"Irgendwann verfällt man in Starre": So geht es Menschen, die seit einem Jahr in Kurzarbeit sind

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2020 ist die deutsche Wirtschaft so stark eingebrochen wie seit dem Zweiten Weltkrieg nur einmal zuvor. Ganze Branchen wie die Gastronomie oder der Eventbereich lagen brach, Konzerte mussten abgesagt werden, Restaurants komplett schließen.

Doch ohne das Mittel der Kurzarbeit wäre es womöglich noch viel schlimmer gekommen: Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Makroökonomie (IMK) und der Universitäten Kiel und Münster konnte die Bundesregierung durch die erweiterten Regelungen zur Kurzarbeit auf dem Höhepunkt der Corona-Krise 2,2 Millionen Jobs absichern. Trotzdem wurde es für viele Menschen in Kurzarbeit finanziell eng. Beschäftigte in Kultur und Gastronomie hätten im Schnitt 30 Prozent ihres Einkommens verloren, heißt es in der Studie.

Business Insider hat eine Service-Leiterin aus der Gastronomie, einem Fachmann für Veranstaltungstechnik und eine Verkäuferin im Einzelhandel gefragt, wie sie die Zeit erlebt haben.

„Irgendwann fällt man in so eine Starre"

20 Jahre lang hat Ines K., 37 Jahre, bis auf die Baby-Pausen, ununterbrochen als gelernte Restaurantfachfrau in Leipzig gearbeitet. Täglich habe sie mit Stammgästen geschwatzt oder gekellnert und Schichten geplant, erzählt sie im Gespräch mit Business Insider. Als sie im März letzten Jahres dann wie gewohnt zu ihrer Spätschicht ins Restaurant gefahren sei, habe ihr Chef schon in der Tür gestanden und verkündet, dass das Gasthaus ab jetzt geschlossen sei. "Ich musste von heute auf morgen in Kurzarbeit null", sagt sie. Das sei ein totaler Schock gewesen.

Für die zweifache Mutter heißt das, ihr Alltag ist auf den Kopf gestellt. Während viele andere Kurzarbeiterinnen ein paar Wochen oder Monate lang ihre Arbeitszeit, um 20, 30 oder 50 Prozent reduzieren mussten, sitzt Ines K. seit dem 14. März 2020 zu Hause, abgesehen von ein paar Kurzeinsätzen, als das Leipziger Restaurant im Sommer zwischendrin öffnen konnte.

Am Anfang habe sie sich Projekte im Haus und im Garten gesucht, erzählt Ines K. Sie habe das Zimmer für ihren Sohn neu geplant, den Kleiderschrank auseinandergenommen, sich mit Gartenarbeit abgelenkt oder Homeschooling übernommen. „Irgendwann fällt man in so eine Starre, dann ist es vorbei mit dem Enthusiasmus", sagt sie. Sie habe mehr geschlafen und sei von Tag zu Tag trauriger geworden, nachdem die Hoffnung auf eine Wiederöffnung der Restaurants und damit auch darauf bald wieder regulär arbeiten zu können, unerfüllt geblieben sei. Inzwischen dauert der zweite Lockdown für die Gastronomie mehr als ein halbes Jahr an.

Dabei sind die finanziellen Einbußen für die Restaurantfachfrau nicht unerheblich: „Große Anschaffungen wie neue Haushaltsgeräte waren im letzten Jahr nicht mehr drin", erzählt Ines K. Schließlich seien Ausgaben wie die Kreditrückzahlung auf ihr Haus, ein Bungalow für ursprünglich rund 160.000 Euro, weitergelaufen. Mit ihren zwei Kindern erhält sie 2020 zunächst pro Monat 1005 Euro Kurzarbeitergeld, das sind 67 Prozent ihres ausgefallenen Netto-Gehalts von 1500 Euro. Trinkgeld, das bei Ines K. rund 200 Euro pro Monat beträgt, ist dort nicht mit eingerechnet. Ab dem vierten Monat in Kurzarbeit erhöhte sich das Kurzarbeitergeld auf 77 Prozent, ab dem siebten Monat auf 87 Prozent. Ines K. hat mit erhöhtem Kurzarbeitergeld mittlerweile etwa 1305 Euro im Monat zur Verfügung.

Ohne Erspartes kommt die vierköpfige Familie von Ines K. trotzdem schwieriger über die Runden: Im Juni habe sie ihren Mann geheiratet – ohne die geplante, große Feier, erzählt sie. „Das Ersparte für unsere Hochzeitsfeier und die Geldgeschenke haben uns während Corona über Wasser gehalten", sagt sie. Frustrierend habe sich das angefühlt, weil man nur existiere, aber nicht wie gewohnt lebe. Dabei überlegt die Leipzigerin zwischendrin auch mal den Job zu wechseln und in einem Telefonladen Kunden bei Verträgen zu beraten, erzählt sie. „Aber mein Arbeitsplatz ist das Optimum und mein Chef hat mir versichert, dass das Gasthaus wieder aufmacht". Dabei kenne sie viele, die sich beruflich umorientiert hätten. „70 Prozent meines Bekanntenkreises ist aus der Branche abgewandert, in den Einzelhandel oder auch in Bäckereien", sagt die Leipziger Restaurantfachfrau. Sie selbst wolle aber einfach raus aus den eigenen vier Wänden und zurück ins Restaurant mit Gästen.

"Mir fehlt die Perspektive. Ich will wissen wann ich wieder normal arbeiten kann."

Häufig hatte Cornelius H., 32 Jahre, vor Corona eine Sieben-Tage-Woche: Unter der Woche arbeitete er als Fachmann für Veranstaltungstechnik in einer großen Konzert- und Kongresshalle in Bayern. An den Wochenende war er im Süden von Deutschland und Österreich auf großen Festivals oder Konzerten unterwegs, bei denen er häufig komplett für die technische Ausstattung der Künstler zuständig war. Doch seit März 2020 liegt sein komplettes Berufsleben brach. Die Wochenend-Engagements sind bis auf Kleinstveranstaltungen im Sommer an der frischen Luft komplett weggefallen. Und auch die Auftritte des Stammorchester im Konzertsaal finden unter Ausschluss von Publikum nur in Online-Streams statt.

"Mein Alltag nicht mehr planbar seit wir in Kurzarbeit sind. Es gibt zwar weiterhin Dienstpläne, aber statt Konzerten finden aktuell Stadtratssitzungen und IHK-Prüfungen in meiner Arbeitsstätte statt", sagt er. Seine Motivation sind sonst die Gäste, die sich über ein tolles Konzerterlebnis freuen und Musiker, die einen gelungenen Auftritt feiern. Stattdessen besteht der Arbeitsalltag des Veranstaltungstechnikers jetzt daraus, Mikrofone für Bürgermeister an- und auszuschalten. "Man stumpft ab, macht in gewisser Weise Dienst nach Vorschrift", sagt der 32-Jährige. Noch dazu sind die Sitzungen weniger planbar. Ein Konzert dauert zwei Stunden plus Auf- und Abbau, Gemeinderatssitzungen können sich schon mal bis in die Nacht ziehen.

Dabei hat Cornelius H. in Kurzarbeit nur noch 1800 Euro Kurzarbeitergeld zur Verfügung. Die Arbeitstage sind verkürzt, zwischen drei und acht Stunden ist alles möglich. Vor kurzem, als der Inzidenzwert fiel, setzte das Symphonieorchester fünf Konzerttermine in den Kalender. Doch die Zahlen stiegen wieder und es weiß keiner genau, ob zumindest 50 Gäste zuhören dürfen. "Mir fehlt die Perspektive, weil man nicht weiß, wann es endlich weiter geht. Wann kann ich wieder normal arbeiten und Geld verdienen?", fragt sich der Veranstaltungstechniker. Hinzu käme die generelle Jobunsicherheit, da noch völlig unklar sei, wann wieder Großveranstaltungen vor Publikum stattfinden können. "Das macht mich antriebslos", sagt er.

Die Gehaltseinbußen wirken sich auf Investitionen aus. Geld auf die Seite zu legen, unter anderem um sein Auto abzubezahlen, sei momentan kaum möglich. "Besonders am Jahresanfang, als alle Versicherungen vom Konto abgingen, gab es einen Engpass", erinnert er sich. Hinzu kommt: Der Veranstaltungstechniker hat sich entschieden, die Zeit sinnvoll zu nutzen und mit der Meisterschule angefangen. Zwischen 8000 und 10.000 Euro muss er dafür zurückzahlen, obwohl er nicht annähernd den Nettolohn zur Verfügung hat, der dafür eingeplant war. "Immerhin habe ich mir so einen größeren Einblick in die Materie verschafft, mit der ich arbeite und habe mir auch einen breiteren Wissensstand über verschiedene Technik- und Lichtsteuerprogramme verschafft", sagt Cornelius H.

Die Unsicherheit bleibt bedrückend. Zudem fehlen die sozialen Kontakte. An arbeitsfreien Tagen sitzt er aufgrund der strengen Kontaktbeschränkungen in Bayern rund um die Uhr allein in seiner Wohnung. "Mir fehlt der Reiz und die Herausforderung, ein Live-Konzert auf die Bühne zu bringen", sagt Cornelius H. An seinem Beruf hält er fest, denn "wenn Veranstaltungen wieder erlaubt sind, wird es rund gehen", ist er überzeugt.

"Man wird vorsichtiger, selbst beim Lebensmittel-Einkauf."

Ein dauerndes Auf-und-Zu herrscht auch im Einzelhandel. Seitdem die Bundesregierung ihre Öffnungsstufen verkündet hat, geht der erste Blick von Michaela R. am Morgen auf ihr Smartphone: Inzidenzzahlen checken. Denn die Filialleiterin im Einzelhandel darf – je nachdem ob die Inzidenz über 100 oder darunter ist – Kunden im Laden empfangen oder muss das Geschäft ganz geschlossen halten. Seit Dezember 2020 geht das jetzt schon so. "Schon die dritte Saison in Folge haben wir viel Ware eingekauft und mussten dann wieder schließen. Das Geschäft hängt voll", sagt sie. Wochenlang war die Modefachfrau durchgehend in hundertprozentiger Kurzarbeit, inzwischen lebt sie jeden Tag mit der Ungewissheit, ob sie den Laden aufmachen darf oder nicht. "Meinen Alltag hat das komplett durcheinander gebracht, es fehlt die Routine", sagt die Filialleiterin aus Bayreuth.

Normalerweise hat sie Acht- oder Neun-Stunden-Tage. Jetzt geht sie nur ins Geschäft, wenn neue Kleidung geliefert wird oder Umbauten anstehen. "Aber das Hauptding, der Verkauf fällt weg." Dementsprechend muss sie auch mit weniger Gehalt klarkommen. Im Schnitt hatte sie in der langen Zeit der Kurzarbeit 1270 Euro netto im Monat zur Verfügung. "Man wird vorsichtiger, selbst beim Lebensmittel-Einkauf", sagt sie. Sonst leistet sie sich häufiger mal ein neues Outfit "wenn schöne Ware eintrifft" – als Verkäuferin im Einzelhandel gehöre das dazu. Aktuell aber nicht mehr, denn "meine monatlichen Unkosten bleiben gleich und ich kann nicht mehr so viel Geld auf die Seite legen", sagt Michaela R. Die Situation beschäftigt sie, auch wenn sie die unfreiwillige Freizeit für sich genutzt hat: "Ich konnte endlich mal regelmäßig Sport machen und habe meiner Tochter beim Umbau ihres Hauses geholfen."

Dennoch will sie zurück in den Laden. "Meine Kundinnen freuen sich auf ein Wiedersehen. Sie wollen kommen und kaufen, suchen dann aber eher Alltagstaugliches", sagt die Verkäuferin. Denn wer im Homeoffice sitzt, putzt sich nicht schick heraus. Nicht einmal ein Bruchteil der Kundschaft, die zu Vor-Corona-Zeiten in den Laden kam, bedient sie heute. Wenn es gut läuft vier Kunden am Tag, kaum einer lässt sich testen nur um bummeln zu gehen.