Anfang des Jahres mit dem 3,8 Milliarden Dollar teuren Additiv-Geschäft des US-Konzerns Air Products. Lanxess schluckte im April für 2,4 Milliarden Dollar die US-Firma Chemtura, einen Spezialisten für Flammschutzmittel und Schmierstoff-Zusätze.


Im neuen Jahr wird sich die Neuordnung der Chemie wohl mit ähnlichem Tempo fortsetzen. Denn es steht der Vollzug weiterer, bereits fest vereinbarter Megadeals an: So hofft Bayer im ersten Quartal die geplante und mehr als 60 Milliarden Dollar teure Übernahme des Saatgut-Konzerns Monsanto zu vollziehen.

Vor der Vollendung steht auch die Fusion der Industriegas-Konzerne Linde und Praxair. Sie hat jüngst eine maßgebliche Hürde genommen, nachdem mehr als 90 Prozent der Linde-Aktionäre das Umtauschangebot für die Aktien des neuen, fusionierten Unternehmens angenommen haben. Ebenso wie im Falle von Bayer und Monsanto steht auch hier im Grunde nur noch die kartellrechtliche Genehmigung aus. Ein weiterer größerer Deal könnte sich aus dem geplanten Verkauf der Chemiesparte des niederländischen Farben-Konzerns Akzo Nobel ergeben.

Fast durchweg werden die Übernahmen in der Chemie von der Strategie getrieben, Technologie und Marktpositionen in bestimmten Teilsegmenten des Geschäfts zu stärken. Selbst im Falle von Dow und Dupont ging es nicht um Größe an sich. Die beiden US-Konzerne haben sich vielmehr zusammengeschlossen, um in einem zweiten Schritt drei eigenständige, stärker fokussierte Firmen zu schaffen – für Kunststoffe und Materialien (die geplante neue Firma Dow), Agrochemie und Saatgut (Dupont) und für Spezialchemikalien (künftiger Name noch nicht bekannt).

Auch bei den deutschen Chemiekonzernen wird dieser Trend sichtbar. Lanxess etwa stärkt mit Chemtura und weiteren kleineren Zukäufen das Engagement in der Spezialchemie, wird sich im Gegenzug aber voraussichtlich komplett aus dem Kautschukgeschäft verabschieden. Bereits vor zwei Jahren gab der Kölner Konzern seine Kautschuk-Tochter Arlanxeo zur Hälfte an den saudischen Ölkonzern Aramco ab.


Die einzigen Chemiefirmen, die auf eine Verbreiterung ihres Spektrums setzten, sind dagegen am Widerstand aktivistischer Investoren gescheitert. Die Schweizer Clariant und der US-Konzern Huntsman mussten ihre geplante Fusion ein halbes Jahr nach Vertragsunterzeichnung wieder absagen. Der opponierende Investor White Tale hatte 20 Prozent aufgebaut und damit Chancen, den Zusammenschluss in der Generalversammlung von Clariant zu blockieren.

Selbst der breit diversifizierte Riese BASF setzt auf eine etwas stärkere Fokussierung und bereitet jetzt einen Rückzug aus dem Öl- und Gasgeschäft vor. Die Tochter Wintershall, die das Geschäft betreibt soll dazu zunächst mit Dea fusioniert und anschließend an die Börse gebracht werden. Im Gegenzug will der Ludwigshafener Konzern nicht nur sein Engagement in der Oberflächenbehandlung ausbauen, sondern er kauft auch im Kunststoffbereich und der Agrochemie zu.



Rückhalt für aktivistische Investoren

Für den Trend zur Fokussierung spricht etwa eine Analyse des Beratungsunternehmens Boston Consulting Group (BCG). Demzufolge haben so genannte fokussierte Spezialchemieunternehmen in den vergangenen fünf Jahren deutlich mehr Wert für ihre Anteilseigner durch Kurssteigerungen und Dividenden geschaffen als breiter diversifizierte Konkurrenten.


Unter den Chemiefirmen mit mindestens 7,5 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung belegten fokussierte Spezialisten acht der zehn Spitzenplätze im Ranking von BCG, angeführt vom japanischen Farbenhersteller Nippon Paint mit rund 45 Prozent Rendite pro Jahr im Zeitraum 2012 bis 2016. Von den breiter diversifizierten „Multi-Spezialchemiefirmen“, zu denen BCG etwa auch BASF und Lanxess zählt, schaffte es dagegen keine in die Spitzengruppe.

Solche Analysen geben aktivistischen Investoren, wie sie unter anderem bei Dow, Dupont, Akzo oder Clariant aktiv geworden waren oder sind, zusätzlichen Rückhalt. Ihre Aktionen dürften die Neuordnung der Chemie auch in den nächsten Jahren mit vorantreiben. Aber auch unabhängig von solchen Investoren bleibt der Anreiz für Chemiefirmen hoch, ihre Position in spezifischen Feldern zu stärken.

Zu den interessantesten Transaktionen des neuen Jahres dürfte der Verkauf der Akzo-Chemiesparte gehören, für sich unter anderem auch ein Konsortium aus dem US-Finanzinvestor Apollo und der Kölner Lanxess interessiert. Die Geschäfte mit zusammen knapp fünf Milliarden Euro Umsatz dürften für schätzungsweise zehn Milliarden Euro den Besitzer wechseln. Für Lanxess wäre unter anderem das Geschäft von Akzo mit oberflächenaktiven Substanzen, etwa für Kosmetika und Wasserbehandlung, sowie der Bereich Kunststoffadditive interessant.

Intensive Blicke dürften sich weiterhin auch auf Clariant richten, nachdem deren Fusion mit Huntsman gescheitert ist. Chemieexperte Markus Mayer von der Baaderbank betrachtet den Schweizer Spezialchemie-Konzern nun sogar als „Übernahmeziel Nummer Eins“ in Europa. Als potenzieller Interessent, zumindest für Teile des Clariant-Geschäfts, wird dabei auch die Essener Evonik gehandelt.



Spannend bleibt zudem die Frage, ob es einen neuen Anlauf zur Übernahme des US-Farbenherstellers Axalta geben wird. Für das vor einigen Jahren aus Dupont ausgegliederte Unternehmen hatten sich sowohl Akzo als auch die japanische Nippon Paints interessiert. Beide wurden im ersten Anlauf jedoch von Axalta zurückgewiesen.

Bei BASF steht unterdessen die bereits vereinbarte Übernahme von Teilen des Bayer- Saatgut und –Pflanzenschutzgeschäfts auf dem Plan. Mit der 5,9 Milliarden Euro Transaktion, der größten Akquisition in der BASF-Geschichte, hofft der Ludwigshafener Konzern sein Agrochemiegeschäft deutlich zu verstärken und Anschluss zu halten an das künftige Spitzentrio Bayer, Chemchina/Syngenta und DowDupont.

Allerdings steht dieser Deal unter dem Vorbehalt, dass die Übernahme von Monsanto durch Bayer tatsächlich vollzogen wird. Bayer hat den Verkauf ausschließlich aus kartellrechtlichen Gründen beschlossen, das heißt um Bedenken im Hinblick auf eine zu große Marktmacht aus dem Weg zu räumen.



Die Hürden des Kartellrechts

Wie weit der Umbau der Chemiebranche noch voranschreiten wird, dürfte im wesentlichen von zwei Faktoren abhängen: den Bewertungen in der Branche und der kartellrechtlichen Situation. Was den ersten Faktor angeht, steht den Zusammenschlüssen wenig im Wege. Die Preise für Chemiefirmen sind im Zuge der Übernahmewelle in den letzten Jahren zwar gestiegen.


Gleichzeitig hat sich aber auch die Profitabilität der Branche verbessert. Die Margen profitierten dabei tendenziell von der Konzentration in Teilbereichen. Zudem entwickelt sich die Chemiekonjunktur weiterhin sehr gut. Etliche Unternehmen haben in den letzten Monaten ihre Ertragsprognosen angehoben. Auch Chemieverbände wie VCI und Cefic schlagen deutlich optimistischere Töne an als noch zu Beginn des Jahres.

Gleichzeitig bleibt die Finanzierungssituation für potenzielle Käufer günstig. „Das Interesse (an Deals) ist weiterhin hoch, sowohl bei industriellen Akteuren als auch Finanzinvestoren“, berichtet der Fachinformationsdienst Icis unter Berufung auf eine Umfrage unter Investmentbankern.

Zumindest in Teilbereichen der Chemie könnte die Konsolidierungswelle indessen nach und nach auf kartellrechtliche Hürden treffen. Als relativ ausgereizt gilt inzwischen etwa die Konzentration im Industriegase-Geschäft sowie im Pflanzenschutz- und Saatgutbereich. Dort halten nach den jüngsten übernahmen die führenden Anbieter inzwischen mehr als 80 Prozent bzw. mehr als 60 Prozent des Marktes. Weitere große Deals erscheinen hier aufgrund kartellrechtlicher Hürden kaum noch möglich.


In vielen anderen Segmenten der Chemie, etwa im Bereich Feinchemikalien, Farben, Klebstoffen, Elektronikchemikalien sowie bei vielen Kunststoffen, ist die Branche noch deutlich stärker fragmentiert. „Insgesamt erwarten wir daher in zehn bis zwölf Subsegmenten der Performance-Chemie eine größere Konsolidierung in den nächsten fünf bis zehn Jahren“, heißt es etwa in einer Analyse der Valence Group, einer auf Chemie spezialisierten US-Investmentbank.

Auch die PWC-Experten sehen weiter Bewegung in der Branche. Kurzfristig seien Wachstum durch Akquisitionen und der Portfolioumbau durch Spin-offs und Desinvestitionen weiter ein attraktiver Weg zur Ertragssteigerung. Zusätzliche Deal-Aktivität könne mittelfristig die US-Steuerreform und das Zurückholen von im Ausland geparkten Gewinnen in die USA erzeugen. Alles in allem spricht damit vieles dafür, dass das große Umsortieren in der Chemie vorerst weitergehen wird.