Israels Einhörner kommen nach Deutschland

Sie heißen Ironsource, Appsflyer oder Siemplify: Immer mehr israelische Tech-Start-ups zieht es nach Deutschland. Besonders Berlin lockt die Gründer – doch auch andere deutsche Standorte wittern ihre Chance.


Das Kaffeebestellen hat Dor Isseroff schon drauf: Danke, bitte und auch die richtige Kaffeesorte auf Deutsch auszusprechen – all das ist für den rotblonden Israeli kein Problem. Geschäftsgespräche führt Isseroff dann aber doch lieber auf Englisch. Vorläufig zumindest, denn auf lange Sicht will der Israeli auch richtig Deutsch sprechen lernen. Schließlich ist er gekommen, um erst einmal zu bleiben. Für das israelische Start-up Ironsource ist Isseroff seit August 2016 Regionalmanager in Berlin. Das Unternehmen aus Israel will von hier aus den deutschsprachigen Markt erobern.

Es ist nicht das einzige Jungunternehmen aus dem kleinen Land am Mittelmeer, das den Standort Deutschland für sich entdeckt hat. Die innovationsfreudige Industrie, ein starker Mittelstand und eine interessante Start-up-Kultur in Städten wie Berlin, Hamburg oder München locken israelische Unternehmen wie Ironsource, Appsflyer oder Siemplify. Der jüdische Staat hat ein einzigartiges Ökosystem für Start-ups geschaffen. Zwischen Tel Aviv, Haifa und Jerusalem entstehen innovative Geschäftsideen und Produkte, die Dichte an Start-ups gilt als eine der höchsten weltweit, das Risikokapital ist pro Kopf gerechnet nirgendwo so hoch wie in Israel.


Um Geld zu verdienen, zieht es die Gründer jedoch aus dem kleinen Staat hinaus in die Welt. Und da wird Deutschland immer interessanter. Von einer Ansiedlung der innovativen Jungunternehmen profitieren Standorte auf mehrfache Art und Weise – und so buhlen gleich mehrere Städte um die sogenannten Einhörner aus Nahost.

Lange Zeit galt für israelische Gründer: Wenn du erfolgreich sein willst, geh in die USA. Israel selbst hat mit gerade einmal über sieben Millionen Einwohnern keinen attraktiven Markt, Handelsbeziehungen zu den umliegenden Staaten bestehen zum großen Teil nicht. Die Vorteile des Sprungs nach Amerika sind offensichtlich: Es gibt einen riesigen Markt, Englisch ist in Israel quasi inoffizielle Zweitsprache und die Verbindungen zwischen den beiden Ländern sind stark.

Doch die Israelis richten den Blick zunehmend auch auf Deutschland, weiß Gerhard Eschenbaum, Leiter der Abteilung Außenwirtschaft der IHK Düsseldorf: „Israelische Start-ups denken zwar global, legen aber den Fokus heute noch stark auf die Vereinigten Staaten. Doch wir bemerken, dass gerade immer mehr Tech-Start-ups Deutschlands Industrie und den Mittelstand entdecken.“

Auch Ironsource-Manager Isseroff bestätigt: „Normalerweise läuft bei israelischen Start-ups die Forschung und Entwicklung in Israel, dann gehen sie in die USA und überspringen Europa einfach.“ Täten sie das nicht, wäre meist Großbritannien die Anlaufstelle, so Isseroff: „Deutschland ist lange übersehen worden, dabei hat es großes Potenzial und Unternehmen, von denen man zwar noch nie etwas gehört hat, die aber versteckte Weltmarktführer sind und oft perfekt zu unseren Produkten passen.“


Ironsource baut Technologien, um App-Entwicklern, Geräteherstellern und Betreibern bei der Analyse oder Monetarisierung zu helfen. Es gehört zu den erfolgreichsten Start-ups des Landes und zählt Telefónica, Asus, HTC oder Toshiba zu seinen Kunden. Nach Deutschland zog es Ironsource zum Beispiel auch wegen der florierenden Gaming-Branche in Hamburg, erklärt Isseroff: „Außerdem ist Deutschland das Land der Marken – die hiesigen Budgets werden als riesig angesehen, selbst in den USA.“ Sein Job in Deutschland ist nun, den Markt kennenzulernen, Partnerschaften zu bilden und den Kollegen zu Hause beizubringen, wie man Geschäfte mit den Deutschen macht.

Und da braucht es oft Fingerspitzengefühl, weiß auch Ben Jeger. Er verantwortet von seinem Büro im hippen Coworkingspace Wework am Kurfürstendamm aus das Deutschlandgeschäft für Appsflyer, einen israelischen Anbieter für Analysetools: „Es ist vor allem in Deutschland wichtig, dass Kunden einen Ansprechpartner vor Ort haben. Es schafft ein Gefühl von Nähe und Vertrautheit. Denn hierzulande funktioniert das Netzwerken über das Telefon nicht. Um Unternehmen zu erreichen, muss man vor Ort sein.“

Die Gründer von Appsflyer erkannten das 2016 und eröffneten eine deutsche Niederlassung. Investiert hat unter anderen die Deutsche Telekom, die auch zu den Kunden des Jungunternehmens zählt. Genauso wie Trivago oder Vodafone.


Berlin will sich als erste Anlaufstelle etablieren


Ein Riesenthema in der Zusammenarbeit mit Deutschen sei Geschwindigkeit, meint Jeger: „In Deutschland wird ein Plan gemacht und dann präzise ausgearbeitet. In Israel wird gemacht, dem Kunden gezeigt und dann nachjustiert. Kunden sind von deutschen Unternehmen eine andere Herangehensweise gewöhnt. Doch wenn erst einmal das Verständnis da ist, dass in Beta-Tests noch nicht alle Dinge perfekt laufen, das Feedback dafür schneller ins Endprodukt einfließt, wissen Kunden diesen Ansatz zu schätzen.“

Deutsche seien weniger risikoaffin, meint Isseroff von Ironsource: „Die Deutschen sind nicht so von Einnahmen getrieben wie Israelis – hier geht Sicherheit vor.“ Das muss der Manager auch immer wieder seinen Kollegen zu Hause sagen, damit die im Verkaufsgespräch nicht unbedingt die risikoreichen Produkte aus dem Portfolio holen.

Dabei zieht besonders die deutsche Hauptstadt israelische Gründer an, weiß Stefan Franzke, Geschäftsführer von Berlin Partner, die Wirtschafts- und Technologieförderung der Hauptstadt. „42 Prozent aller Berliner Start-ups werden nicht von Deutschen gegründet, viele Gründer kommen aus Israel – auch viel Risikokapital in der Stadt stammt von dort.“


Berlin Partner setzt auf verschiedene Initiativen, um Berlin als erste Anlaufstelle zu etablieren: „Wir laden regelmäßig Start-ups aus Israel ein, um in Berlin den kontinentaleuropäischen Markt anzusprechen – wir betten sie in Berliner Coworking-Spaces und Acceleratorenprogramme ein und bieten Dienstleistungen wie zum Beispiel die Unterweisung in Vertragsgestaltung, Arbeitsrecht oder für Fintechs Einführung ins Bankenrecht“, so Franzke. Vor knapp zwei Jahren wurde eine Start-up-Kooperation mit Tel Aviv ins Leben gerufen, sagt Franzke: „Ein Austausch, in dem deutsche und israelische Gründer das jeweilige Ökosystem kennenlernen sollen.“

Die israelische Metropole war vor zwei Jahren gemeinsam mit Berlin, New York und Paris Gründungsmitglied der Start Alliance. Ein Zusammenschluss, um Start-ups schneller zu internationalisieren und Berlin als Europas zentrale Anlaufstelle für den europäischen Markteintritt zu etablieren.

Um die Attraktivität des Standorts Berlin weiß auch Grischa Alroi-Arloser, Geschäftsführer der deutsch-israelischen Auslandshandelskammer: „Berlin steht aus unterschiedlichen Gründen sehr im Fokus von israelischen Touristen und Auswanderern. Es ist das New York Europas, erinnert in vielen Aspekten stark an Tel Aviv und hat ein sehr lebendiges jüdisches Leben. Im Rahmen dieser Anziehung sind auch Start-ups nach Berlin gegangen.“ Schätzungsweise bis zu 15.000 Israelis leben heute in der Hauptstadt.

Doch nicht nur Berlin will die Einhörner von sich überzeugen, weiß Alroi-Arloser: „Wer im Bereich von Onlinemarketing oder Apps aktiv ist, für den bietet sich Berlin natürlich an. Aber wenn es um KI, Fintech oder Hardware-Innovationen geht, dann ist man in anderen Städten vielleicht besser aufgehoben.“

Das findet naturgemäß auch Abteilungsleiter Eschenbaum bei der IHK Düsseldorf: „Wenn Deutschland in den Fokus israelischer Gründer rückt, dann müssen wir da ran und unsere zentrale Lage auf dem Kontinent als Vorteil nutzen.“ In Düsseldorf und der Metropolregion Rheinland säßen viele große Unternehmer und viele Mittelständler, was in Berlin so nicht der Fall wäre. Immerhin: Der israelische Fahrassistenz-Entwickler Mobileye, der in diesem Jahr von Intel für knapp 15 Milliarden US-Dollar übernommen wurde, hat seinen Deutschlandsitz in der Stadt am Rhein.


Deutscher Mittelstand als interessanter Partner

Eine wichtige Rolle kann dabei auch der Digihub Düsseldorf/Rheinland spielen, erklärt Eschenbaum: „Er verknüpft lokale Unternehmen mit Start-ups. Daran beteiligen sich in Düsseldorf nicht nur deutsche, sondern auch japanische Unternehmen, von denen ja viele hier ihren Europasitz haben.“

Auch Alroi-Arloser hat Pläne für mehr deutsche Standorte: „In Frankfurt wurde bereits ein Accelerator für Fintechs gegründet. Ähnliche Modelle wollen wir in den nächsten Jahren gemeinsam mit dem Land Nordrhein-Westfalen auch in Düsseldorf, Aachen oder Bochum installieren.“ Dahinter stecke die Idee, dass ein Unternehmen eine Aufgabenstellung formuliere, Geld einzahle und die AHK dann Start-ups in Israel ausfindig mache, die sich mit der Problemstellung auseinandersetzen, erklärt Alroi-Arloser: „Zusammen mit einem Start-up aus Deutschland entwickelt man dann gemeinsam die Lösung für das formulierte Problem und pitcht das Thema bei dem entsprechenden Unternehmen.“


Die Vorteile solcher Kooperationen und die Ansiedlung israelischer Start-ups sind vielfältig, weiß Markus Gick von der Bertelsmann-Stiftung, die unlängst eine Studie über das israelische Gründer-Ökosystem und seine Chancen für den deutschen Mittelstand veröffentlicht hat: „Israelische Gründer bringen neben einem großen Unternehmergeist und ihren Netzwerken auch eine hervorragende Ausbildung mit.“ Bei einer erfolgreichen Zusammenarbeit ließen sich zudem aufgrund der engen Vernetzung im israelischen Ökosystem sehr leicht weitere innovative Unternehmen an die Region binden, meint Studienleiter Gick: „Der Erfahrungs- und Wissensschatz und die enge Vernetzung können dann zudem wie ein Innovationsimpuls auf das lokale Ökosystem wirken.“

Dabei sei vor allem der deutsche Mittelstand ein interessanter Partner für israelische Start-ups, glaubt Gick: „Und hier haben eben auch kleine Städte und Regionen – nicht nur Berlin, Hamburg, München und Köln, hervorragende Chancen vom Innovationspotenzial Israels zu profitieren.“ Von der Zusammenarbeit mit, aber auch der Ansiedlung von israelischen Start-ups könnten beide Seiten profitieren, ist Gick überzeugt: „Israelischer Gründergeist und deutsches langfristiges Denken ergänzen sich gut.“ Es könne aber auch zu einem Mentalitätswechsel führen: „Vielleicht könnten wir in der deutschen Gesellschaft lernen, wieder stolz auf unsere Gründer und Unternehmer zu sein – so wie die israelischen Eltern, für die der Beruf „Unternehmensgründer“ oder „Start-upist“ mittlerweile ähnlich prestigeträchtig ist wie der Beruf als Anwalt oder Arzt.“


In Berlin hat sich Ironsource-Manager Isseroff mittlerweile mit der deutschen Mentalität vertraut gemacht - er hat vielleicht einen Heimvorteil: Seine Großeltern, sowohl väterlich als auch mütterlicherseits kamen aus München und Berlin nach Israel. Seit der Schule und später auch in der Armee wurde Isseroff jedenfalls immer „der Deutsche“ genannt: „Das liegt vielleicht daran, dass ich immer sehr präzise und nach Methodik gearbeitet habe - das hat wahrscheinlich etwas mit meinem Erbe zu tun“, lacht der Manager.

Apropos Erbe: Am Wochenende wird seine Großmutter in ihre alte Heimatstadt Berlin kommen. Zusammen mit ihr wird Isseroff eine kleine Stadt in Brandenburg besuchen, wo eine Straße nach seinem Großvater benannt wurde, der dort Bürgermeister war. Der Umzug nach Deutschland habe sich dann auch irgendwie ein wenig so angefühlt, als käme er nach Hause, meint Isseroff.