Trump-Forderung: Wie Hasenhüttl England aufmischt

Vincent Wuttke
·Lesedauer: 4 Min.

Die Miene von Ralph Hasenhüttl war am 25. Oktober 2019 versteinert. Der Trainer des FC Southampton konnte sich kaum anschauen, was da vor ihm passierte. Sein Team verlor gegen Leicester City mit 0:9 - und das sogar noch im eigenen Stadion.

Das Aus des 53 Jahre alten Österreichers nach einem Jahr Amtszeit beim damals Drittletzten der Premier League schien besiegelt.

Aber ein Jahr nach der höchsten Pleite der Liga-Geschichte hat sich alles verändert. Hasenhüttl, vor dem Insel-Wechsel vier Jahre bei RB Leipzig, hat in England die Wende geschafft und seine Elf zum Überraschungsteam der Saison geformt.

Mit einem 2:0 daheim gegen Newcastle United schnappte sich Southampton sogar vorübergehend die Tabellenführung vor dem FC Liverpool! (Service: Die Tabelle der Premier League)

Klatsche gegen Leicester als Wende für Southampton?

Kurz nach dem Abpfiff erlaubte sich die Social-Media-Abteilung der Saints einen Scherz mit Bezug auf die aktuellen US-Wahlen.

Wie US-Präsident Donald Trump, der einen sofortigen Stopp der Stimmen-Auszählung in einigen Bundestaaten forderte, verlangte auch der aktuelle Spitzenreiter, die Tabelle einzufrieren - und Southampton als Premier-League-Meister anzuerkennen.

Auch Trumps berühmter Slogan, der die Rückkehr Amerikas zu alter Stärke beschwor, würde zu Hasenhüttl passen: "Make Southampton great again".

Doch abseits der Twitter-Blödeleien: Wie kam es innerhalb von 12 Monaten zu dieser Wende?

"Man kann auf die Geschichte der Vereine schauen und findet Spiele, die die Entwicklung maßgeblich beeinflussen - positiv oder negativ. Dieses Leicester-Spiel ist so ein Wende-Ereignis. Ich weiß noch, dass auch er damals dachte, er wird gefeuert", sagte Sky-Sport-Experte Mark McAdam über Hasenhüttl.

Der Trainer hatte großes Glück, dass er bleiben durfte. Immerhin hatte Southampton vor ihm zwischen Juli 2016 und Dezember 2018 mit Claude Puel, Mauricio Pellegrino, Mark Hughes und Kelvin Davis gleich vier Manager verschlissen.

Werde Deutschlands Tippkönig! Jetzt zum SPORT1 Tippspiel anmelden

Nach 0:9 krempelt Hasenhüttl alles um

Der ehemalige Leipziger bekam jedoch eine Gnadenfrist und krempelte noch am Tag des großen Leicester-Desasters alles um.

Er veranlasste quasi mit Abpfiff, dass alle Spieler und Trainer das Gehalt vom 15. Oktober 2019 an die klubeigene Saints Foundation spendete.

Danach stellte er das Training um und ließ seine Schützlinge in vielen Konditionseinheiten schuften. Während des Corona-Lockdowns zog Hasenhüttl noch einmal das Tempo an, machte seine Stars noch fitter.

Das zahlt sich aus. Bereits in der vergangenen Saison marschierte Southampton als sechstbeste Mannschaft der Rückrunde auf Rang elf vor und war mit insgesamt 31 Zählern in der Auswärtstabelle als Dritter noch vor Chelsea und Manchester United.

Eklige Defensive, Ward-Prowse und Ings wirbeln in der Offensive

Nun geht es weiter steil nach oben. "Wir verteidigen ganz anders als vor einem Jahr und sind viel überzeugter von dem, was wir tun", erklärt der Coach .

Er hat seiner Mannschaft ein intensives und aggressives Pressing eingeimpft und sie zu einer Konter-Macht geformt. "Wir wissen, dass wir eklig sind und es ein hartes Spiel gegen uns ist. Wir haben uns auch mit dem Ball verbessert", fasst Vestergaard zusammen.

In der Abwehr überragt der Ex-Bremer nicht nur mit seiner Größe von 1,99 Metern. Im Mittelfeld zieht James Ward-Prowse die Fäden und ist zudem der beste Freistoßschütze der Liga mit drei Treffern.

Und im Angriff ist Danny Ings seit einem Jahr kaum zu stoppen und mit 27 Treffern seit Sommer 2019 einer der gefährlichsten Torjäger der Premier League. Ausgerechnet jetzt wird er aber durch eine Knie-Operation rund sechs Wochen außer Gefecht gesetzt. In seiner Abwesenheit knipsten beim Sturm an die Tabellenspitze Che Adams und Stuart Armstrong gegen Newcastle.

Ings vergleicht Hasenhüttl mit Klopp

Ings sieht in Hasenhüttl den Hauptgrund für den Erfolg. Der Ex-Liverpooler sieht Parallelen zu seinem ehemaligen Trainer Jürgen Klopp: "Ich sehe die gleiche Leidenschaft, erfolgreich zu sein. Selbst wenn wir gewinnen, geht es darum, wie wir besser werden müssen."

Im Gespräch mit der BBC erklärt Ings: "Er hat eine echte Entschlossenheit, mit uns zusammenzuarbeiten und uns zu verbessern, und das ist großartig."

Southampton mit bestem Start der Vereinsgeschichte

Seine Schützlinge verinnerlichen Hasenhüttls Anweisungen immer besser. Deshalb wird Southampton Großes zugetraut.

"Haben sie den Trainer und die Möglichkeiten, um die Top 6 dieses Jahr zu sprengen? Auf jeden Fall!", so Sky-Experte McAdam (Service: Der Spielplan der Premier League).

Ein Jahr nach dem historischen 0:9 schreibt Southampton nämlich wieder Geschichte - aber dieses mal positiv.

Nach sieben Spielen hatte der Verein nie vier Siege oder mehr, die 14 Tore zu diesem Zeitpunkt wurden nur zweimal übertroffen (67/88 und 86/87) und Tabellenführer nach acht Spieltagen war der Klub in der Premier League ohnehin nie. Bis jetzt.