Ein Jahr nach dem Kapitolsturm: "An diesem Tag wurde die Demokratie fast überrollt"

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Filmemacher Jamie Roberts zeigt die Geschehnisse vom 6. Januar 2021 auch aus Perspektive der Trump-Anhhänger.
 (Bild:  SWR/ABQ)
Filmemacher Jamie Roberts zeigt die Geschehnisse vom 6. Januar 2021 auch aus Perspektive der Trump-Anhhänger. (Bild: SWR/ABQ)

Vor einem Jahr blickte die Welt nach Washington: Ein Mob stürmte am 6. Januar 2021 das Kapitol, es folgte eine Orgie der Gewalt. Wie es dazu kommen konnte, zeigt heute Abend eine mitreißende Doku im Ersten. "An diesem Tag wurde die Demokratie fast überrollt", urteilt Filmemacher Jamie Roberts.

Vor genau einem Jahr schien die US-Demokratie kurzzeitig in ihren Grundfesten bedroht. Ein Mob aus teils bewaffneten Anhängern Donald Trumps stürmte das US-Kapitol, in der Folge kam es zu einer Orgie der Gewalt, die fünf Menschen das Leben kostete und Dutzende verletzte. Zuvor hatte der Noch-Präsident, der seine Niederlage gegen Joe Biden nicht eingestehen wollte, in einer Rede von einer "gestohlenen Wahl" gesprochen. Zum Jahrestag zeigt das Erste nun in der Dokumentation "Sturm auf das Kapitol. Der Angriff auf die US-Demokratie" (Donnerstag, 6. Januar, 22.15 Uhr), was während der schockierenden vier Stunden am Capitol Hill geschah. In dem von SWR, HBO und BBC gemeinsam produzierten Film rekonstruiert Filmemacher und Autor Jamie Roberts die Ereignisse minutiös.

Es sind beeindruckende Bilder, die den Zuschauer von Beginn an mitreißen: "Als wir das Material sichteten, wurde sofort offensichtlich, dass es eine dramatische Geschichte werden würde. Ein bisschen wie ein Actionfilm", so der britische Regisseur gegenüber der Nachrichtenagentur teleschau. Vor einem Jahr habe es am Capitol Hill "eine Menge erschreckende Momente" gegeben - "und die wollten wir mit möglichst großem Verantwortungsbewusstsein rekapitulieren". Atemberaubende Bilder zeigen bis ins Detail, wer sich am Sturm beteiligte, die Trump-Anhänger scheinen auf Anonymität im Netz wenig Wert zu legen - manche streamten den Angriff gar online live. Man sieht Anhänger der rechtsextremen Organisation "Proud Boys", Verschwörungstheoretiker von QAnon, wild Kostümierte.

Roberts interviewte für seinen Film nicht nur Polizisten, Politiker und Journalisten - auch gelang es ihm einige der am Sturm Beteiligten vor die Kamera zu kriegen: "Wir wollten diese Stimmen unbedingt einbeziehen", so der Filmemacher. Sie seien der Grund gewesen, "weshalb das alles passierte. Sie standen an vorderster Front, sie zerschlugen die Scheiben. Und wir wollten wissen, warum sie das taten. Warum sie dort waren, herausgeputzt in schicken Kostümen, und warum sie so viel Gewalt ausübten, vor allem gegenüber Polizisten". Man habe verstehen wollen, "was in den Herzen und Köpfen dieser Leute vorging".

Eugene Goodman von der US-Kapitol-Polizei hielt eine Gruppe von Demonstranten zurück.
 (Bild: SWR/Ashley Gilbertson)
Eugene Goodman von der US-Kapitol-Polizei hielt eine Gruppe von Demonstranten zurück. (Bild: SWR/Ashley Gilbertson)

"Zweifellos hat Trump diese Massen motiviert"

Manche der Trump-Anhänger berichten aus einer bisweilen erschreckend naiven Perspektive von ihrer Motivation, andere treten mit einer klaren Agenda auf: Viele der Interviewten mit rechten Überzeugungen hätten "offensichtlich Lügen" und "lächerliche Verschwörungstheorien" verbreitet, so Roberts im Interview mit der teleschau. Manche hätten sich auch Geschichten ausgedacht, "weil sie glaubten, ihre Storys könnten ihnen in ihren Gerichtsprozessen helfen". Roberts stellt klar: "Das machten wir nicht mit. Es ging nicht um ein Hin-und-Her oder darum, mit jemandem über ihre Ansicht von Wahrheit zu streiten".

Vielmehr setzt der Regisseur auf die faktische Macht der Bilder. Gerade die Aufnahmen aus dem Inneren des Gebäudes verdeutlichen, wie wahrscheinlich ein großes Blutbad an jenem Tag hätte sein können - und wie nah die Bedrohung für die Abgeordneten war, die sich im Kongress verstecken mussten, bevor sie in geheime Escaperooms fliehen konnten. "An diesem Tag wurde die Demokratie fast überrollt", so das Urteil des Filmemachers ein Jahr danach. Zwar sei der Wahlprozess nur um einige Stunden verschoben worden - "aber es hätte viel passieren können". Der Kapitolsturm habe gezeigt, "dass Demokratie nicht selbstverständlich ist. Dass die Demokratie verteidigt werden muss, dass sie attackiert wird".

Dies geschehe Roberts zufolge auch durch "Figuren wie Donald Trump". Für den Regisseur der Doku besteht kein Zweifel: "Trump ist sehr schuldig". Am Morgen des 6. Januars habe er eine Rede gehalten, "in der er der Masse Anweisungen gegeben habe. Untermauert von vielen Lügen - wie der, dass die Wahl gestohlen worden sei". Er habe ihnen gesagt, dass sie zum Kapitol gehen sollen: "Zweifellos hat Trump diese Massen motiviert, er ist verantwortlich".

Die Doku ist nach der Ausstrahlung in der ARD-Mediathek abrufbar.

Vor einem Jahr wurde das Kapitol in Washington von einem Mob gestürmt. Eine Doku rekapituliert die Ereignisse nun in beeindruckenden Bildern.

 (Bild: SWR/Leah Millis/Reuters Pictures)
Vor einem Jahr wurde das Kapitol in Washington von einem Mob gestürmt. Eine Doku rekapituliert die Ereignisse nun in beeindruckenden Bildern. (Bild: SWR/Leah Millis/Reuters Pictures)
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