Wie "Iron Maiden" jetzt das ADAC GT Masters rocken will

Christian Paschwitz

Diese Frau hat viele Klangfarben - nicht nur, was diverse Bei- und Spitznamen angeht:

"Swiss Miss" rief man Simona de Silvestro, bevor sie dem Tod ins Auge geblickt hatte. Im Hier und Jetzt, wo sie wieder viel Lebensfreude ausstrahlt, wird sie dagegen "Iron Maiden" gerufen - was der 31 Jahre alten Motorsportlerin aus dem Schweizerischen Thun denn auch wesentlich besser gefällt.

Das hängt weniger mit Iron Maiden als legendärer Heavy-Metal-Band zusammen, im Übrigen schaurig benannt nach der Eisernen Jungfrau, einem mittelalterlichen Folterinstrument.

Vielmehr identifiziert sich de Silvestro auch mit einer eisernen Mentalität und knallharten Einstellung. Tugenden, die sie auch begleiten dürften, wenn sie sich nun am Wochenende zum Saisonstart im ADAC GT Masters auf dem Lausitzring in einen Porsche 911 GT3 R hinters Lenkrad setzt. (ADAC GT Masters: 1. Rennen am Sa., ab 12.30 Uhr IVE auf SPORT1 im TV und STREAM)


Crash wie im Horrorfilm

Aber der Reihe nach: Als de Silvestro 2011 im Training zum legendären Indy 500 nach einem Aufhängungsbruch in die Mauer kracht und ihr brennender Bolide nach ein paar Überschlägen endlich zum Stillstand kommt, fühlt sie sich wie in einem Horrorfilm.

Zumindest rein körperlich kommt die Pilotin mit schweren Verbrennungen an den Händen zwar recht glimpflich davon. Schwerer wiegen indes die seelischen Schmerzen.

Alles zur Formel 1 und zum Motorsport-Wochenende im AvD Motorsport Magazin mit McLaren-Teamchef Andreas Seidl, Rennfahrer und Sky-Experte Nick Heidfeld und Christian Danner. Sonntag ab 21.15 Uhr und ab sofort wöchentlich im TV und STREAM auf SPORT1

Nur weil ihre Mutter Druck macht, so schnell wie möglich wieder in ein Auto zu steigen, überwindet de Silvestro ihren Schockzustand so zügig wie kaum für möglich gehalten.

Bereits am Folgetag des Unfalls fährt sie wieder und schafft sogar die Qualifikation. "Seither nennt man mich 'Iron Maiden' und nicht mehr 'Swiss Miss'", sagt die Schweizerin bei motorsport-total.

Auch im Formel-E-Team von Porsche

Die Test- und Entwicklungsfahrerin des Formel-E-Teams von Porsche will nun auch in der Niederlausitz zeigen, aus welch hartem Holz sie geschnitzt ist.


Wie so viele Rennfahrer hat sie in den vergangenen Monaten viele Stunden im Simulator verbracht - die Corona-Pandemie lässt grüßen. Doch nun steht wieder echtes Racing auf der Tagesordnung, und de Silvestro freut sich drauf, auch deshalb, um in einer Männerdomäne weiter mit den alten Vorurteilen aufzuräumen.

"Ich denke, dass sich eine Frau im Rennsport generell mehr beweisen muss als ein Mann", sagte sie einmal.

Sich selbst muss de Silvestro kaum noch etwas beweisen: Im Alter von 17 Jahren hatte sie wegen ihrer Vollgas-Leidenschaft alles auf eine Karte gesetzt, war in die USA ausgewandert, wo sie über die Formula BMW USA und Formula Atlantic bis in die IndyCar Series aufstieg.

Rookie of the Year beim Indy 500

Sie brach dafür die Schule ab, was Zuhause keine Jubelstürme auslöste. Doch ihr Elternhaus stand trotzdem voll hinter de Silvestro. Sie etablierte sich im IndyCar, absolvierte vier volle Saisons, wurde unter anderem Rookie of the Year 2010 beim Indy 500 und Zweite 2013 beim Rennen in Houston.

Jetzt aktuelle Fanartikel zur Formel 1 kaufen - hier geht's zum Shop | ANZEIGE

Allerdings: De Silvestros Versuch, über das Schweizer Team Sauber den Sprung in die Formel 1 zu schaffen, endete 2014 in einer einzigen Enttäuschung.

Der banale Hauptgrund: Für dass Engagement, das einige Testfahrten vorsah mit dem Ziel, es 2015 in die Königsklasse zu schaffen, fehlte das Kapital als "Affiliated Driver" beim damaligen Sauber F1 Team.


De Silvestro erste Porsche-Werksfahrerin

Doch de Silvestro ließ sich nicht beirren, versuchte es als Alternative ein wenig leiser: Sie heuerte in den Saisons 2014/'15 und 2015/'16 bei Andretti Autosport in der Formel E an und fuhr als erste Frau Punkte in der Elektrorennserie ein.

In Australien fuhr die 1,71 Meter große Rennfahrerin zwischenzeitlich auch noch Supercars - nun lebt die "Iron Maiden" wieder in ihrer Schweizer Heimat.

"Ich habe die Tatsache, dass ich als Frau im Motorsport ein seltenes Exemplar bin, nie in den Vordergrund gestellt. Ich habe Rundenzeiten für mich sprechen lassen, nichts anderes", meint sie lakonisch.

Den entsprechenden Respekt dürfte sie sich längst verschafft haben - und wer noch immer nicht überzeugt ist, sollte nun auf dem Lausitzring darauf achtgeben, wie eisenhart die erste Porsche-Werksfahrerin ihren Job macht.