„Die jüngste Rally wird nun verarbeitet“

Schwelende Nordkorea-Krise, schwindende US-Geldflut, schwierige „Jamaika“-Koalition: Droht ein heißer Börsenherbst? Was sich aus der Gemütslage am Aktienmarkt für die eigene Positionierung herauslesen lässt.


Überraschend positiv hat sich der deutsche Aktienmarkt in den vergangenen Wochen entwickelt. Während beim Dax laut Statistik im September meist deutliche Verluste zu Buche stehen, konnte der Leitindex diesmal bisher im traditionell schwierigsten Börsenmonat rund vier Prozent zulegen. Doch inzwischen stockt die Aufwärtsbewegung. Dem wichtigen Börsenbarometer scheint rund 300 Punkte unterhalb seines Allzeithochs bei 12.951 Zählern die Luft auszugehen.

Die gute Laune, die in den vergangenen Wochen immer stärker unter den Anlegern aufkam, ist zuletzt verflogen. Das ergibt sich aus den neuesten Ergebnissen der Handelsblatt-Umfrage zur aktuellen Börsenstimmung. Der Zukunftsoptimismus der Investoren hat demnach sogar einen deutlicheren Dämpfer bekommen.

Wöchentlich werden bei dieser Erhebung mehr als 2300 Anleger gefragt, wie sie die Lage an den Aktienmärkten einschätzen. Die Ergebnisse bewertet Stephan Heibel, Inhaber des Analysehauses Animusx. Seine Prognosen zur Dax-Entwicklung sollen Orientierung für die Geldanlage bieten.

„An die Verbaleskalation zwischen Kim Jong Un und Donald Trump scheint man sich zwar gewöhnt zu haben: Hauptsache die Kriegsgefahr, die durch die UN-Resolution weitgehend gebannt wurde, bleibt abgewehrt“, sagt Heibel. „Ich habe aber den Eindruck, viele Anleger wissen noch nicht so recht, wie sie die aktuelle Entscheidung der US-Notenbank einordnen sollen.


Hintergrund: Die Federal Reserve (Fed) will ihre Geldflut weiter zurückfahren, die mehr als neun Jahre lang die Aktienhausse maßgeblich gestützt hat – nicht nur an der Wall Street. Die Fed hatte am vergangenen Mittwoch noch eine Leitzinserhöhung für dieses Jahr signalisiert. Zudem gaben die Währungshüter bekannt, dass sie im Oktober damit beginnen möchten, die in der Finanzkrise mit Wertpapierkäufen auf 4,5 Billionen Dollar aufgeblähte Fed-Bilanz abzubauen.

„Die Rally der vergangenen Wochen wird nun verarbeitet – ‚konsolidieren‘ heißt das im Börsenjargon“, sagt Heibel. „Die Kurse laufen seitwärts, während einige Anleger ihre Gewinne realisieren und andere die Verschnaufpause nutzen, um Positionen aufzubauen.“


Was die „Konsolidierung“ im Dax für Anleger bedeutet

Das sei gesund für eine Rally, denn wenn es zu schnell nach oben gehe, komme es zur Überhitzung. Grund zur Sorge vor starken Kursverlusten am deutschen Aktienmarkt sieht der Experte daher nicht. „Diese Konsolidierungsphase kann genutzt werden, um die Gemüter ein wenig abzukühlen, neue Ideen zu generieren und die jüngste Fed-Entscheidung richtig einzuordnen.

Die Ergebnisse der jüngsten Auswertung im Detail: Nur noch 30 Prozent (minus zwei Prozentpunkte) der Umfrageteilnehmer betrachten die aktuelle Dax-Bewegung der Berichtswoche als Aufwärtsimpuls, hingegen gehen 46 Prozent (plus ein Prozentpunkt) von einer Seitwärtsbewegung aus. Weitere 18 Prozent (plus zwei Prozentpunkte) sehen in den aktuellen Kursen ein vorläufiges Hoch – eine sogenannte „Topbildung“. „Damit ist die Stimmung unter den Anlegern weiterhin gut, nicht euphorisch und somit als neutral einzustufen“, erläutert Heibel.


Nur noch elf Prozent (minus sechs Prozentpunkte) geben an, auf diese Entwicklung spekuliert zu haben, während 60 Prozent (plus sieben Prozentpunkte) den leichten Dax-Anstieg zum größten Teil erwartet haben. 23 Prozent (unverändert) sehen ihre Erwartungen kaum erfüllt, und sieben Prozent (minus ein Prozentpunkt) wurden auf dem falschen Fuß erwischt. Die Selbstzufriedenheit sei damit ebenfalls neutral.


Einen deutlichen Dämpfer erlitten hat der Zukunftsoptimismus: Zwei Wochen lang strotzten die Umfrageteilnehmer nur so vor Zuversicht, es wurden Rekordwerte in der Sentiment-Erhebung erzielt. Nun erwarten nur noch 40 Prozent (minus fünf Prozentpunkte) der Umfrageteilnehmer für den Dax in drei Monaten steigende Kurse, 20 Prozent (plus vier Prozentpunkte) hingegen fürchten schon wieder einen Abwärtsimpuls. Weiterhin 26 Prozent (minus ein Prozentpunkt) gehen von einer Seitwärtsbewegung aus.


„Die Erwartung ist damit in den neutralen Bereich abgerutscht“, kommentiert Heibel die Ergebnisse. Die Investitionsbereitschaft gehe entsprechend ein wenig zurück: 25 Prozent (minus zwei Prozentpunkte) der Umfrageteilnehmer geben an, in den kommenden zwei Wochen Aktien kaufen zu wollen, nur noch 15 Prozent (minus ein Prozentpunkt) wollen verkaufen. Mit 60 Prozent (plus drei Prozentpunkte) bleiben weiterhin die meisten vorerst an der Seitenlinie.



Warum die Dax-Rally nach einer Verschnaufpause weiterlaufen dürfte


„Im Großen und Ganzen weisen unsere Sentiment-Indikatoren eine neutrale Verfassung der Anleger und des Marktes aus“, resümiert Stephan Heibel. Ein eklatantes Ungleichgewicht, das sich durch heftige Käufe oder Verkäufe entladen könnte, bestehe nicht.

Heibels Prognose, die er aus den aktuellen Sentiment-Daten ableitet: „Weitere unvorhersehbare politische Negativ-Ereignisse einmal ausgenommen sollte die Aktienmarktrally nach dieser Verschnaufpause weitergehen.“ Die Korea-Krise schwele zwar weiterhin. Doch ungeachtet der Verbal-Eskalation zwischen Kim Jong Un und Donald Trump werde nach einer Lösung ohne Krieg gesucht. Erst wenn die UN-Resolution von China und Russland torpediert würden, könne die Kriegsgefahr wieder steigen und die Aktienmärkte massiv belasten.


Auch die Bundestagswahlen in Deutschland hatten nach Einschätzung des Sentiment-Spezialisten im Ergebnis keine Überraschung gebracht: „Zwar überrascht die Dimension der Abstrafung der alten Regierung, doch viele Beobachter hatten eine Jamaika-Koalition, die nunmehr die besten Karten hat, auch vor der Wahl bereits die größte Wahrscheinlichkeit eingeräumt.“

Mit seiner vorangegangenen Prognose für die kurzfristige Börsenentwicklung lag Heibel genau richtig: Vergangene Woche hatte der Sentiment-Fachmann vorausgesagt, dass der Aufwärtsschwung beim Dax nachlassen werde: „Ich bleibe bei meiner Einschätzung, dass dieser Rally nun langsam die Luft ausgehen wird, wenn keine neuen Kurstreiber mehr auftauchen“, lautete seine damalige Einschätzung. Zu schnell habe sich die ehemals niedergeschlagene Stimmung aufgehellt. Zudem sei in dieser Woche der Zukunftsoptimismus deutlich gesunken, gleichzeitig steige die Verkaufsabsicht der Anleger. „Das muss nicht gleich fallende Kurse zur Folge haben, aber eine Phase der Konsolidierung ist nun sehr wahrscheinlich“, war sein damaliges Fazit.



Wie sich Profis jetzt an den Aktienmärkten verhalten


Hinter Umfragen zur Börsenstimmung wie dem Dax-Sentiment stehen zwei Annahmen: Wenn die große Masse von Anlegern bereits investiert hat, bleiben eben wenige übrig, die noch zusätzlich kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Umgekehrt gilt natürlich Entsprechendes: Wenn die Anleger mehrheitlich nicht investiert haben, können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.

Wenn Anleger investiert haben, werden sie sich optimistisch über den erwarteten weiteren Kursverlauf äußern, wenn sie nicht investiert haben, pessimistisch. Denn für den zukünftigen Verlauf von Wertpapieren etwa pessimistisch zu sein, aber gleichzeitig investiert zu haben, würde unter normalen Umständen wenig sinnvoll erscheinen.


Ähnliche Schlussfolgerungen wie aus der Handelsblatt-Untersuchung lassen sich derzeit auch aus den Ergebnissen des an der Stuttgarter Börse gemessenen „Euwax-Sentiments“ ableiten: Der Indikator der Privatanleger befindet sich auf niedrigem Niveau, Anleger haben sich also in die steigenden Kurse des Dax hinein abgesichert. Institutionelle Anleger hingegen, die sich über die Terminbörse Eurex mit Futures und Optionen absichern, haben ihre Absicherungspositionen wieder zurückgefahren und sind aktuell neutral positioniert.

In den USA notiert der technische „Angst- und Gier-Index“ des Wall-Street-Barometers S & amp;P 500 mit 67 Prozent im neutralen Bereich. Institutionelle US-Anleger haben ihre Investitionsquote in der vergangenen Woche um fünf Prozent auf 75 Prozent hochgefahren, damit ist die Investitionsquote jedoch weiterhin verhältnismäßig niedrig. US-Privatanleger dagegen haben eine Bulle/Bär-Quote von knapp 13 Prozent und sind damit ziemlich optimistisch gestimmt.


Die Handelsblatt-Umfrage startet jeden Freitag und endet am Sonntag. Die Auswertung lesen Sie tags darauf auf Handelsblatt Online. Einfacher haben es Leser, die sich für eine kostenlose Erinnerungsmail eintragen. Sie erhalten automatisch eine Mail mit der Bitte, an der Umfrage teilzunehmen, und eine, wenn die Experten-Auswertung auf Handelsblatt Online zu lesen ist.