Ist Moskau die nächste Mode-Hauptstadt der Welt?

Models von den Modenschauen von Beso Tura, Alexandr Rogov und Anastasia Dokuchaeva bei der Mercedes-Benz Fashion Week Russia. (Bilder: MBFW Russia; Kunst: Quinn Lemmers)

Wenn Sie an die top Mode-Städte der Welt denken, dann meist an die großen Vier: Paris, Mailand, London und New York – aber nicht an Moskau. Das könnte sich jedoch ändern.

In den vergangenen Jahren hat die Modebranche den Aufstieg einer neuen Garde von modebewussten Städten in Osteuropa und Asien erlebt. Orte wie Tiflis, Kiew, Berlin, Seoul, Tokio und nun auch Moskau sind zu begehrten Standorten geworden, um neue Talente und frische Street Style Stars zu entdecken. Aber besonders Moskau arbeitet seit über zehn Jahren daran, die nächste „Mode-Hauptstadt“ zu werden.

Dieses Jahr wurde ich zur 37. Mercedes-Benz Fashion Week Russia eingeladen. Ich habe die russische Modeszene stets als eine angesehen, die viel Streetwear zu bieten hat (ähnlich dem bekanntesten Star, Gosha Rubchinskiy). Aber stattdessen hatten die Designer verschiedenste Hintergründe und präsentierten Kollektionen, die vielseitig waren und sich voneinander abhoben. Manche waren definitiv stärker als andere hinsichtlich Design-Technik, Stoffwahl und Styling der Models, aber insgesamt war die Kleidung sehr abwechslungsreich, von fein verzierten Abendkleidern bis zu kommerzieller Arbeitsbekleidung sowie genderfluider Kleidung und ja, auch Streetwear.

Im Kern konzentrierte sich die MBFW Russia darauf, russische Talente zu etablieren, aber es wurden auch internationale Designer unterstützt. In dieser Saison gab es spezielle Shows von Designern aus Afrika und Kasachstan. In der Vergangenheit waren auch Gast-Designer aus China und Indonesien eingeladen. Auch so große Namen wie Jeremy Scott und Vivienne Westwood waren schon in Russland dabei.

Für alle außerhalb Russlands könnte es so aussehen, als würde Russlands Modeszene gerade erst durchstarten und irgendwie tut sie das auch. Es ist wichtig zu bedenken, dass die Sowjetunion erst im Dezember 1991 zu Ende ging, vor weniger als 30 Jahren. Anfang der 1990er gab es in Russland niemanden wie Coco Chanel, Cristobal Balenciaga oder Christian Dior, die die Modebranche anführen konnten. Viele der derzeit bekannten russischen Designer begannen ihre Karriere erst vor Kurzem – manche Anfang der 2000er, andere noch später.

Erst 2004 fand Russlands erste Fashion Week statt. Damals „luden wir nur 17 Designer ein“, erklärt Alexander Shumsky, Präsident des Russian Fashion Council, gegenüber Yahoo Lifestyle. Er erinnert sich, dass die Modenschauen in Zelten direkt auf Moskaus berühmten Roten Platz organisiert wurden, ähnlich denen in New Yorks Bryant Park, vor der Kulisse der Basilius-Kathedrale und dem historischen GUM Einkaufszentrum nahe dem Kreml. Jetzt finden die Shows in der Manege in Moskaus Design Museum statt.

Russlands Nachteil war, dass das Land keine „etablierten kommerziellen Marken hatte wie in New York: Ralph Lauren, Tommy Hilfiger, Donna Karan, Proenza Schouler“, sagt der RFC-Präsident. Deshalb konzentriert sich der Russian Fashion Council „auf die Auswahl der besten Designer“ für seine Fashion Week, nicht zwingend auf die „bekanntesten Marken“. Letztendlich „konzentrieren wir uns auf Talent“ und streben an, „Moskau als Mode-Hauptstadt zu etablieren. Nicht als Shopping-Hauptstadt.“

Die Stadt ist mit zwölf Millionen Einwohnern eine der größten der Welt und hat enormes Potenzial für globalen Mode-Erfolg. Aber jetzt bereits zu sagen, Moskau sei die nächste Mode-Hauptstadt, ist etwas verfrüht, auch wenn man sie gut im Auge behalten sollte. In der Zwischenzeit können Sie Moskaus sechs bekannteste Stars kennenlernen, die definitiv helfen werden, die Stadt zu der Mode-Hauptstadt zu machen, die sie gerne wäre.

Models während Alexandr Rogovs Show bei der Mercedes-Benz Fashion Week Russia. (Bilder MBFW Russia; Kunst: Quinn Lemmers)

Für Russen ist Alexandr Rogov bereits ein Star. Seine Modenschau reflektierte eindeutig seine Popularität, denn sie ist die bestbesuchte Show der Woche. Einmal wurde ich beinahe hinausgedrängt. Rogov startete seine Karriere beim Fernsehen, wechselte aber schon kurze Zeit später zu Mode Styling, wo er sich schnell einen Namen machte. Er arbeitete für etablierte Zeitschriften in Russland wie „Harper’s Bazaar“, „Glamour“ und „Elle“. 2012 nannte ihn „Tatler“ einen der einflussreichsten russischen Stylisten. Im darauffolgenden Jahr, 2013, entschied sich Rogov, seine eigene gleichnamige Modelinie herauszubringen.

Innerhalb weniger Jahre etablierte er sich als Designer, den man im Auge behalten sollte. Seine Kollektion für Herbst vereint eine osteuropäische Ästhetik ähnlich Demna Gvasalias Streetwear Hit: Vetements mit einer leicht femininen Note. Die zentralen Stücke umfassen seine seidenen Patchwork-Kleider, durchsichtige Oberteile und Sweatshirts. Auch seine Accessoires sind eine Erwähnung wert: Sonnenbrillen im „Matrix“-Stil, farbenfrohe Handschuhe und durchsichtige, verzierte Socken.

Models bei Anastasia Dokuchaevas Show bei der Mercedes-Benz Fashion Week Russia. (Bilder: MBFW Russia; Kunst: Quinn Lemmers)

Anastasia Dokuchaeva hat erst zwei Modekollektionen herausgebracht, aber sie präsentierte eine der stärksten Kollektionen der Woche. Ihre Designs vermischen perfekt maximalistischen Stil mit Streetwear und grenzen an futuristischer, aber trotzdem tragbarer Kleidung. Die zentralen Stücke umfassen ihre grafisch-geometrischen Mäntel, Logo-Oberbekleidung und ein weißes, schulterfreies Kleid mit „Blutspritzern“ ähnlich Raf Simons Frühjahr/Sommer 18 Kollektion für Calvin Klein.

Models bei Artem Shumovs Show bei der Mercedes-Benz Fashion Week Russia. (Bilder:  MBFW Russia; Kunst: Quinn Lemmers)

Artem Shumov ist einer von Russlands größten Nachwuchstalenten. Er präsentiert seine Arbeiten in Russland seit einigen Saisonen und war einer von sech Auserwählten, die kürzlich in London zu sehen waren. Auch wenn Shumov seine Marke in St. Petersburg gründete, lebt er derzeit in Shanghai und ist ein großer Fan Moskaus. „Ich liebe Moskau immer mehr“, sagt er. „Es verändert sich, es ist freier, es ist jetzt offener für verschiedene Möglichkeiten.“ Zudem „ist Moskau eine sehr schöne Stadt“, sagt der Designer.

Aber für die aktuelle Kollektion ließ sich Shumov von seinem derzeitigen Wohnort inspirieren. Seine Modenschau hatte auch die vielfältigsten Models der Woche, inklusive dem südsudanesischen Model Nile Shadow. Shumovs Designs spielten kreativ mit Proportionen, Schnitten und Farben.

Models bei Beso Turas Show bei der Mercedes-Benz Fashion Week Russia. (Bilder: MBFW Russia; Kunst: Quinn Lemmers)

Beso Turazashvili von Beso Tura ist ein georgisch-russischer Designer, dessen Kollektionen von seinen Reisen inspiriert sind. Er arbeitete zuvor mit Stella McCartney in New York und lebte ihn Dubai. Er beschreibt seine Designs als für mächtige, starke Frauen entworfen. Laut seiner Webseite ist die Beso Tura-Frau selbstbewusst, modern, ambitioniert und unabhängig. Die aktuelle Kollektion hatte einen Hauch von Anthony Vaccarellos Vision für Saint Laurent, dessen Herbst/Winter 18 Show helle Farben mit ähnlich kurzen Minikleidern wie im 80er Jahre-Stil kombinierte. Aber die Leder-Jumpsuits und Trenchcoats waren die größten Highlights. Es wäre wenig überraschend, wenn man in Zukunft Bella Hadid in einem dieser Looks entdeckt.

Models bei Rich Mnisis Show bei der Mercedes-Benz Fashion Week Russia. (Bilder: MBFW Russia; Kunst: Quinn Lemmers)

Rich Mnisi war während der MBFW Russia Teil der Präsentation „Africa Explosion”, bei der afrikanische Designer im Fokus standen, die eingeladen waren, ihre Kollektionen auf dem russischen Laufsteg zu präsentieren. Mnisis Designs waren für die osteuropäische Modeszene aufgrund ihrer Gender Fluidity eine erfrischende Abwechslung. Männliche Models trugen durchsichtige Hosen und schmale feminine Anzüge, während weibliche Models farbenfrohe, gemusterte Mäntel und Röckte trugen. Auch Mnisis Accessoires lagen voll im Trend – von übergroßen Stoffbeuteln über bunte Ohrringe bis zu Bauchtaschen.

Models bei Otocyons Show bei der Mercedes-Benz Fashion Week Russia. (Bilder: MBFW Russia; Kunst: Quinn Lemmers)

Überraschenderweise stammte eine der besten Kollektionen bei der MBFW Russia von einer jungen Designerin, die nicht einmal zur Hauptveranstaltung angekündigt war. Ihr Name ist Lesya Ruakovich und sie ist die Gründerin von Otocyon. Sie war eine von über 20 jungen Designern, die ausgewählt wurden, ihre Mode bei Futurum Moskau zu präsentieren, eine ganztägige kostenlose Mode-Veranstaltung, die vom Russian Fashion Council gesponsert ist und am letzten Tag der Fashion Week stattfand. Sie wurde 2017 gestartet, um jungen Designern eine Plattform zu geben, wo sie ihre Modekollektionen präsentieren können, ohne sich darüber Gedanken machen zu müssen, wie sie sie finanzieren oder produzieren können. Diese Investition in Russlands Nachwuchs ist strategisch gelungen. Immerhin liegt das Schicksal von Russlands Mode-Zukunft in den Händen der Jugend des Landes.

Julie Tong