Islands Konservative trotz Verlusten bei Parlamentswahl weiterhin stärkste Kraft

Wähler auf dem Weg zur Stimmabgabe in Reykjavik

Nach der vorgezogenen Parlamentswahl in Island zeichnet sich eine schwierige Regierungsbildung ab. Trotz mehrerer Skandale wurde die konservative Unabhängigkeitspartei von Ministerpräsident Bjarni Benediktsson bei dem Urnengang mit 16 von 63 Parlamentssitzen erneut stärkste Kraft, wie am Sonntag mitgeteilt wurde. Das Regierungsbündnis verlor aber die absolute Mehrheit. Die Linksgrünen könnten nun als zweitstärkste Kraft versuchen, Benediktsson mit einer Mitte-links-Koalition auszubooten.

Die Wahlbeteiligung lag bei 81 Prozent, insgesamt acht Parteien ziehen ins neue Parlament ein. Benediktssons Fortschrittspartei verlor zwar fünf Sitze, davon konnten die Linksgrünen aber nicht so stark profitieren wie gedacht. Sie errangen den amtlichen Angaben zufolge elf Sitze im isländischen Parlament, dem Althingi.

Die Sozialdemokratische Allianz kam auf sieben und die Piratenpartei auf sechs Sitze. Damit fehlen den drei Parteien acht Sitze für eine absolute Mehrheit. Sie müssten noch mindestens drei Parteien auf ihre Seite bringen, um eine erneute Regierung unter Führung der Unabhängigkeitspartei zu verhindern. Es wäre erst die zweite linksgerichtete Regierung in Island seit Ausrufung der Republik im Jahr 1944.

Zunächst ist Ministerpräsident Benediktsson am Zug, denn der isländische Staatschef beauftragt üblicherweise den Chef der stärksten Partei mit der Regierungsbildung. Vor einer Entscheidung darüber wollte Gudni Johannesson am Montag Vertreter aller acht Parteien im neuen Parlament zu Einzelgesprächen treffen.

Bereits nach der Verkündung erster Ergebnisse hatte sich Benediktsson zuversichtlich geäußert. "Ich bin optimistisch, dass wir eine Regierung bilden können", sagte er am Samstag der Nachrichtenagentur AFP in Reykjavik. Zugleich räumte er ein, dass die Ausgangslage "kompliziert" sei.

Die Chefin der Linksgrünen, die 41-jährige frühere Journalistin Katrin Jakobsdottir, gab sich in der Nacht zu Sonntag zurückhaltend: "Es gibt keine klare Mehrheit", sagte sie. "Alle Parteien sind offen für Gespräche." Umfragen zufolge wünscht sich fast die Hälfte der Isländer Jakobsdottir als Regierungschefin.

Die Regierungsbildung wird womöglich mehrere Monate in Anspruch nehmen. Er erwarte "langwierige Diskussionen", sagte etwa der Rechtsprofessor Arnar Thor Jonsson von der Universität in Rekjavik.

Für die Isländer war es die zweite Parlamentswahl innerhalb eines Jahres. Benediktsson hatte das Parlament vor einem Monat aufgelöst, nachdem seine Mitte-rechts-Koalition ihre hauchdünne Mehrheit im Parlament verloren hatte.

Sein ehemaliger Koalitionspartner Glänzende Zukunft wirft Benediktsson vor, seinen Vater in einer umstrittenen Justizangelegenheit gedeckt zu haben.

Schon zuvor war der Regierungschef in Skandale verstrickt. So war sein Name in den Enthüllungen der "Panama Papers" aufgetaucht. Diese hatten mehrere isländische Politiker zum Rücktritt gezwungen, unter ihnen im April 2016 der damalige Ministerpräsident Sigmundur David Gunnlaugsson.