Jagd auf Dividenden: Sie machen fünfstellige Umsätze mit einem Finanzkalender

Dividendenstrategen: Die Divvydiary-Gründer Johannes Kronmüller und Max Große. - Copyright: DivvyDiary
Dividendenstrategen: Die Divvydiary-Gründer Johannes Kronmüller und Max Große. - Copyright: DivvyDiary

Auf Twitter gibt es eine kleine, aber eingeschworene Community der Geldvermehrer. Sie nennt sich #Fintwit und fachsimpelt über Finanzen. Besonders eine Gruppe fällt in den deutschsprachigen Diskussionen unter dem Hashtag auf: die Anhänger der Dividenden-Strategie. Sie suchen gezielt nach Aktien von Unternehmen, die möglichst hohe Dividenden (also Teile ihrer Gewinne) an Anleger ausschütten. Ziel ist meist, auf Dauer von den regelmäßigen Erträgen leben zu können.

Um das zu erreichen, motivieren sich die Anleger gegenseitig, zum Beispiel, indem sie Screenshots ihrer Depots auf Twitter posten. „Diesen Monat erwarten mich insgesamt 7 Zahltage und ingesamt um die 107 Euro brutto Dividenden“, heißt es dann, oft mit Verweis auf ein Finanztool, das die Einnahmen anhand von Diagrammen und Tabellen veranschaulicht – die Rede ist von Divvydiary.

Dividendenkalender begeistert tausende Anleger

Hinter dem Tool stehen Johannes Kronmüller und Max Große. Die beiden Unternehmer aus Stuttgart und Berlin haben Divvydiary 2019 gegründet, zunächst als Hobbyprojekt neben ihrer Festanstellung bei der Mercedes-Benz Bank, wie Kronmüller im Gespräch mit Gründerszene erzählt. „Inzwischen kann ich mich in Vollzeit um das Projekt kümmern und wir generieren jeden Monat rund 20.000 Euro Umsatz." Von 40.000 Anlegern wird Divvydiary nach eigenen Angaben bereits genutzt. Knapp 4.000 von ihnen zahlen Geld: 5,99 Euro pro Monat kostet das Finanztool in der Premium-Variante.

Verdiente als Entwickler beim Payment-Dienst Stripe viel Geld, baut jetzt sein eigenes Fintech auf: Parqet-Gründer Sumit Kumar.
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Dabei ist das Kernfeature von Divvydiary simpel: Es handelt sich um einen Kalender, der Nutzer darüber informiert, wann die nächste Dividende auf dem Girokonto eingeht. Denn längst nicht alle Unternehmen zahlen eine Dividende, und schon gar nicht gleichzeitig. Während etwa die Deutsche Post AG jährlich (1,80 Euro pro Aktie) an Anleger ausschüttet, macht es der Versicherungssriese Allianz quartalsweise (2,70 Euro pro Aktie). Hat man nun wie viele Dividenden-Strategen zehn oder mehr Aktien im Depot, häufen sich die Zahlungstermine.

„Da geht der Überblick schnell verloren“, erklärt Johannes Kronmüller: „Vor allem, wenn man als Anleger einen regelmäßigen Cashflow aufbauen will, um etwa Teile des Lebensunterhalts davon zu bestreiten.“ Divvydiary zeigt anstehende Zahlungstermine chronologisch an, ermöglicht aber auch tiefere Analysen, etwa darüber, wie sich die Dividendenrendite im Vergleich zu Depots anderer Anleger schlägt. Auch lassen sich mit dem Programm neue Aktien mit hoher Dividendenrendite finden.

Programmieraufwand unterschätzt

Doch warum braucht es dafür ein spezielles Finanztool? Wäre es für Depotbanken nicht ein Leichtes, selbst einen Dividendenkalender anzubieten? Glaubt man Divvydiary-Gründer Kronmüller, ist die Sache kompliziert. „Als wir 2019 gestartet sind, haben wir den Aufwand unterschätzt“, sagt er.

Es sei eine Herausforderung gewesen, überhaupt an verlässliche Daten über Dividendenzahlungen zu kommen, so etwas wie zentrale Provider habe es nicht gegeben. „Letztlich haben wir selbst eine Datenbank aufgebaut und dafür auch Techniken wie Machine Learning genutzt“, erklärt Kronmüller. Dass Banken ihren Kunden bislang meist keinen Dividendenkalender anbieten, hat für den Gründer einen einfachen Grund: „Die Banken hängen mit Innovationen seit Jahren hinterher, davon profitieren wir als Fintech bis heute extrem. Das kann sich irgendwann natürlich schnell ändern.“

Hilfe von Finanz-Influencern

Glücklicher Zufall war es auch, dass Divvydiary von Anfang an schnell wachsen konnte. Als Johannes Kronmüller und Max Große ihr Finanztool im April 2020 launchten, interessierten sich wegen der Corona-Lockdowns besonders viele Menschen für Aktien – und damit auch für Dividenden. Binnen weniger Monate wuchs Divvydiary auf 10.000 registrierte Nutzer. Im Rückblick perfektes Timing.

Obendrein profitierten Kronmüller und Große von unbezahlter Werbung. Finanz-Youtuber wie „Homo Oeconomicus“ (knapp 90.000 Follower) nutzen Divvydiary, um ihre Fortschritte beim Aufbau eines Nebenerwerbs durch Dividenden zu dokumentieren. Auch Lisa Osada, die unter dem Pseudonym „Aktiengram“ (82.000 Follower) über Geldanlage aufklärt, nutzt das Tool für ihr Depot.

Mittlerweile haben die Divvydiary-Gründer ihr Projekt professionalisiert. Neben einem speziellen Affiliate-Programm für Influencer bietet das Fintech seine Daten via Software-Schnittstelle auch anderen Unternehmen an, etwa dem Finanzdienstleister Ariva oder dem Fintech Finary.

„Schließen Venture Capital nicht aus“

Ihr eigenes Fintech haben Johannes Kronmüller und Max Große bislang ausschließlich aus eigenen Mitteln finanziert. Investoren gibt es noch keine. „Langfristig schließen wir Venture Capital aber nicht aus“, betont Kronmüller. Anfragen etwa von Business Angels gebe es immer wieder mal.

„Das würde uns ermöglichen, noch stärker zu wachsen und Features zu bauen, für die wir aktuell noch keine Ressourcen haben“, so Kronmüller. Solange dies nicht möglich ist, wollen beide nach und nach auf Vollzeit aufstocken. Kronmüller hat seine Festanstellung bereits im vergangenen Jahr gekündigt, weitere Entwickler sollen bald eingestellt werden. „Voraussetzung ist, dass wir unseren Umsatz weiter kontinuierlich steigern können.“ Das Ziel bis Jahresende: 40.000 Euro pro Monat.