Israelis wählen zum vierten Mal binnen zwei Jahren neues Parlament

Stephen WEIZMAN
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Wahllokal in Tel Aviv

Die Israelis haben am Dienstag zum vierten Mal binnen zwei Jahren ein neues Parlament gewählt. 6,5 Millionen Bürger waren aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hofft trotz des gegen ihn laufenden Korruptionsprozesses auf einen Sieg - nicht zuletzt wegen der erfolgreichen Corona-Impfkampagne seiner Regierung. Mit einem klaren Ergebnis ist laut Umfragen auch dieses Mal nicht zu rechnen.

Netanjahu strebt nach zwölf aufeinanderfolgenden Jahren an der Macht ein weiteres Mandat an. Der 71-Jährige hofft auch wegen der jüngsten Normalisierung der Beziehungen Israels zu vier arabischen Staaten auf das Wohlwollen der Wähler. Der Regierungschef, der sich wegen Korruption in mehreren Fällen vor Gericht verantworten muss, steht bei vielen Bürgern aber auch in der Kritik.

Experten sehen die Wahl in erster Linie als Referendum über Netanjahu. Meinungsumfragen zufolge dürfte seine nationalkonservative Likud-Partei stärkste Kraft im Parlament bleiben, die Mehrheit von 61 Sitzen jedoch deutlich verfehlen und Probleme haben, eine stabile Koalition zu bilden.

Doch auch seinem größten Herausforderer Jair Lapid von der liberalen Partei Jesch Atid (Es gibt eine Zukunft) dürfte es kaum gelingen, das heterogene Lager der Netanjahu-Gegner in ein stabiles Bündnis zu führen. Nach jüngsten Umfragen dürfte das rechtsgerichtete politische Lager insgesamt bis zu 80 Mandate gewinnen.

Um eine stabile Regierung bilden zu können, müsste Lapid deshalb aller Wahrscheinlichkeit nach ein Bündnis mit Vertretern der Ultrarechten eingehen. Als Königsmacher gilt dabei der einstige Netanjahu-Verbündete und Ex-Verteidigungsminister Naftali Bennett. Eine wichtige Rolle in der Regierungsbildung könnte auch dem ehemaligen Likud-Politiker Gideon Saar zukommen. Bei der Gründung seiner Partei Neue Hoffnung im vergangenen Jahr hatte Saar angekündigt, Netanjahu "ersetzen" zu wollen.

Beobachter befürchten, dass dem Land angesichts der Zersplitterung des Parteiensystems eine fünfte Wahl drohen könnte. "Ich habe nicht viel Hoffnung", sagte der Doktorand Amit Fischer zu AFP. "Ich denke, es wird eine fünfte Wahl geben." Es gebe zu viele kleine Parteien und zu viele Politiker mit einem zu großen Ego, sagte der 35-Jährige, der selbst für Lapids Jesch Atid gestimmt hatte. "Sie werden sich auf nichts einigen."

Die Beteiligung lag laut Wahlkommission bis 17 Uhr MEZ bei rund 52 Prozent. Bei der vorhergehenden Wahl im März 2020 lag sie zu dem Zeitpunkt bei 56,3 Prozent. Am Abend schlug eine aus dem Gazastreifen abgefeuerte Rakete im Süden Israels ein. Nach Angaben der Armee entstand kein Schaden, sie landete auf einem Feld.

Netanjahu zeigte sich bei der Stimmabgabe hoffnungsvoll, dass "dies die letzte Wahl" für die kommenden Jahre sein werde und die politische Krise in Israel beendet werden könne. Um eine tragfähige Regierungskoalition zu bilden, müsste Netanjahu sich allerdings die Unterstützung einer Reihe kleiner Parteien sichern, darunter möglicherweise auch der neugegründeten Partei "Religiöse Zionisten". Sollte die Partei die 3,25-Prozent-Hürde überwinden, würde sie den Extremisten Itamar Ben-Gvir in die Knesset schicken - ein erklärter Bewunderer des jüdischen Attentäters Baruch Goldstein, der 1994 in Hebron 29 Palästinenser ermordete.

Die neuerliche Parlamentswahl war nötig geworden, nachdem Netanjahus Koalition mit dem Mitte-Links-Bündnis Blau-Weiß von Ex-Armeechef Benny Gantz im Streit um den Haushalt für 2021 zerbrochen war. Umfragen zufolge könnte Blau-Weiß den Einzug in das Parlament nun verpassen. Viele von Gantz' Wählern haben es ihm nicht verziehen, entgegen seines einstigen Versprechens eine Regierung mit Netanjahu eingegangen zu sein.

lan/ck