Ismaiks Angriff auf 50+1-Regel: Der Fußball fürchtet die Revolution

Nach dem Absturz von 1860 und der Wahl des neuen Präsidenten will der Verein sich offenbar von Investor Ismaik lösen. Eine Frist existiert bereits.

Russische Oligarchen, US-Unternehmer, asiatische Milliardäre und Öl-Scheichs aus Nahost: Wie in anderen Ligen längst üblich, könnten auch die Klubs der Bundesliga schon bald zum Spielzeug internationaler Investoren werden. Sollte Hasan Ismaik mit seinem Angriff auf die sogenannte 50+1-Regel Erfolg haben, würde das eine Revolution bedeuten - vor der sich viele Verantwortliche im deutschen Fußball fürchten.

Schon seit Monaten machen der Deutsche Fußball-Bund (DFB), die Deutsche Fußball Liga (DFL) und die großen Traditionsvereine geschlossen Front gegen eine Abschaffung der Regelung, die mehrheitliche Beteiligungen von Investoren bei Klubs verbietet. Nun hat der jordanische Milliardär Ismaik, mit dem 1860 München inzwischen in die 4. Liga abgestürzt ist, offiziell beim Bundeskartellamt in Bonn Beschwerde gegen 50+1 eingelegt.

"Diese Regel ist eine Scheinregel, die den deutschen Fußball nicht schützt, sondern ihm extrem schadet", schrieb Ismaik bei Facebook. Anschließend legte er in der Süddeutschen Zeitung nach: "Ich klage zunächst in Deutschland, wenn das nicht genügt, dann ziehen wir vor den Europäischen Gerichtshof."

Vonseiten des Profifußballs könnte die Regel nur durch einen Zweidrittel-Beschluss der Klubs gekippt werden. "Dafür würde es keine Mehrheit geben", sagte DFL-Boss Christian Seifert zuletzt. Seifert hält 50+1 nach wie vor für sinnvoll: "Die Bundesliga hat einige Besonderheiten, die bei den Leuten, den Fans und der Gesellschaft einen hohen Stellenwert genießen. Es ist es definitiv wert, daran festzuhalten."

Seifert: Freier Markt ist nicht die Antwort auf alles

Der DFL-Geschäftsführer möchte die "relativ niedrigen" Ticketpreise genauso erhalten wie die Tatsache, dass man Klubs "nicht einfach so kaufen und verkaufen" könne, indem man sie "wie eine Ware" behandele: "Ich bin nicht davon überzeugt, dass der komplett freie Markt die Antwort auf alles ist."

In diesem Punkt sind sich sogar die Revierrivalen Borussia Dortmund und Schalke 04 einig. "In England ist man als Fan Kunde, aber wenn Du Schalker oder Borusse bist, willst Du kein Kunde, sondern Teil des Ganzen sein", äußerte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke: "Wenn die Menschen nicht mehr das Gefühl haben, dass sie der Puls sind, dann wird der Fußball in Deutschland Probleme mit der Emotionalität und Bindungskraft bekommen."

Der Schalker Finanzvorstand Peter Peters positionierte sich ähnlich: "Wenn bei den Ligaversammlungen nicht mehr die Vereinsvertreter sitzen, auf die man sich bei allen unterschiedlichen Interessen grundsätzlich immer verlassen kann, sondern Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und andere Charaktere und damit auch Gedankengut, das man leider mit ausländischen Investoren verbindet, müssen wir anfangen, uns Gedanken über die Zukunft des Fußballs zu machen."

Hoeneß: "Wir werden es nicht tun"

Branchenführer Bayern München wäre die Abschaffung der Regel laut Präsident Uli Hoeneß "völlig wurscht" - denn der Rekordmeister (Marktwert bei knapp zwei Milliarden Euro) sieht sich nicht betroffen. "Von mir aus kann jeder Verein seine Anteile an wen auch immer verkaufen", sagte Hoeneß: "Wir werden es nicht tun, das wissen unsere Fans, und da kriegen sie von mir auch die 100-prozentige Garantie."

Für den neuen adidas-Chef Kasper Rorsted ist die Abschaffung der Regel sogar unbedingt nötig, um die Vorherrschaft der Bayern zu beenden. "Dann wären größere Investitionen in Bundesligaklubs möglich, und die Liga würde wieder spannender, weil wieder echter Wettbewerb entstünde", äußerte der Däne.

Doch obwohl genau das in England der Fall ist, warnt die englische Ikone Gary Lineker den deutschen Fußball davor: "Diese Regel sollte die Bundesliga unbedingt beibehalten. Sie ist der Damm, der sie vor Zuständen wie in der Premier League schützt."

Allerdings gibt es auch in der Bundesliga bereits Ausnahmen von der Regel. Die DFL erlaubt Investoren die Übernahme der Mehrheit an einem Klub, wenn sie sich bereits über 20 Jahre engagieren. Das für gilt für Bayer Leverkusen, den VfL Wolfsburg, 1899 Hoffenheim und bald wohl auch für Hannover 96.