iPhone X: Apple rüstet sich mit neuem Smartphone-Flaggschiff für die nächste Dekade

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Das neue Premium-Smartphone aus Cupertino: das iPhone X (Foto: © Apple)


Es war die erwartet große Produktshow zum zehnjährigen Geburtstag des iPhones: Apple hat gestern auf seiner Keynote gleich drei neue Smartphones vorgestellt. Während das iPhone 8 und 8 Plus als Nachfolgemodelle vom iPhone 7 und 7 Plus in den Handel kommen, schlägt der Techpionier mit dem iPhone X ein ganz neues Kapitel auf. Kunden müssen allerdings noch bis November warten.

Eine Überraschung waren Apples wichtigste Produktankündigungen des Jahres nicht mehr: Am Wochenende zirkulierte ein Leak aus Apples Firmware des neuen mobilen Betriebssystems iOS 11 in einschlägigen Apple-Blogs und auf Twitter. Schnell war klar: Die Codes wirkten authentisch und verrieten bis ins letzte Detail, was Apple auf seiner alljährlichen September-Keynote vorstellen würde.

Auch ohne Spannungsbogen brannten CEO Tim Cook, Marketingchef Phil Schiller und Softwarechef Craig Federighi im neu eröffneten Firmencampus Apple Park im Steve Jobs Theater das größte Produktfeuerwerk seit Jahren ab.  Im Zentrum der knapp zweistündigen Keynote, die Tim Cook mit einer emotionalen Referenz an seinen 2011 verstorbenen Mentor Steve Jobs eröffnete, stand erwartungsgemäß das mit Abstand wichtigste Produkt der inzwischen 41-jährigen Firmenhistorie – das iPhone.

Apple verdankt dem iPhone alles  

Im Januar 2007 hatte der legendäre Apple-Gründer das iPhone als revolutionäres Gerät vorgestellt, “das alles verändert”. Das galt buchstäblich auch für Apple selbst: In der vergangenen Dekade steigerte der Techpionier fast ausschließlich dank des iPhones seinen Börsenwert von 100 auf inzwischen knapp 850 Milliarden Dollar und stieg damit zum wertvollsten Konzern der Welt auf. Gleichzeitig wuchs die Abhängigkeit vom iPhone, das inzwischen für über 60 Prozent der Umsätze und zu einem noch größeren Teil für die Rekordgewinne verantwortlich ist, die sich inzwischen auf knapp 50 Milliarden Dollar im Jahr belaufen.

Nach drei Jahren im gleichen Design waren die Erwartungen an Apple-Chef Tim Cook zum zehnjährigen Jubiläum des Kultsmartphones entsprechend groß. Apple musste seinen Kassenschlager wieder einmal neu erfinden, um seine Absätze auch in den kommenden Jahren mit ähnlich hohen Gewinnmargen weiter steigern zu können.

iPhone X: Ein Smartphone aus einem Guss   

Dafür hat Apple in jahrelanger Arbeit sein Smartphone-Design überarbeitet: “Seit über einem Jahrzehnt war es unser Bestreben, ein iPhone zu kreieren, das zur Gänze ein Display ist”, erklärt Apples Designchef Jony Ive die Ambitionen des Techpioniers. “Die Verwirklichung dieser Vision nennen wir Apple X”– ausgesprochen “zehn” in Anlehnung an das zehnjährige Jubiläum des Apple-Smartphones.

“iPhone X läutet eine neue Ära für das Phone ein – eine, in der das Gerät im Erlebnis aufgeht”, erklärt Ive. Tatsächlich hat das iPhone mit Ausnahme des Upgrades vom iPhone 5s auf die beiden weitaus größeren Modelle iPhone 6 und 6 Plus nie eine stärkere Weiterentwicklung erfahren. Das iPhone X kommt erstmals mit einem Display aus einem Guss daher: Die seit zehn Jahren bekannten schwarzen Ränder (Bezel) oben und unten am Bildschirm verschwinden beim iPhone X ebenso wie der Home-Button.

iPhone X kommt mit OLED-Display und Face ID

Der Grund für den Schritt ist die Verwendung eines neuen Bildschirms: dem bislang ausschließlich von Samsung gefertigten OLED-Display, das eine knackigere Farbgebung und größere Bruchsicherheit verspricht. Gleichzeitig hat Apple in der Bedienung nachgebessert und sich von seinem seit zehn Jahren bekannten Home-Button getrennt.

Stattdessen aktiviert der Nutzer das iPhone X nun mit einem Wisch nach oben. Der seit dem iPhone 5s bekannte Fingerabdrucksensor Touch ID fällt nach vier Jahren nun ebenfalls weg und wurde durch eine neuartige Gesichtserkennungstechnologie ersetzt, die Apple Face ID nennt. Das mit Infrarotkamera betriebene neue Authentifizierungssystem gilt als 20-mal sicherer als der bisher verwendete Fingerabdrucksensor.

“iPhone X ist die Zukunft des Smartphones. Es ist vollgepackt mit unglaublichen neuen Technologien, darunter dem innovativen TrueDepth Kamerasystem, dem wunderschönen Super Retina Display und dem superschnellen A11 Bionic Chip mit neuraler Architektur”, erklärt Marketingchef Phil Schiller die bahnbrechenden Neuerungen des iPhone X.

Verbesserte Kamera und Animoji

Tatsächlich hat sich unter der Oberfläche ebenfalls einiges getan:  So wurde auch das Kamerasystem (12 Megapixel auf der Rückseite, 7 Megapixel auf der Front für Selfies) weiterentwickelt (Porträtmodus und Videoaufzeichnung verbessert) und für den Einsatz von Augmented Reality-Anwendungen optimiert.

Auch für die Emoji-versessene Snapchat-Genration hat Apple ein neues Feature namens Animoji gelauncht: Die Kamera des iPhone X erfasst und analysiert die Bewegung der Gesichtsmuskel und animiert diese anschließend in unterschiedlichen Animojis.

iPhone X startet bei 1149 Euro und wird erst im November ausgeliefert 

Apples neu designtes Smartphone-Flaggschiff kommt in Silber und Spacegrau, aber lediglich einer Größe daher – nämlich in den Maßen 143,6 x 70,9 x 7,7 Millimeter und ist damit deutlich kleiner als das bisherige Spitzenmodell iPhone 7 Plus. Wegen seines randlosen Designs ist die Nutzfläche des Displays mit 5,8 Zoll jedoch sogar größer als beim Plus-Modell.

Die iPhone-Innovation hat jedoch ihren Preis: Das iPhone X kommt in der kleinsten Version mit nur 64 GigaByte Speicher für happige 1149 Euro in den Handel. Für die größere Version, zu der Kunden eher neigen dürften, müssen Apple-Fans unterdessen schon 1319 Euro berappen.

Vor allem müssen sich iPhone X-Interessenten noch in Geduld üben: Das neue Premium-Smartphone aus Cupertino kann erst ab dem 27. Oktober vorbestellt werden und kommt wegen der komplizierteren Fertigung erst am 3. November in den Handel.

iPhone 8 und iPhone 8 Plus bereits nächsten Freitag erhältlich

Schneller zum Zuge kommen Apple-Aficionados bei den Nachfolgern zu den bisherigen Spitzenmodellen iPhone 7 und 7 Plus. Als iPhone 8 und iPhone 8 Plus bringt Apple ein neues Modell mit 4,7 Zoll und 5,5 Zoll-Display im gewohnten Look, aber veränderter Rückseite auf den Markt. Die neue iPhone-Generation mit LCD-Display wird mit einem Glasrücken in Silber, Gold und Spacegrau ausgeliefert, um wie das iPhone X künftig auch kabellos aufladbar zu sein.

Zudem wurden beim Bildschirm mit dem neuen Retina HD Display und beim Prozessor mit dem A11 Bionic-Chip nachgebessert. “iPhone 8 und iPhone 8 Plus sind eine neue iPhone-Generation, die alles, was wir am iPhone lieben, verbessert”, pries Marketingchef Phil Schiller Apples zweite Smartphone-Premiumklasse an, die gegenüber dem iPhone 7 eine Preisanhebung erhielt und ab 799 bzw. 909 Euro erhältlich ist.

Interessanterweise können die Vorgängermodelle iPhone 7 und sogar noch das iPhone 6s nach Preisnachlässen nun bereits ab 629 bzw. 519 Euro erworben werden. Der Preis für Einsteigermodells iPhone SE wurde unterdessen auf 409 Euro herabgesenkt.

Auch Apple Watch Series erneuert

Das war noch nicht alles: Apple-Chef Tim Cook enthüllte auf der Keynote ebenfalls die dritte Generation der Apple Watch, die er vor genau drei Jahren der Weltöffentlichkeit vorgestellt hatte, bislang aber nicht an den Erfolg anderer Apple-Produkte anknüpfen konnte, was nicht zuletzt an der nötigen Kopplung mit dem iPhone lag.

Mit der vorgestellten Apple Watch Series 3 endet nun die Abhängigkeit vom iPhone: Die Apple-Smartwatch ist nämlich künftig mit eingebauten LTE-Chip erhältlich und kann so eigenständig eine Verbindung zum Mobilnetz aufbauen. Apple Watch-Träger können auf der Smartwatch aus Cupertino so künftig Musik von Apple Music streamen, Telefonanrufe annehmen oder Nachrichten erhalten, ohne dass ein iPhone mehr in der Nähe sein muss.

Die neue Unabhängigkeit hat ihren Preis: Ab 449 Euro sind Apples Watches der dritten Generation ab nächsten Freitag erhältlich – zuzüglich der Mobilfunkgebühren des Providers. (In den USA verlangen Netzbetreiber 10 Dollar im Monat für die Mobilfunk-Nutzung.)

Apple TV nun mit 4K und HDR

Auch einem Langzeit-Hobby spendierte Apple ein weiteres Update: Seit 2006 versucht der Techpionier aus Cupertino mit der Set-Top-Box Apple TV die Grundlagen des digitalen Fernsehens neu zu definieren. In der nun fünften Generation von Apple TV können Käufer Filme und Serien dank 4K- und HDR-Unterstützung nun auch im Wohnzimmer in Kino-Qualität erleben. Apples neue Set-Top-Box kommt am nächsten Freitag ab 199 Euro in den Handel.

An der Wall Street kam Apples Produktfeuerwerk zunächst gut an und wurde mit Kursaufschlägen der Apple-Aktie goutiert; die Aussicht auf eine spätere Auslieferung des iPhone X zog die Papiere jedoch wieder in die Tiefe.

Im Video: Apple stellt das neue iPhone X vor