Der Mann, der dem FC Bayern seine Identität zurückgab

Florian Plettenberg
·Lesedauer: 8 Min.

Rund ein Jahr ist es her, als Hansi Flick beim FC Bayern das Amt des Interimstrainers übernahm. Am 2. November hatten die Münchner mit Niko Kovac an der Seitenlinie 1:5 bei Eintracht Frankfurt verloren. Die Bayern-Bosse zogen einen Tag später die Reißleine, vertrauten auf Flick, aber klopften parallel zu dessen Arbeit bei möglichen Kovac-Nachfolgern an. Am 30. April 2020 unterschrieb Flick verdientermaßen einen Cheftrainer-Vertrag bis 2023.

Flick ließ sich nie davon beirren, dass er zunächst auf Testbasis arbeitete. Er fuhr vier Siege in Folge ein (16:0 Tore), darunter ein 4:0 im Heimspiel gegen Borussia Dortmund. Die Mia-san-Mia-Mentalität kehrte zurück. Zwei aufeinanderfolgende 1:2-Pleiten in der Bundesliga gegen Leverkusen und Mönchengladbach sollten die Ausnahme bleiben. Es folgte ein Lauf für die Geschichtsbücher.

Nach nunmehr einem Jahr stehen unter der Regie von Flick in 48 Pflichtspielen unglaubliche 160:41 Tore und 44 Siege zu Buche. Zudem ein Remis und nur drei Niederlagen. Macht im Schnitt 2,77 Punkte pro Spiel.

In der Champions League holte er aus elf Spielen, elf Siege. Die Bayern gewannen mit Cheftrainer Flick das Triple und in Budapest den UEFA Supercup.

Flick: Das ist mir wichtig

Von Zufall kann längst keine Rede mehr sein, denn hinter Flicks Erfolg steckt System.

"Mir ist es wichtig, dass wir als Mannschaft funktionieren und man unsere Mentalität und die Art und Weise wie wir spielen wollen, in jedem Spiel auf dem Platz sieht", sagt Flick im Gespräch mit SPORT1, der mit seinem Team beim 6:2 in Salzburg am Dienstagabend seine Siegesserie fortsetzte. Es war der neunte Erfolg am Stück.

"Wir sind seit neun Spielen ungeschlagen. Es ist schon toll, wie die Mannschaft performt", sagt Flick und betont: "Ich bin stolz auf die Mannschaft, aber es geht doch nicht nur um mich als Cheftrainer. Das ganze Miteinander ist entscheidend. Es geht um Wertschätzung und Respekt und darum, dass sich jeder in das Team einbringen kann. Dafür stehe ich. Das lebe ich vor. Für mich ist das auch in meinem Privatleben wichtig. In der Familie und in meinem Freundeskreis."

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Erfolgsmensch Flick

Als er die Bayern übernahm, küsste er zu Beginn sprichwörtlich all jene Spieler wach, die mit Abschied drohten, weil sie kaum noch eine Rolle spielten (Thomas Müller) oder im Formtief steckten und schon weg sollten (Jérôme Boateng).

Unter Kovac kriselte es an der Säbener Straße. Aus der Kabine drangen Interna nach außen, Reservisten moserten, es wurde wenig gelacht und dafür viel kritisiert. In seinen letzten Tagen als Bayern-Coach wurde Kovac in Reservisten-Trainings laut, wenn die Spieler zum beliebten Lattenschießen antraten. In der Mannschaft kam diese Negativität schlecht an. Ebenso, dass der Spielstil oftmals zu defensiv war. Fußballerisches Spektakel zeigten die Bayern unter Kovac kaum noch.

Flick, im Sommer 2019 auch auf Wunsch von Kovac als Co-Trainer verpflichtet, sah aufgrund seiner Erfahrung was schief lief, hatte aber zu wenig Handlungsmacht, um an den richtigen Stellschrauben drehen zu können. All das änderte sich ab dem 4. November, seinem ersten Arbeitstag als Bayern-Trainer.

Aus unzufriedenen Solisten formte Flick in Windeseile eine erfolgsbesessene Mannschaft, die auf und neben dem Platz füreinander einstand. Das Lachen kehrte zurück, ebenso das von den Spielern bevorzugte 4-2-3-1-System. Dessen Flicksche Merkmale: Balldominanz, schnelles Gegenpressing, variantenreicher Tempofußball in der Offensive. Vor allem aber schaffte er den Spagat zwischen dem von den Bossen eingeforderten Spektakel in der Offensive und der notwendigen Stabilität in der Defensive.

Alaba, Kimmich, Müller: Neue Rollen

In all der Bayern-Harmonie setzte Flick stets auf Leistung statt auf Namen und vermeintlich verpflichtende Ablösesummen. Innerhalb der Kabine verschaffte er sich damit Profil und Anerkennung. David Alaba wurde in der Innenverteidigung zum Abwehrboss auserkoren, nachdem sich Niklas Süle vor Flicks Amtszeit einen Kreuzbandriss zugezogen hatte.

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Alphonso Davies, den Kovac erstmals als Linksverteidiger getestet hatte, entwickelte sich unter Flick zum Newcomer des Jahres. Reservisten wie Sven Ulreich wurden von ihm öffentlich mit Lob überschüttet. Rund um den im Januar verkündeten Wechsel von Alexander Nübel ließ er nie Zweifel daran aufkommen, dass Manuel Neuer unter ihm die Eins bleiben werde und er für ihn der weltbeste Torhüter sei. Joshua Kimmich durfte endlich konstant auf der Sechs spielen. Leon Goretzka machte in den vergangenen Monaten körperlich wie spielerisch eine enorme Entwicklung. Müller erlebt noch immer seinen zweiten Frühling, Lewandowski wurde nicht allein wegen seiner Tore zu Europas Fußballer des Jahres gekürt.

Flick kümmerte sich nicht nur um seine Spieler. Er betonte auch stets das erfolgreiche Arbeiten seines Trainerteams. Er setzte weiterhin auf Bayern-Legende Hermann Gerland, er förderte Co-Trainer Danny Röhl und band Torwarttrainer Toni Tapalović noch intensiver ein als zuvor. Fitness-Chef Prof. Dr. Holger Broich wurde öffentlich für den Zustand der Spieler gelobt, vor allem nach dem Re-Start. Er bemühte sich erfolgreich um die Co-Trainer-Dienste von Miroslav Klose. Auch von der Arbeit von Teammanagerin Kathleen Krüger, sowie dem des Ärzteteams und der Fitness- und Rehatrainer schwärmte er. Innerhalb des Vereins bringt ihm das bis heute viel Anerkennung. Flick hat für ein Arbeitsklima der Effizienz und Freude gesorgt. Man folgt und vertraut ihm.

"Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen und versuche, das Ganze so umzusetzen, wie ich mir mein Leben vorstelle. Mir ist es wichtig, dass man sich gegenseitig wertschätzt und respektiert und untereinander wohlfühlt. Dass sich keiner über das Team stellt. Das ist mit entscheidend", erklärt Flick: "Klar haben wir viele Weltklasse-Spieler in der Mannschaft, die Spiele alleine entscheiden können. Aber ohne ihre Mitspieler hätten sie keinen Erfolg. So ist das bei mir als Trainer auch: Ohne mein Team um mich herum hätte ich auch keinen Erfolg. Sie tun alles dafür, damit wir gemeinsam diesen Weg gehen können."

Moderator und Förderer der Bayern-Jugend

Ebenso beherrscht Flick das in München so wichtige Spiel mit den Medien. Mit angebrachten Witzen sorgt er auf Pressekonferenzen für Lockerheit. Er bringt aber auch deutlich zum Ausdruck, wenn ihn Themenfelder nerven, da die sportliche Konzentration darunter leidet. Wie im Falle des Vertrags-Knalls um Alaba. Auch intern haut er dazwischen, wenn es sein muss. Ein Ja-Sager war er nie und will er nicht sein.

"Man muss diskutieren. Ohne Reibung gibt es keine Energie. Man muss all das aber auch geschickt moderieren", sagt Flick.

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Nicht nur als Cheftrainer schaute er auch dorthin, wo vor ihm lange keiner mehr hinsah: Zum eigenen Nachwuchs. Jener Ort, in welchen etliche Millionen investiert wurden. In der Hoffnung, dass es nach Alaba mal wieder ein Eigengewächs dauerhaft zu den Profis schafft. Flick ermöglichte den aus seiner Sicht fünf talentiertesten Nachwuchsspielern, sich dauerhaft im Trainingskader der Profis zu empfehlen. Talenten wie Joshua Zirkzee, Chris Richards und Jamal Musial verhalf er zu ihren Bundesligadebüts. Wer sich nicht an Regeln hält (etwa Leon Dajaku), oder Michael Cuisance, weil er auf der Tribüne motzte, nachdem er nicht eingewechselt wurde, wurden von Flick Denkzettel verpasst. Die Folgen: Streichung aus dem Trainingskader, keine Nominierung.

Flick ermöglichte vielen Jungspunden die große Bühne. Viele von ihnen konnten diese aber (noch) nicht nutzen. So müssen oder wollen sich Nachwuchsspieler wie Lars Lukas Mai (Darmstadt) oder Oliver Batista-Meier (Heerenveen) vorerst andernorts auf Leihbasis empfehlen. Auch Zirkzee spürt, dass Talent allein nicht reicht unter Flick. Zu viele von ihnen hat Flick als langjähriger Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft und später als Sportdirektor kommen und gehen, aber vor allem scheitern sehen. Auch deshalb weißt er die FCB-Talente auf Missstände hin, fördert und fordert sie.

Dauerhaft in die Startelf hat es unter Flick aber noch kein Bayern-Talent geschafft. Es bleibt aber das Ziel. Denn was Flick am Ende mindestens genauso viel wert sein dürfte wie die x-te Meisterschaft, ist dieser eine Rohdiamant, der es unter ihm ganz nach oben gepackt hat. So, wie etwa Louis van Gaal bis heute für den Durchbruch von Müller steht. Vielleicht erreicht Flick dieses Ziel mit dem 17-jährigen Musiala. Er ist einer, der es packen kann. Er überzeugt Flick mit Leistung, Wissbegierde, Fleiß und Demut. Ihm wird der Durchbruch zugetraut. Vielleicht schafft es auch sein Wunschspieler Tiago Dantas.

Flick und Salihamidzic: Eine gute Symbiose

Entwickelt hat sich auch das Verhältnis zwischen Flick und Hasan Salihamidzic. Waren sich beide anfangs noch uneins in verschiedenen Personalien (etwa beim Transfer von Álvaro Odriozola) und forderte Flick auf Eigeninitiative aktiv Neuzugänge (wie im Wintertrainingslager in Katar), wirkt die Zusammensetzung des aktuellen Kaders als ein Zusammenspiel. Gebastelt aus den Wünschen und Vorstellungen des Trainers und des Sportvorstands. Abgesegnet von den Bossen.

Für Top-Transfers wie Leroy Sané kämpfte Salihamidzic. Flick begünstigte den Wechsel mit seinem Erfolg und seiner Menschlichkeit. Mit Last-Minute-Transfers wie Douglas Costa verschaffte man Flick einen in der Breite qualitativ sehr gut aufgestellten Kader. Der Umbruch ist fast vollzogen, der richtige Trainer dafür gefunden.

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Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge machte nie einen Hehl daraus, dass er sich auf der Trainerbank seiner Bayern Kontinuität wünscht. Flick weckt mit seinem erfolgreichen Handeln und Tun die Hoffnung, ihm und dem Verein jenen Wunsch erfüllen zu können. Nach oben sind den Bayern unter Flick, Stand jetzt, offenbar keine Grenzen gesetzt.

Passend dazu sagt Flick: "Wenn wir denken, dass es nur mit 95 Prozent reicht, kann vieles schiefgehen. Daher ist es wichtig, dass wir den Geist, den wir gerade in unserer Mannschaft haben, möglichst lange aufrechterhalten. Wenn die Mannschaft zu 100 Prozent abrufen kann, was in ihr steckt, dann sind wir zu vielem fähig."