Warum die Investoren noch zu Zetsche halten

Großaktionäre von Daimler halten trotz der Gewinnwarnung und des massenhaften Rückrufs von Mercedes-Fahrzeugen noch an Vorstandschef Dieter Zetsche fest. Doch das könnte sich ändern – unter einer Bedingung.

Großaktionäre von Daimler wollen trotz des massenhaften Rückrufs von Mercedes-Fahrzeugen aktuell noch keinen Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche fordern. Das ergab eine Umfrage der WirtschaftsWoche unter großen Investoren. Einige wollen derzeit noch abwarten, wie der Widerspruch von Daimler gegen den amtlichen Rückruf von 774.000 Autos ausgeht und erst dann ein Urteil über Zetsche fällen. „Aktuell kennen wir noch nicht alle Fakten“, begründet das einer.

Der Daimler-Chef hatte nach dem Auffliegen von Dieselgate bei Volkswagen beteuert, dass bei seinem Unternehmen, das er seit zwölf Jahren führt, nicht betrogen werde. Der Rückruf könnte – wenn Daimlers Widerspruch dagegen abgewiesen wird – das Gegenteil belegen und Zetsche der Unwahrheit überführen – oder als schlecht informierten Unternehmenslenker entlarven. Beides wäre wenig schmeichelhaft und könnte in einen Rücktritt münden, den dann auch Investoren fordern könnten.

Allein: Die Zeit spielt dabei im Moment für Zetsche: Sein Vertrag läuft nur noch bis Ende 2019 – und wie lange der Gang durch die Instanzen dauert, steht in den Sternen. Aktuell jedenfalls liegen dem zuständigen Verwaltungsgericht in Schleswig „keine Klagen von Autoherstellern“ vor. Daimler hat also noch keine Klage eingereicht. Das geht auch nicht, denn vor Erhebung einer entsprechenden Klage muss der Konzern noch ein Widerspruchsverfahren beim Kraftfahrt-Bundesamt in die Wege leiten. Dieser Widerspruch ist laut Gericht „binnen eines Monats nach Bekanntgabe des Bescheides zu erheben“. Eine mögliche Klage müsste dann „binnen eines Monats nach Zustellung des Widerspruchsbescheides erhoben werden“. Wie lange ein gerichtliches Verfahren dauere, hänge dabei „von den Umständen des Einzelfalles ab. Insoweit gibt es auch keine Erfahrungswerte, da entsprechende Verfahren noch nicht verhandelt worden sind“, teilte das Gericht der WirtschaftsWoche mit.


Läuft es gut für Zetsche, kann er sich einen Rücktritt also ersparen – denn das Verfahren könnte länger laufen als sein Vertrag. Für Zetsche steht nichts weniger als sein Lebenswerk auf dem Spiel. Er hat Daimler in zwölf Jahren Amtszeit aus den Trümmern an die Weltspitze der Premiumanbieter gehoben. Mercedes liegt heute weit vor BMW, Audi und Co.

Und so loben auch Investoren Zetsches Verdienste für Daimler. Einer etwa gibt dabei zu bedenken, dass das Dieselproblem eigentlich ein deutsches Problem sei. „Im wichtigen chinesischen Markt etwa interessiert das niemanden“, sagt ein Großaktionär. Er kann sich, wie die meisten, nicht offiziell äußern – dagegen sprechen schon die Regeln der Compliance. So dürfen viele Investoren nicht öffentlich über einzelne Aktien urteilen. Anleger mussten also hinter vorgehaltener Hand reden. Daimlers größter Aktionär, der chinesische Konzern Geely mit seinem Chef Li Shufu, wollte sich nicht äußern. Es ist aber allgemein bekannt, dass der Chinese eher ein langfristig orientierter, strategischer Investor ist, der sich nicht von kurzfristigen Entwicklungen leiten lässt.

„Das Management unterschätzt dieses Risiko“

Klar ist für viele Investoren aber auch eins: „Zetsche hat viel für Daimler erreicht – aber seine Erfolge werden zunehmend vom nicht enden wollenden Dieselskandal überschattet. Unser Wohlwollen leidet darunter“, spricht es Bert Flossbach vom Vermögensverwalter Flossbach von Storch als einziger offen aus. Flossbach gehört mit 1,5 Prozent der Daimleraktien zu den größten Aktionären. Stürzen will Flossbach Zetsche aber auch nicht.

Er hat vielmehr eine andere Sorge: „Der Dieselskandal belastet den Aktienkurs. Der Erfolg des Unternehmens spiegelt sich aktuell in keiner Weise im Börsenwert wider. Das ist nicht nur enttäuschend für die Aktionäre, sondern auch eine Gefahr für Management und Unternehmen, das in die Hände ausländischer Investoren fallen könnte. Das Management unterschätzt dieses Risiko“, sagt Flossbach.


Den Grund sieht er vor allem darin, dass Daimler den Wert der Lkw-Sparte nicht hebt: „Ein großes Problem ist, dass Pkw- und Lkw-Geschäft unter einem Dach vereint sind – der Wert des Gesamtunternehmens ist viel niedriger ist als die Summe seiner Teilbereiche. Ein unfreundlicher Käufer könnte sich dies zu Nutze machen und seinen Übernahmekredit mit dem Verkauf eines Unternehmensteils ablösen. Den anderen Teil bekäme er dann fast zum Nulltarif.“ Spätestens seit dem Einstieg von Li Shufu würde man solche Überlegungen in Stuttgart nicht mehr „als Sandkastenspielchen abtun“ können, zumal es in China vermutlich weitere Interessenten gebe, so Flossbach. Für ihn wäre es „eine Ironie des Schicksals, wenn ausgerechnet der Dieselskandal den Wert des Unternehmens soweit drückt, dass es zum Spielball ausländischer Großinvestoren würde“. Daimler müsse daher „rasch handeln, das Unternehmen in zwei völlig eigenständige Einheiten „Cars“ und „Trucks“ aufteilen, die separat an der Börse notieren und zusammengerechnet viel mehr Wert wären als der derzeitige Discount-Preis für das Konglomerat aussagt“.

Zetsche könnte noch viel zu tun haben – wenn die Investoren ihn lassen.