Italiens Wirtschaft, das wichtigste Wahlkampfthema

Die wirtschaftliche Erholung Italiens beginnt ganz unten. Genauer gesagt bei den Socken. Für die Herstellung von Damenstrümpfen ist die Gegend um Mantua, Brescia und Cremona weltweit bekannt. Ursprünge und Geschichte der Industriezone führen bis ins vergangene Jahrhundert. In den 60er und 70er Jahren erreichte die Produktion ihren Höhepunkt. Heute sind dort etwa 250 Unternehmen ansässig, die in der Wirtschaftskrise einen hohen Preis zahlten.

Massimo Bensi, der Chef von Calze BC, erinnert sich: “Am schlimmsten traf es unsere Industriezone 2011, 2012, auf dem Höhepunkt der länderübergreifenden Krise. Die Schwierigkeiten haben wir dank unserer Stärke, dank technischer Kapazitäten und Dynamik hinter uns gelassen.”

Das trifft nicht auf alle Unternehmen zu. Seit 2007 fielen in der Industriezone von insgesamt 10.000 3.000 Arbeitsplätze weg. Viele Unternehmen mussten schließen, während andere Teile ihrer Produktion nach Osteuropa verlagerten, vor allem nach Serbien.

Was lähmt den Aufschwung?

Heute liegt die Krise hinter den Unternehmen. Aber viele beschweren sich weiter über eine langsame Erholung und schieben diese auf die Bürokratie, auf Kreditknappheit und europäische Gesetze.

Bensi erklärt, “wir werden mit Hindernissen und Regeln konfrontiert, wissen aber nicht, wie wir diese einhalten können. Das ist manchmal ein Problem für uns, denn manche Regeln sind kontraproduktiv. Stattdessen sollten wir uns besser auf die Herstellung, den Verkauf und möglichen Gewinn konzentrieren, von dem das ganze System profitieren würde.”

Seit den vergangenen anderthalb Jahren gibt es wieder Investitionen – Anzeichen einer einsetzenden Dynamik, die ein neues Kapitel in der Geschichte der Industriezone einleiten könnte.

Calze BC liegt fest in Familienhand. “Ich habe eine Arbeit, die schon meine Mutter, mein Vater und meine Onkel machten. Jeder sagte, mir liege das Unternehmertum im Blut. In der Schule sagten meine Lehrer, ich könne nur an Socken denken. Ich hoffe, dass auch meine Kinder das Unternehmen mit guten Ideen und originellen Einfällen nach vorn bringen. Wenn sie nur daran glauben, werden sie Erfolg haben,” sagt Bensi.

Eine Firma hat es tatsächlich bis ganz nach oben geschafft: Marcegaglia Industry, der größte italienische Stahlproduzent mit Sitz in der Provinz Mantua. Der Gründer Steno Marcegaglia begann 1959 mit leeren Taschen. Mittlerweile hält sein Sohn die Zügel des Firmenimperiums in der Hand. Zwar hatte auch Marcegaglia mit der Wirtschaftskrise zu kämpfen, ging aber stärker aus ihr hervor.

Firmenchef Antonio Marcegaglia erklärt das Erfolgsrezept. “Wir haben vor und während der Krise große Investitionen vorgenommen. Deshalb konnten wir ein Wachstum vermelden wenn auch schwächer als in den vorhergehenden Jahren. Es war leicht höher als der Durchschnitt,” so Marcegaglia.

Nichts traf die italienischen Industriezweige im vergangenen Jahrzehnt so schwer wie die Weltwirtschaftskrise. Der nationalen Statistikbehörde ISTAT zufolge verlor das Land 800.000 Arbeitsplätze, die Produktion nahm um 20% ab.

Hat die Regierung richtig gehandelt, um die Industrien zu schützen?

“Meiner Meinung nach hat die Regierung in den vergangenen Jahren wichtige Impulse für eine Erholung gegeben, zum Beispiel durch Steuerfreibeträge für Investoren.

Allerdings liegen die Maßnahmen noch nicht so lange zurück, sie betreffen die Zukunft.

Ich würde sagen, dass die angeordneten besseren Defizitkontrollen sowohl Italien als auch der italienischen Glaubwürdigkeit in Europa geholfen haben, einen günstigeren makroökonomischen Rahmen für die italienische Wirtschaft zu geschaffen. Deshalb konnte die Wirtschaft an Fahrt aufnehmen,” erklärt Marcegaglia.

Trotz Krise ist Italien weiter Europas zweitwichtigste Industriemacht, seine wirtschaftliche Erholung hat begonnen. Auch wenn das Land unter knappen Krediten ächzt. Antonio Marcegaglia sieht trotzdem optimistisch in die Zukunft: “Mein Vater begann 1959 ganz unten. Er kam aus einer sehr armen Familie. Sicherlich half ihm der Aufschwung in Italien und Europa, sein Imperium aufzubauen. Heute wäre das schwieriger, aber ich glaube, dass die Zutaten, die es zu einem erfolgreichen Unternehmer braucht – Erfindungsgeist, Innovation und Riskioeinschätzung – zeitlos sind.”